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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Will Essig/Schloss Elmau

Musikort

Schloss Elmau

Immer noch ein Märchenschloss der Klassik, des Jazz und der Literatur: Elmau ist Luxushotel und schöngeistiger Ort zugleich.

Jeder darf, aber unumwunden: nicht jeder kann hierherkommen. Das regelt der Preis. Schloss Elmau ist inzwischen eines der schönsten Luxushotels der Welt, das zugleich fern dieser Welt liegt. Ein Märchenschloss in einem Hochtal zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald, so unberührt schön, dass man bei jedem Besuch, taucht der gelbe Bau mit dem charakteristischen Turm hinter dem letzten Hügel der Wegführung auf, erstmal die Augen zusammenkneift. Und doch gibt es eine kleine Lücke im Angebot zwischen „Hideaway“ (dem Schloss) und dem noch teureren „Retreat“ (das ist das zweite Hotel im Hotel, gebaut seinerzeit zum G7-Gipfel): das exquisite Kulturprogramm. Dazu hat jeder Bewohner der Region im Umkreis von 80km auch von außen Zutritt, sofern es noch Plätze gibt. Und dann kann man für vergleichsweise kleines Geld die Großen hören: Igor Levit und Isabelle Faust, Gautier Capuçon, Martin Helmchen, ja sogar Gidon Kremer, Grigory Sokolov und Martha Argerich, Christian Gerhaher und Ian Bostridge, Brad Mehldau und Jan Garbarek treten hier auf. Und man kann diversen angesagten Schriftstellern lauschen. So intim und nahbar wie sonst nirgends. Denn das Kulturprogramm von Schloss Elmau ist fast so alt und berühmt wie das gesamte Hotel, das ja eigentlich kein Betrieb, sondern eine Institution ist. Honorar bekommen die Eingeladenen und gerne Kommenden übrigens keins. Man wird mit Hotelnächten bedacht, die man mit der Familie abwohnen kann. Qualitätszeit ist bisweilen wichtiger als Euros. Außerdem ist das Übernachten hier teuer – wenn man nicht rechtzeitig eines der wenigen Pauschalangebote knackt. Doch das schönste Kunstspektakel gibt es jeden Morgen: die Natur. Über zartgrünen Fichten- und Lärchenspitzen erhebt sich himmelstürmend der schroffe Kalkkarst der Wettersteinwand. Der Himmel ist blau und wolkenlos, schöner kann der Sommer in Oberbayern nicht sein. Oder es ist verwunschen nebelverhangen, dann sind auch von den Höhenwegen aus der Schachen mit dem schrägen Berghaus König Ludwigs II. (unten Almhütte, oben schwül orientalischer Saal), Alp- und Zugspitze nicht auszumachen. Kein Problem, bei diesem Wetter locken neun Pools in zwei Spas oder der Hamam oder die Sauna am Bach. Oder die wunderfeine Bibliothek im Leseerker, ein wahrer Ort der Stille. Eine bestsortierte Buchhandlung und einen Laden gibt es auch, da kann man die Elefantenkissen und Goldwindlichte, die das Schloss schmücken, käuflich erwerben. Doch es gab bis vor 16 Jahren ein anderes Schloss Elmau. Fast jeder der alten Elmauer Gäste, jener verschworenen Geheimgesellelschaft, die hier schon seit Jahrzehnten herkam, lange vor dem großen Brand im Jahr 2005, entwickelte ganz schnell einen Absolutheitsanspruch auf diesen in seiner spröden, ein wenig abgewetzten Schönheit aber so wunderbaren Hotelkasten. Der strenger Zauberberg und tröstlicher Zufluchtsort in einem war. Der arme, ein wenig esoterisch verblasene Wanderprediger Johannes Müller bekam es 1916 von einer Gräfin Waldersee an diesen magischen Ort gestellt. Die hatten nämlich was miteinander, so munkelt es die Chronik. So wie es in Elmau viele mit vielen hatten. Nicht nur der Kindersegen des nunmehr Müller-Elmau geheißenen Clans ist legendär, auch die Seitensprünge der Gäste. Der berühmte Tanz im Tau, barfuß und mit Blumen im Haar, fand meist noch eine Fortsetzung, über die selten gesprochen wurde. So mancher der Helferinnen (so nannte man die unbezahlten und freiwillig den Hotelbetrieb als Zimmermädchen stützenden Töchter von Gästen) zahlte einst Yehudi Menuhin fünf Mark dafür, dass sie ihm eine von seinem Fenster aufs Dach geflogene Briefmarke erkletterte – und er ihr nebenbei unter den Rock schauen konnte. Das Schloss war auch ein gefragter protestantischer Heiratsmarkt.

