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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Tobias Hase

Isarphilharmonie

Geschenk des Himmels

Weit mehr als nur ein Interim: In München ist mit knappem Budget in Rekordbauzeit ein neues Kulturquartier mit Konzertsaal hochgezogen worden.

Seit der ersten Baustellenbegehung im Mai hat sich viel bewegt auf dem riesigen Gelände nahe der Isar: Das Dank seiner Adresse an der Hans-Preißinger-Straße 8 so genannte Quartier „Gasteig HP8“ ist zwar insgesamt noch alles andere als vollendet, aber der zentrale Komplex steht kurz vor der Einweihung. Die denkmalgerecht sanierte alte Trafohalle, genannt „Halle E“ bildet das Entrée und imponiert mit luftiger Höhe, durch das Glasdach fällt Tageslicht. Umlaufende Balkone mit blauen Balustraden verleihen dem Raum einen Hauch von maritimer Kühle, das Flair eines Ozeandampfers oder einer Kathedrale am Meer. Details wie ein historischer Kran erinnern an die industrielle Vergangenheit des Raums, der nun das Foyer der Isarphilharmonie bildet. Im Parterre werden ein Café und eine Bar installiert, die ganztägig geöffnet sind, außerdem dient der Raum als zusätzlicher Spielort. Die Halle E ist darüber hinaus Sitz der Stadtbibliothek, die ebenfalls – wie die Volkshochschule, der Sitz der Münchner Philharmoniker, die Hochschule für Musik und Theater – vom Gasteig in der Innenstadt während dessen Sanierung in das Sendlinger Quartier umziehen. Das Foyer ist ein Raum, der einlädt mit einer ganz eigenen Aura und mit seiner lichten Leichtigkeit einen wirkungsvollen Kontrast bildet zum neuen Saal, der wiederum eine ganz andere Form von unprätentiöser Noblesse ausstrahlt. Man staunt nicht schlecht, wenn sich – vom eher unauffälligen Äußeren her kaum zu vermuten – ein erstaunlich weiter Saal öffnet, dessen Wände mit Holzpaneelen in dunkelstem Anthrazit verkleidet sind. Eine ungewöhnliche Wahl, schwarz sind doch eigentlich sonst nur Kinosäle, aber hier wirkt das Dunkel nicht lastend, dieser Raum duckt sich auch nicht weg, sondern wirkt elegant und leicht. Was auch an dem hellen Zedernholz auf dem Bühnenboden, dem Eichenholz des Bodens im Zuschauerraum und der subtilen, sehr fein austarierten Beleuchtung liegen mag. Ein Saal, in dem man sich spontan wohl fühlt, der Weite atmet und zugleich Intimität suggeriert und eine inspirierende Nähe zur Bühne garantiert.

Hellbrauner Tieftöner

Paul Müller, Intendant der Münchner Philharmoniker, ist ein beherrschter Mann, aber knapp zwei Wochen vor der Eröffnung kann er seine Euphorie kaum verbergen: „Von außen ist es eine unspektakuläre Industriehalle, aber drinnen ist es ein absolut kompromissloser Konzertsaal. Trotz seiner großen Intimität bietet der Saal 1.900 Plätze, man erkennt die Dimension erst, wenn man vom Rang hinunterschaut, erst dann merkt man, wie groß der Saal in Wahrheit ist.“ Dem Zedernholz auf dem Bühnenboden werden die besten akustischen Eigenschaften attestiert, weiß Müller: „die Massivität des Holzes transportiert tiefe Frequenzen“. Der Boden hebt sich auch optisch effektvoll vom Dunkel des Saals ab, was die Konzentration auf die Bühne befördert. Für die Akustik wurde das weltberühmte Büro Nagata Acoustics von Yasuhisa Toyota engagiert, das unter anderem die Elbphilharmonie konzipierte. In München hat Toyota geriffelte Wandpaneele installieren lassen, die laut Müller „den Klang einerseits absorbieren, andererseits brechen, auf die Mischung kommt’s an!“ Der Saal ist 19 Meter hoch, in den Gängen ist viel Platz – als habe man die Pandemie schon mitgedacht – und auch die Klima-Anlage ist „auf dem neuesten Stand“, versichert Müller. Im Moment ist noch unklar, wie lange sich die Interims-Zeit hinziehen wird, aber Müller rechnet mit mindestens vier bis fünf Jahren: „Damit kann man nicht mehr von einem Interim sprechen, sondern eher schon von einer Ära. Deshalb wollen wir auch alles dafür tun, unsere Abonnenten nicht nur zu halten, sondern auch neues Publikum zu gewinnen.“ Die Chancen dafür stehen gut, denn das ganze Quartier hat nichts von einem ehrfurchtgebietenden Tempelbezirk der Hochkultur. Die Konzerte der Eröffnungswochen bieten eine möglichst breite Mischung, Daniil Trifonov spielt alle Beethoven-Klavierkonzerte, jeweils kombiniert mit großer Sinfonik von Strauss bis Ravel, um die Möglichkeiten des Saals ganz auszuloten. Darüber hinaus wollen die Münchner Philharmoniker mit ihrem Programm aber auch bewusst Neuland betreten: An der nahen Isar wird laut Müller „ein Ankerplatz für Musik errichtet“, der daran erinnern soll, dass die Isar im 19. Jahrhundert ein Verkehrsstrom für Flöße war, nun werden dort Klangobjekte und Elektronik installiert, „wir werden ein ganz neues Spektrum abbilden“, so Müller, „und andere Genres entdecken.“ Steven Walter, künstlerischer Leiter des Podium Esslingen und designierter Intendant des Bonner Beethovenfests, entwickelt ein neues Projekt namens „Einklang“, das eine immersive Konzertinszenierung mit Werken von Schubert und Terry Riley und ein „rauschhaftes Erlebnis“ verspricht. „Music in Motion“ ist das Motto der zehn Eröffnungstage, sagt Müller. Insgesamt sieht der Orchesterintendant den „Umzug als Chance zur Öffnung und Veränderung. Wir wollen uns ein stückweit neu erfinden, dieses Gebäude ist von keinem Image geprägt, es ist völlig frei. Diese Halle ist ein Geschenk des Himmels!“

