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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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(c) Daniela Matejschek

Concentus Musicus Wien

Offen für Improvisation

Als Nachfolger von Nikolaus Harnoncourt sucht Stefan Gottfried mit dem Ensemble nach neuen Wegen, um das Erbe lebendig zu halten.

RONDO: Seit 2016 sind Sie künstlerischer Leiter eines der prägendsten Originalklang-Ensembles unserer Zeit. Was bleibt Ihnen von der langen Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt im Gedächtnis?

Stefan Gottfried: Seine unendliche Begeisterung und die Konzentration auf das konkrete Werk, die unermüdliche Suche nach einem tieferen Verständnis, um Musik intensiver erlebbar zu machen. Ich erinnere mich an sein unglaubliches Wissen und nicht zuletzt an seine sprudelnde musikalische und sprachliche Fantasie.

RONDO: Was hat Sie dazu bewogen, sich auf die so genannte Alte Musik zu spezialisieren?

Gottfried: Die Faszination für diese Musik begann in meiner Gymnasialzeit, sie wurde tatsächlich durch Harnoncourts Bücher und Aufnahmen geweckt. Es ist fesselnd, sich mit Hilfe alter Instrumente und Texte wie ein „Klangarchäologe“ in Vergangenes hineinzuleben und zu versuchen, die scheinbare Asche durch das eigene Musizieren wieder zum Glühen zu bringen. Entscheidend dabei ist, den damals selbstverständlichen freien, improvisatorischen Umgang mit dem Notentext neu zu lernen.

RONDO: Wie war die Erfahrung, zusammen mit den Konzertmeistern Erich Höbarth und Andrea Bischof in die Fußstapfen des Gründers zu treten?

Gottfried: Nikolaus Harnoncourt ist für die gesamte Klassikwelt einer der ganz Großen. In solche Fußstapfen kann man nicht treten. Man muss in der eigenen Schuhgröße seinen eigenen Weg finden. Im Concentus Musicus ist in knapp 70 Jahren eine gemeinsame musikalische Sprache gewachsen. Die sprechen wir, jeder von uns auf seine persönliche Art und Weise.

RONDO: In welche Richtung hat sich das Ensemble in den letzten Jahren entwickelt?
Gottfried: Das Erbe Harnoncourts, durch Wissen und Fantasie vergangene Musik wieder lebendig werden zu lassen, ist fixer Maßstab. Wichtig war und ist immer das Ausloten von Kontrasten, das „sprechende“ Gestalten und eine freie, „musikantische“ Spielweise. Das pflegen wir mit großer Begeisterung. Durch diesen sehr individuellen Zugang kommen wir auch zu neuen Erkenntnissen und Ergebnissen.

RONDO: Auf dem neuen Album sind Joseph Haydns Sinfonie Hob. I:99 in Es-Dur und Franz Schuberts fünfte Sinfonie in B-Dur D 485 zu hören – eine seltene Kombination.

Gottfried: Haydn und Schubert sind im Gegensatz zu Mozart oder Beethoven beide in Wien musikalisch sozialisiert worden, schon ab ihrer Kindheit als Sängerknaben am Dom und bei Hof. Der eine wird für den anderen naturgemäß ein wichtiges Vorbild in der eigenen Stadt. Zwei unterschiedliche Generationen, die aus demselben musikalischen „Genpool“ schöpfen. Das macht es sehr spannend, die Musik der beiden einander gegenüberzustellen.

RONDO: Welches neue Repertoire wollen Sie in Angriff nehmen?

Gottfried: Wir genießen es einerseits sehr, in unserem Kernrepertoire von Barock und Klassik so vieles neu zu entdecken, neu zu erleben und als neue „Concentus-Generation“ zu präsentieren. Andererseits ist es ungemein spannend, auch die Musikwelten von Schubert, Mendelssohn und anderen auf unsere Weise, in unserer „Sprache“ zu realisieren. Wie weit uns das bringen wird, wissen wir nicht. Wir lieben es unterwegs zu sein, ohne ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen. Dies tun wir überwiegend als Orchester. Wir genießen aber auch das Musizieren in kleineren Besetzungen und fühlen uns dabei an die frühen Jahre des Ensembles erinnert.

Zuletzt erschienen:

Haydn/Schubert

Sinfonie Nr. 99/Sinfonie Nr. 5

mit Concentus Musicus Wien, Gottfried

Aparté/harmonia mundi

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Corina Kolbe, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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