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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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(c) Nikolaj Lund

Antonello Manacorda

Alles im Fluß

Mozart als Meisterbeweis: die Kammerakademie Potsdam stellt sich unter ihrem Chef den drei letzten Sinfonien.

KAP“. Eine Abkürzung, die in Deutschlands Klassik-Szene immer noch zu wenig Leute kennen. Obwohl Antonello Manacorda und seine Musiker von der Kammerakademie Potsdam seit 10 Jahren alles tun, im Konzert, auf Tour wie auf hervorragend rezensierten Alben, um die „KAP“ auch als Kurzform populärer zu machen. 2001 wurde das Orchester als Schmerzensgeburt gegründet: In Brandenburgs Hauptstadt hatte man eben die Philharmonie abgewickelt, aber den neuen, akustisch wunderbaren Nikolaisaal eröffnet. Und so wurde, auch auf Druck und unter Engagement der Bevölkerung, aus dem Persius Ensemble und dem Berliner Ensemble Oriol die neue Kammerakademie geschmiedet. Nach Gründungschefdirigent Peter Rundel leisteten Sergio Azzolini und Michael Sanderling wertvolle Aufbauarbeit; der Sanderling 2010 nachgefolgte Italiener Antonello Manacorda konnte bereits ernten. „Und das tue ich immer noch, und mit Vergnügen“, gesteht der 51-jährige, der gegenwärtig auch keinen Grund sieht, diesen Status zu ändern. „Unsere Reise ist noch lange nicht zu Ende, das hat mir besonders die Zeit der Pandemie gezeigt, wo wir gekämpft und auch Erfolge gefeiert haben. Wir sind ein frei finanziertes, von der Stadt Potsdam wie dem Land Brandenburg unterstütztes Orchester. Für uns war es natürlich dramatisch, als plötzlich alle Konzerte weggefallen sind. Aber unsere Geldgeber wie auch unser Freundeskreis haben uns vorbildlich geholfen. Was wir auch als große Wertschätzung verstanden haben. Gleichzeitig haben wir uns bemüht, so viel wie möglich auch online präsent zu sein oder mit KAPmobil in kleiner Besetzung direkt zu unserem Publikum zu kommen.“ Der Turiner, der früher als Violinist Konzertmeister im gemeinsam mit Claudio Abbado gegründeten Mahler Chamber Orchestra war und relativ spät, aber mit den höheren Weihen Abbados wie des finnischen Pultlöwenschmieds Jorma Panula versehen, den Weg vom ersten Pult zum Dirigentenpodium gefunden hat, verfolgt seine Zweitkarriere freilich mit bemerkenswerter Konsequenz. Aber ohne zu puschen. Und so stehen allein diese Spielzeit drei bedeutende Debüts an: bei den Berliner Philharmonikern, beim Tonhalle-Orchester Zürich und an der Berliner Lindenoper. Schon vorher hat sich Antonello Manacorda besonders als Mozart-Interpret an den großen Opernhäusern von Wien bis London, Brüssel bis New York, Venedig bis Glyndebourne etabliert. Und mit Wohnsitz in Berlin macht ihm die ersprießliche Zusammenarbeit mit der KAP besonders viel Spaß. „Wir sind da ganz tiefenentspannt. Und selbst wenn ich nicht mal mehr der Chef sein sollte, dieses Orchester hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, und das ist gegenseitig. Also werde ich hier noch lange eine Rolle spielen.“

Einmal Romantik und zurück

Im zweiten Corona-Lockdown letzten November hat man sich nun auf Mozart konzentriert und die berühmte Trias der drei letzten Sinfonien eingespielt. „Das war natürlich eine Herausforderung, denn die Konkurrenz ist groß. Doch ich denke, wir können bestehen. Wir haben diese Werke oftmals einzeln erprobt – ich schätze von Mozarts Sinfonien eigentlich sonst nur noch seine Allererste, die ist wirklich ein Geniestreich. Mein Mozart fußt auf dem von Abbado wie Daniel Harding, unter beiden habe ich selbst vielfach gespielt, und natürlich auf meiner reichen Opernerfahrung. So hat sich ein ganz natürlicher Fluss entwickelt. Wir spielen auf modernen Streich- wie Holzinstrumenten und historischen Blechinstrumenten, sind flexibel und aufmerksam. Wir müssen deshalb auch nicht mit absurden Tempi oder grotesken Stauchungen um Aufmerksamkeit heischen, wir haben auch so etwas zu sagen über das Dialogisieren bei und mit Mozart.“ Zumal diese drei wunderbar natürlich und doch eloquent sich entfaltenden Mozart-Sinfonien eingebunden sind in ein größeres Projekt, wie Antonello Manacorda weitererzählt: „Bei unserem Plattenpartner haben wir fast so etwas wie Carte blanche, seit wir mit unseren kompletten Schubert-Sinfonien so eingeschlagen haben. Ein Mendelssohn-Zyklus folgte, wir haben natürlich auch viel Haydn und alle Brahms-Sinfonien im Konzert aufgeführt. Und weil wir gerade dabei sind, alle Beethoven-Sinfonien einzuspielen – drei sind ,dank‘ Covid schon im Kasten – war die terminlich bestens passende Rückkehr zu Mozart eine wunderbare Möglichkeit, sich wieder intensiv mit der klassischen Rhetorik zu beschäftigen. Die ‚Jupiter‘-Sinfonie könnte ja beinahe schon von Beethoven sein. Wir sind also von der Klassik aus erst einmal in die Romantik vorgestoßen und kehren nun quasi von beiden Seiten zum Zentrum Beethoven zurück. Das ist ideal. Und ich bin mit den Resultaten bei Mozart wie Beethoven gleichermaßen zufrieden.“

Neu erschienen:

Mozart

Sinfonien Nr. 39, 40 & 41

mit Kammerakademie Potsdam, Manacorda

Sony

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Orchesterrakete

Antonello Manacorda wurde 1970 in Turin geboren. Er studierte dort und in Amsterdam Geige. 1994 bestellte ihn Claudio Abbado zum Konzertmeister des Gustav Mahler Jugendorchesters. 1997 war er als Konzertmeister und Vizepräsident Mitgründer des Mahler Chamber Orchestra. Mit dem MCO spielte er in Europa, Nordamerika und dem Fernen Osten, zudem unter Pierre Boulez, Bernard Haitink, Marc Minkowski, Trevor Pinnock, Christopher Hogwood und Daniel Harding. Ab 2001 studierte er bei Jorma Panula Dirigieren. Schnell erhielt er internationale Engagements, nach Spielzeiten am Teatro Dal Verme in Mailand wechselte er 2010 zur Kammerakademie Potsdam, 2011-18 war er auch Chefdirigent beim Het Gelders Orkest in Arnhem. Bedeutende Opernengagements folgten.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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