Eine Plattform für alle

Auch der Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner ist nach ersten Akustik-Proben begeistert: „Das Orchester hat Debussy gespielt, der Klang ist sehr warm und rund und hat dennoch eine hohe Transparenz. Toyota erklärt, dass ein Anteil von etwa 30 Prozent des Akustik-Erlebens auf das Konto der so genannten Psycho-Akustik geht. Das bedeutet: Wie fühle ich mich in dem Raum?“ Die Nähe zum Publikum will er ganz grundsätzlich verstanden wissen: „Es passt zum Gasteig, wir waren mit Volkshochschule und Bibliothek immer schon eine Plattform für die gesamte Gesellschaft, und das wollen wir im Interim noch verstärken. Also ganz stark auf Kulturvermittlung setzen, auf stärkere Vernetzung. Wir landen hier nicht als Ufo, sondern haben uns darum gekümmert, wer hier noch vor Ort ist.“ Insgesamt ist Wagner seit fünf Jahren mit zwei Bauprojekten beschäftigt. Zum einen mit der vor allem aus technischen Gründen notwendigen Sanierung des Gasteig. Zum anderen mit dem Bau eines Interims für die Zeit der Sanierung. Die eigentliche Bauzeit der Isarphilharmonie ist mit etwa 18 Monaten sensationell kurz. Wagner erklärt: „Das lag daran, dass ich, beziehungsweise der Gasteig, der Bauherr war und immer sehr schnell entscheiden konnte, ohne mich langwierig mit anderen abstimmen zu müssen.“ Ein Beispiel, das Schule machen dürfte? Wagner räumt allerdings auch viel Glück ein, dass trotz Pandemie keine nennenswerten Lieferengpässe entstanden und alles schon vorher geordert war, denn „Holz ist heute so teuer wie Gold!“ Nur einmal sorgte er sich um die pünktliche Eröffnung: „Als wir das Glasdach der Halle E einbauen wollten, war es unglücklicherweise tiefer Winter, für den Glaseinbau ungünstig, zu kalt und sehr windig. Da habe ich jeden Tag auf den Wetterbericht gelauert. Zumal man ohne Dach nicht hätte weiterbauen können. Das war ein heikler Moment. Aber es hat dann gerade so noch geklappt.“

www.mphil.de/isarphilharmonie-info

Ich sach’ mal so …

Der Rat der Stadt München stimmte 2017 einer Generalsanierung des Gasteigs von 1985 zu. Als sich herausstellte, dass die im Gasteig beheimateten Institutionen während der Sanierung ausziehen müssen, war eine große Lösung gefragt. Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner prüfte erfolglos 36 Standorte. Ein im Verlauf von Wagners Antrittsbesuch beim Chef der Stadtwerke nur hingeworfener Satz zur Standortsuche brachte die rettende Idee, denn das HP8-Gelände gehört den Stadtwerken. „Wir haben gleich gesehen, dass das unheimlich viel Potenzial hat“, so Wagner. Die Kosten des gesamten Areals werden sich auf ca. 70 Millionen Euro belaufen, davon entfallen ca. 40 Millionen auf den Konzertsaal.

Regine Müller, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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