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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Gregor Hohenberg

Kian Soltani

Das Ein-Mann-Filmorchester

Auf seinem Album „Cello Unlimited“ verwandelt der Cellist sein Instrument in ein volles Orchester – und feiert die Filmmusik.

Für den richtig fetten Filmmusikeffekt benötigt man üblicherweise ein riesiges Orchester. Oder den Cellisten Kian Soltani, der auf seinem neuen Album den Begriff „Einmannkapelle“ in völlig neue Dimensionen hebt. Als Solist und Kammermusiker, aber auch als Stimmführer bei Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, ist der 1992 geborene Österreicher gewohnt, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Sein einziger musikalische Partner auf dem Album „Cello Unlimited“ hingegen heißt Kian Soltani, denn vom Bass bis zur Melodiestimme hat er jeden Part darauf selbst übernommen. Einzeln eingespielt und übereinandergelegt, erzeugen die Stimmen einen Streicherklang, der mit elegischem Schmelz und bis zur Orkanstärke aufgedrehter Dramatik jener Musik huldigt, die Soltanis Leben seit Kindheitstagen begleitet: Es ist der Sound, mit dem Komponisten wie Howard Shore und Hans Zimmer unter anderem der „Herr der Ringe“-Trilogie und den „Fluch der Karibik“-Filmen ihren unverwechselbaren Hollywoodstempel aufgedrückt haben. Nach einiger Zeit hatte Soltani so eine ganze Reihe von Stücken eingespielt. „Damit hatte ich sozusagen die Urversion meines Albums.“ Das künstlerische Ergebnis gab der Experimentierfreude des Cellisten Recht, das technische weniger. Doch Perfektionsdrang und eine coronaverordnete Zwangspause bei der Berufsausübung brachten das Projekt voran. „In den ersten Wochen der Pandemie hatte ich jede Menge Zeit“, berichtet Kian Soltani, der hauptsächlich in Zürich lebt, aber noch einen zweiten Wohnsitz in Wien hat. „Weil ich schon immer mehr über Technik wissen wollte, habe ich mir gute Mikrofone besorgt und bei mir zu Hause das Ganze noch einmal aufgenommen.“ Schon wenige Wochen später lag eine neue, um Meilen bessere Version vor, mit der er bei seinem Hauslabel vorstellig wurde. „Meine Produzentin war ganz begeistert, doch der Klang war natürlich immer noch nicht perfekt.“

Aufnahme-Marathon

Um dem Album den letzten Schliff zu geben, war eine dritte Fassung nötig, die diesmal unter professionellen Bedingungen im Studio entstehen sollte. Da Kian Soltani als tapferer Einzelkämpfer hierfür immer wieder dieselben Nummern in unterschiedlichen Stimmen aufnehmen musste (und zwar bis zu 40 Stück!), zog sich das Prozedere länger als üblich hin. „Insgesamt haben wir ein Jahr gebraucht“, sagt Kian Soltani, der für jeden Track um die zwölf Stunden vor den Aufnahmemikrofonen verbrachte. Außerdem waren für die Arbeit mit dem Toningenieur Partituren nötig, die bis dahin noch gar nicht existierten. „Bei der Aufnahme habe ich zum ersten Mal nach Noten gespielt“, sagt Soltani. Ein erfahrener Arrangeur hatte ihm das Material aus den herausgehörten Einzelstimmen seines Demo-Tapes zusammengestellt. Auch wenn sich Kian Soltani keinen großen finanziellen Vorteil von diesem Album verspricht, hat sich die Arbeit in seinen Augen dennoch gelohnt. „Es ist ein reines Geschenk an mein Publikum“, sagt er. Herzstück der CD sind Auszüge aus Hans Zimmers „Fluch der Karibik“-Filmmusik und von Howard Shores „Herr der Ringe“-Soundtrack, die Soltani in epischen Suiten zusammengefasst hat. Kennt man die Filme nicht oder hat man nicht gleich die passenden Bilder parat, ändert das nichts am Genuss: Der Sound ist plastisch genug, auch als unerfahrener Cineast kann man sich mühelos seinen eigenen Film im Kopf zurechtlegen. Das gilt auch für die anderen Stücken des Albums, darunter Schnipsel aus „The Bourne Identity“ und „The Da Vinci Code“ sowie ein Tango, den Alfred Schnittke zu Elem Klimows filmischer Rasputin-Biografie „Agonia“ (1974) beisteuerte. Der aufwendigste Track stammt übrigens von Kian Soltani selbst: das titelgebende, fiebrig erregte Bravourstück „Cello Unlimited“ ganz am Ende. „Die Arbeit daran hat sich über das ganze Jahr hingezogen, das wir für die Aufnahmen benötigt haben“, sagt der Cellist. Zum Bedauern aller Batman-Fans reichte die Zeit nicht mehr, um den ursprünglich ebenfalls vorgesehen „Dark Knight“-Soundtrack einzuspielen. Doch was nicht ist, wird bald schon werden. Kian Soltani verspricht: „Wir holen den Titel nach.“ Und zwar im ersten Quartal des kommenden Jahres, wenn die Vinyl-Version des Albums auf den Markt kommt.

Neu erschienen:

Neu erschienen:

„Cello Unlimited“

mit Soltani

DG/Universal

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Barenboim als Mentor

Als Spross einer persischen Musikerfamilie wurde dem 1992 geborenen Bregenzer Kian Soltani der Beruf praktisch in die Wiege gelegt. Mit 19 Jahren gelang ihm bei seinem Debüt im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins der internationale Durchbruch, seitdem ist er als Solist und Kammermusiker in der ganzen Welt zu sehen und zu hören. Ein besonderer Mentor für Kian Soltani ist neben der Geigerin Anne-Sophie Mutter, die ihn im Jahr 2014 mit einem Stipendium ihrer Stiftung bedachte, der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, der mehrfach mit ihm zusammen aufgetreten ist und ihn als Ersten Cellisten seines West-Eastern Divan Orchestra engagiert hat.

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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