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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Birgit Gufler

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Das Opernfestival in Martina Franca – das ist nach dem ersten Salzburg- und Bayreuth-Premierenstau Kunsterholung pur. Weit weg von Franken und Österreich, im hitzeflirrenden Apulien, terminlich perfekt eingepasst, genießt man tagsüber süße Pool-Ruhe des Mezzogiorno, im Ort oder in einem der diversen Trullo-Hotels in den olivenbestandenen Hügeln des Itria-Tals. Abends gibt es, nach köstlichem Essen oder Sorbetti, Vokalanregung mit klingendem Gaumenkitzeln. Denn hier werden fast ausschließlich Raritäten gepflegt. „L’Angelica“, 1720 komponiert in Neapel von Nicola Porpora, ist das erste Opernlibretto des 22-jährigen Pietro Metastasio, der nun doch keine geistliche Laufbahn mehr einschlagen wollte. Porporas erst 15-jähriger Schüler Carlo Broschi, besser bekannt als Farinelli, hatte darin ebenfalls seinen ersten Bühnenauftritt. Das Orlando-Angelica-Medoro-Liebesdreieck aus Ariosts Epos „Orlando furioso“ wird zur zweistündige Serenata mit kaum Handlung; wobei sich Porpora seine schönsten, etwa vom Violoncello begleiteten Arien bis zum Ende aufspart. Mit sattem Klang dirigierte Federico Maria Sardelli seine rollendeckenden Sänger. Regieausstatter Gianluca Falaschi verlagerte – in Koproduktion mit dem Staatstheater Mainz – das amouröse Intrigenspiel so elegant wie sinnfrei an eine Speisetafel, wo unter den Wärmecloches die Requisiten warteten. Gespenster nach alten Commediadell’arte-Schablonen, Liebesleute und deren gewitzte Diener, die bevölkerten kürzlich das nüchterne Haus der Musik. Dorthin sind die traditionsreichen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik für ihre große Opernproduktion umgezogen; denn das Landestheater wird saniert. Der künstlerische Chef, Cembalist und Dirigent Alessandro De Marchi, ist zwar ein passionierter Ausgräber, aber nicht immer der beste Klanganwalt der Stücke von nicht immer gleichwichtiger Bedeutung. Doch die „Idalma“ des höchstens als Cembalisten in den Klangannalen registrierten Bernardo Pasquini (1637–1710), die dieser 1680 komponierte, war ein fulminanter, lustvoller Treffer. Da räkelt sich nicht müde ein bleiches Opernabbild aus der Historie, hier zeigt ein vitales Kunstprodukt von gestern, dass es noch viel Saft hat. Zudem hat Regisseurin Alessandra Premoli die abwechslungsreiche Geschichte eines Westentaschen-„ Don Giovannis“ zwischen zwei Frauen geschickt auf die technisch beschränkte Konzertsaalplattform gebracht. Als stumme Statisten renovieren eine stylishe Architektin und einige Bauarbeiter einen vernachlässigten Palazzo, der am Ende als Museum erstrahlt. Dann erscheinen auch sämtliche, als Schemen von gestern sehr konkret durch die Handlung tobende, toll singende Mitwirkende zum Familiengemälde geronnen. Müde machte hingegen Salzburgs neuer, prätentiöser „Don Giovanni“ von Romeo Castellucci und dem wirkungsbewussten Dirigenten Teodor Currentzis. Da stauchte und dehnte der Grieche am Pult seiner eigenen musicAeterna die Partitur nach Gutdünken. Mit historischer Aufführungspraxis hatte dieser manieriert zeigefingernde Abend wenig zu tun. Er war dafür aber gar nicht so weit weg vom zum Tondenkmal seiner selbst erstarrten Herbert von Karajan. Passend dazu verwandelte der nicht weniger selbstdarstellungsbewusste Castellucci das Große Festspielhaus in eine Kunstgalerie. Dort machte er sich Mozart untertan und zelebrierte vier sich ziehende Stunden lang eine „Don Giovanni“-Installation in Schwanenweiß mit viel Bedeutungsnebel. Er zeigte edle Tableaux mit Sängergarnierung und Mozart-Soundtrack. Die Musik aber ist schnell das unwichtigste Element dieses bedeutungshubernden Abends, wo Autos, Rollstühle, Konzertflügel und Bälle von der Decke in einen profanierten Kirchenraum knallen, eine Ziege, eine Ratte und zwei Königspudel allen die Schau stehlen sowie 150 Salzburger Statistinnen sich zu lebenden Bildern arrangieren.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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