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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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Raphaela Gromes

Dornröschen, nicht Rapunzel

Auf ihrem Album „Imagination“ spielt die Cellistin Märchenhaftes von Popper über Humperdinck bis zum „Herrn der Ringe“.

Acht Alben in sieben Jahren, das schaffen nicht mal Anne-Sophie Mutter oder Daniel Behle! „Imagination“, ihr neuester Streich, sieht fast aus wie eine Zugaben-Platte, hat aber in Wirklichkeit schummrige Märchenstoffe zum Inhalt. „Die Corona-Zeit – ich kann das Wort nicht mehr hören! – war eine deprimierende Zeit für mich“, so Raphaela Gromes offen. „Ich hatte mit vier angefangen Cello zu spielen, seitdem war es ein Leben aus Auftritten für mich“, erklärt sie. „Ich war niedergeschlagen.“ Also ging sie wandern; in der Nähe ihres Wohnortes am Starnberger See. „Beim Teufelstättkopf in den Ammergauer Alpen“ begab es sich, dass sie plötzlich von der Märchenstimmung, die dort herrschte, wie benommen war. „Eine Schlucht, ein Wasserfall, mit dunklen Tannen und Gegenlicht. Und plötzlich“, so Gromes, „kam mir der ‚Elfentanz‘ von David Popper in den Sinn, und Tschaikowskis ‚Dornröschen‘. Das war das Aufwachen aus dem Covid-Dornröschenschlaf für mich.“ Von Dvořáks „Lied an den Mond“ und Janáčeks „Podhádka“ geht die Wiedereröffnungsreise über Rimski-Korsakows „Hummelflug“ bis zu Humperdincks „Abendsegen“ aus „Hänsel und Gretel“ – letzteres arrangiert für Saxofon-Quartett mit zwei Celli. Für diese herrlichen Petitessen wählt sie meist tänzerisch leichte Sprungarten. Die Arrangements stammen von Pianistenfreund Julian Riem. „Wir haben exzessiv rumprobiert und arrangiert, so wie das nur unter Zeitbedingungen des Lockdowns möglich war“, berichtet Gromes über die positiven Seiten der Pandemie. Zahlreiche Freunde sind mit dabei. „Die kommen jetzt alle mit auf Tournee“, so Gromes. Eine Nicht-Corona-Hand wäscht die andere.

Singen, um zu bleiben

Das mit dem leichten, tänzerischen Zugang ist natürlich kein Zufall. „Bei Brahms würde ich einen schwereren Ton wählen – beim Elgar-Konzert auch“, präzisiert Gromes. „Grundsätzlich stimmt es, dass Leichtigkeit immer an mir liegt“. Virtuos, verspielt, humorvoll, das sei ihre Sache. „Kantabel vor allem, denn ich fühle mich der Oper sehr nahe und bin damit aufgewachsen.“ Ihre Lieblings-Opernaufnahme ist Verdis „Don Carlo“, dirigiert von Carlo Maria Giulini und mit Plácido Domingo in der Titelrolle. „Ich kann fast sagen, dass Domingo einer meiner wichtigsten Lehrer war“, erzählt sie. „Und zwar, ohne ihn je getroffen zu haben! Domingos Art zu phrasieren, Linien und Bögen zu bilden, hat mich fast mehr beeinflusst als jeder Cellist.“ Von denen hält sie natürlich auch sehr viel. „Besonders von Mstislaw Rostropowitsch!“ – wie fast jeder heutige Cellist. Außerdem von Truls Mørk und Yo-Yo Ma, welch letzteren sie von einem Meisterkurs her kennt. „Was für ein Charisma!“, schwärmt sie. „Yo-Yo Ma brauchte nur im Raum zu sein, und schon spielte ich besser.“ Von ihren Lehrern, so etwa von David Geringas, lernte sie außerdem, dass es auf nichts so sehr ankommt wie zu singen auf dem – nur scheinbar schwergängigen – Cello. Das hat sie perfekt zu beherzigen gewusst. Man merkt jetzt erst richtig, dass man es bei Raphaela Gromes mit der wohl erfolgreichsten deutschen Cellistin der Gegenwart zu tun hat (neben Marie-Elisabeth Hecker). Die 1991 in München geborene Tochter eines Cello-Ehepaars hatte zuvor alle möglichen Preise abgeräumt, so den Deutschen Musikwettbewerb, den Preis der deutschen Schallplattenkritik, zuletzt den Opus Klassik. Wie es die beiden Cello-Eltern hingekriegt haben, ihr Einzelkind derart zum eigenen Instrument zu bekehren, wüsste man schon ganz gern. „Das Cello war mein Geschwister“, sagt sie. Aber das erklärt es noch nicht. „Ich sah meine Eltern halt auf der Bühne“, so Gromes. Erfolgreich waren die damals, bevor die Ehe auseinanderging, als Nymphenburger Cello-Duo. „Immer hab’ ich gebettelt, dass ich auch Cello spielen will. Da lag eines irgendwann unterm Weihnachtsbaum.“ Sie war neun Jahre, als sie gemeinsam mit der Mutter alle zehn Wagner-Opern an der Berliner Staatsoper besuchte. „Ich war wie besessen! Die Autogramme von Barenboim und von Waltraud Meier habe ich immer noch.“ Nicht nur Hits und märchenhafte Zuckerln sind auf Album Nr. 8 drauf. Auch Trouvaillen wie der „Zauberkreis“ von Fanny Hensel und die „Märchenstunde“ von Strauss-Adeptin Margarethe Schweikert. Als ‚Zugabe zur Zugabe‘ folgt Howard Shores „Auenland“ aus dem „Herrn der Ringe“ sowie das Thema von Prinzessin Leia aus John Williams’ „Star Wars“-Filmmusik. „Der Film hat mich stark beeinflusst“, so Gromes arglos. Täuscht es, oder ist es auch ihr erstes Alben-Cover ‚mit offenen Haaren’? – „Es ist die erste CD mit kurzen Haaren!“, korrigiert sie. Dornröschen gern. Aber kein Rapunzel.

Neu erschienen:

Tschaikowski, Juon, Popper, Janáček, Dvořák

„Imagination“

mit Gromes, Riem, Dodds, Gaudemard, Chang, Arcis Saxophon Quartett

Sony

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Entdeckerinnenfreuden

An der Karriere von Raphaela Gromes kann man lernen: Wie man Alben macht, ohne immer dieselben Geschichten zu erzählen. Da gibt es originelle Rossini-Entdeckungen („Hommage à Rossini“) und Unbekanntes vom als Cellist gestarteten Jacques Offenbach. Von Richard Strauss hat sie eine Urfassung der – völlig unbekannten – Cello-Sonate entdeckt und erstmals aufgenommen. Das Schumann-Konzert bringt sie nur deswegen auf CD, um ein unerhörtes „Parallelwerk“ des Schumannianers Julius Klengel unter die Leute zu bringen. Also: Entdeckerinnen-Mut, wie man sich das nur wünschen kann. Stolz nennt sie sich „Exklusiv-Künstlerin“ der Sony. Die wissen, was man an ihr hat.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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