Ideologien und Ideen

Ein Hotel dient dem Erwerb. Dem von Geld aufseiten des Besitzers. Dem von Servicequalität und Lebensfreude aufseiten des zahlenden Gastes. In Schloss Elmau, das in den Fünfzigerjahren wegen allzu großer ideologischer Nähe Johannes Müllers zu Adolf Hitler in die Hände einer Tochter und ihres italienischen Mannes übergegangen war, vermischten sich aber immer mehr die Parteien. Die Gäste, je älter sie wurden, reklamierten Elmau und dessen von ihnen flammend verteidigte Ideologie als ihren Privatbesitz. Elmau war eben nur zum geringeren Teil Beherbergungsbetrieb und zu größerem Teil Weltanschauung. Dazu gehörte natürlich vor allem das Festhalten an den klassischen Konzerten von Weltrang, die von Anfang an Elmau einmalig gemacht hatten. Benjamin Britten und Yehudi Menuhin, Elly Ney und Wilhelm Kempf: Sie alle hatten in der Elmau gelebt, geurlaubt, geprobt und gespielt. Später waren Thomas Quasthoff und Sabine Meyer, Christian Tetzlaff, Lars Vogt oder Barbara Hendricks hier regelmäßig zu hören. Und wer erlebt hat, wie gerade Kinder, nach Abenteuerferien, Badespaß und Abendessen satt, an den Lippen von weltberühmten Sängerinnen und den Fingern von Pianisten hingen, dem wurde es um eine angebliche Klassikkrise nie bang. Und langweilten sich die Gören, so wurden sie eben zur Pause schnell ins Bett einen Stock höher verfrachtet. Man pflegte hier das Anderssein. Intellektuell und streng. Elmau war ein wenig wie Kloster und Jugendherberge zugleich. Man gab sich elitär. Vor allem die alten Damen, an ihrer Spitze die greise Hilde Domin, die mit leicht zerzaustem Haar in ihren Leseecken auf die stetig größer werdende Kinderschar starrte. In Elmau gab es keinen Fernseher, nur in einem Gemeinschaftsraum wurde einmal am Tag die „Tagesschau“ gestattet. Man tanzte immer mittwochs Quadrille zu Klavierbegleitung. Samstags war oft Ball, die Damen im Rock, die Herren im weißen Hemd. Das Schloss veraltete, die Gäste auch, der Betrieb lief immer schlechter. Den Hochmut aber, den ließ man sich nicht austreiben. Bis Dietmar Müller-Elmau, ein Enkel von Johannes Müller, reich geworden mit einem Hotelsoftwaresystem, Mitte der Neunzigerjahre als Geschäftsführer einstieg. Ihn trieb die Hassliebe, gepaart mit Dickköpfigkeit und spontanem Furor. Der Elmau und ihren Zwängen war er oft entflohen, doch von ihr lassen wollte er nicht. Er renovierte vorsichtig, öffnete das Haus vor allem für Familien, fügte dem kulturellen Spektrum im eigens erbauten Saal die Literatur und philosophische Tagungen sowie Jazzkonzerte hinzu. Peter Sloterdijk hatte hier 1999 seine „Regeln für den Menschenpark“ vorgestellt. Dann kam der Brand, dann die Luxussanierung, um überleben zu können. Was seit 2015, dem Jahr des G7-Gipfels auf Elmau samt dem ikonografischen Merkel-Obama-Bild auf der Holzbank, kein Problem mehr ist. Auch wenn die Pandemie natürlich Dellen geschlagen hat. Aber Sokolov und Kremer und Gerhaher sind wieder da. Im herrlich klingenden Konzertsaal und beim Frühstück oder an der Bar zu erleben.

www.schloss-elmau.de

Kultur im Schloss

Das exquisite Kulturprogramm wird inzwischen von Sarah Kesting, der Tochter von Kulturredakteur Hanjo Kesting und Nichte des Musikkritikers Jürgen Kesting, verantwortet. Christian Gerhaher, dessen Liedwoche mit der Vorstellung seiner 11-CD-Lieder-Box zu Ende ging, kommt Ende September 2023 für seine dritte Liedwoche. Für Klassik- und Jazzliebhaber gibt es das hochkarätig besetzte 22. European Jazztival „Skandinavien“ (16. bis 20. November), gefolgt vom 12. Verbier Festival @Schloss Elmau (27. November bis 4. Dezember) mit 15 Solo-, Kammermusik und Orchesterkonzerten. Literaturinteressierte bekommen während der Buchmessetage (24. bis 27. Oktober) wichtige Herbstnovitäten präsentiert und begeben sich im November auf literarische und musikalische Zeitreise nach Japan anlässlich der Japanischen Literaturtage (21. bis 25. November). Das neue Jahr startet mit der Kammermusikwoche (9.–17. Januar) und ihrem „Who is Who“ der Streichquartette.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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