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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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(c) Christoph Köstlin

Seong-Jin Cho

Belcanto an den Tasten

Auf seinem aktuellen Album widmet sich der Pianist erneut Chopin: diesmal dem 2. Klavierkonzert und den Scherzi.

In Warschau hatte alles begonnen – und mit Chopin: „Mein erstes Album bei der Deutschen Grammophon war Bestandteil des Preises, den ich beim Warschauer Chopin-Wettbewerb zuerkannt bekam“, erinnert sich Seong-Jin Cho. Im Jahr 2015 war es, als sich der 1994 geborene, in Seoul aufgewachsene und in Paris bei Michel Béroff ausgebildete Pianist hier auf fulminante Weise den Sieg erspielt hatte. Das anschließende Album mit den 24 Préludes op. 28 und der b-Moll-Klaviersonate schlug ein wie eine Bombe, schnell lag der Exklusiv-Vertrag mit dem Major-Label zur Unterschrift bereit: „Im Januar 2016 war ich an Bord.“ Plattentechnisch ist seitdem viel passiert bei Seong-Jin Cho. Jährlich legte er ein neues Album vor, spielte Konzerte und Solowerke von Mozart, Debussy, Schubert, Liszt und Alban Berg ein und fand sich für ein Projekt mit Liedern von Wagner, Pfitzner und Strauss mit dem Sänger Matthias Goerne im Studio zusammen. Chopin jedoch ist so etwas wie eine Konstante in Chos Diskografie geblieben. Ein Jahr nach seinem Debüt mit dem Wettbewerb-Album sorgte er mit einer Aufnahme der vier Balladen und des 1. Klavierkonzerts für große Resonanz beim Publikum und bei der Kritik. Zur Seite gestanden hatte ihm bei diesem Projekt das London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda – das als musikalischer Partner nun auch bei der Einspielung des 2. Klavierkonzerts wieder mit dabei war. Den Plan, beide Konzerte für sein Label einzuspielen, gab es ursprünglich übrigens nicht. Es hat sich, gewissermaßen aus Symmetrie-Gründen, einfach so ergeben. „Nach dem Wettbewerb und den beiden ersten Alben wollte ich erst einmal eine Chopin-Pause einlegen, zumal sich die Anfragen nach diesem Repertoire bei mir häuften“, sagt Cho. „Ich wollte nicht als Spezialist gelabelt werden und habe ihn daher erst einmal drei Jahre auf Halde gelegt.“ Chopin sei wichtig gewesen als Karriereanschub, doch genauso wichtig sei es, sich seine Vielseitigkeit zu bewahren und neue Dinge auszuprobieren. „Chopin gehört ohne Zweifel zu meinen Lieblingskomponisten. Aber deshalb muss ich ja nicht gleich sein Gesamtwerk aufnehmen.“ Neben dem gewaltigen Umfang und dem nicht gerade kleinen Konkurrenzangebot gibt es einen weiteren Grund: „Mir liegt eben nicht alles von ihm gleich gut.“ Chos Interesse gilt hauptsächlich einzelnen Werken oder auch Werkgruppen wie den vier Balladen, die bereits auf dem Album mit dem 1. Klavierkonzert zu finden sind. Auf der neuen Aufnahme widmet er sich den vier Scherzi – nicht minder prominentes Repertoire, auch wenn es sich deutlich von allem unterscheidet, was Chopin sonst in seinem knapp 40-jährigen Leben komponiert hat.

Krass und kontrastreich

„Mich fasziniert, wie Chopin aus der vergleichsweise einfachen Form des Scherzos große Kunst macht“, sagt Cho. Die vier Geschwisterwerke hat er schon häufig in Konzerten gespielt, doch bei jeder Beschäftigung entdeckt er Neues in ihnen. „Die Scherzi sind viel krasser als etwa die sehr poetisch gehaltenen Balladen, der Kontrast zwischen A- und B-Teil ist immer extrem.“ Jedes dieser im Zehnjahreszeitraum zwischen 1833 und 1843 entstandenen Werke ist mit seinem eigenen, sehr persönlichen Charakter versehen. „Das erste hat etwas sehr Dämonisches, es wirkt wie ein Thriller auf mich, mit einer Art Wiegenlied als Trio; das zweite ist hochdramatisch, während man dem dritten deutlich die Melancholie anhört, die den Komponisten während der Arbeit befallen hat.“ Kein Wunder, entstand es doch während jenes berühmten „Winters auf Mallorca“, den Chopins damalige Gefährtin Georges Sand literarisch verewigte – und den der Dauerregen so konsequent vermieste. „Das 4. Scherzo hat wiederum einen sehr positiven Charakter“, findet Cho. Es stecke viel Bellini darin, dessen Belcanto-Schöpfungen Chopin abgöttisch liebte. Regelmäßig scheuchte er seine Schüler in die Pariser Oper, um ihnen die Technik der großen Gesangsstars seiner Zeit näherzubringen und ihnen Gelegenheit zu bieten, sie fürs eigene Musizieren auf dem Klavier nutzbar zu machen. Auch Seong-Jin Cho pflegt die daraus abgeleitete Tradition eines kantablen Chopin-Spiels. So beglückend und aufschlussreich die Vorbereitungen für das neue Album auch waren, die Arbeit daran gestaltete sich nicht eben einfach. Blickt man zurück auf die Ereignisse der letzten Monate und insbesondere auf die Pandemie-Situation im Frühjahr 2021, als die Aufnahmen stattfanden, kann man sich über deren Zustandekommen fast nur wundern. Erschwert wurde das Ganze durch die Tatsache, dass man sich in London traf. „Ich hatte das ganze Programm inklusive unzähliger Covid-Tests und einer fünftägigen Quarantäne bei der Ankunft aus Berlin, wo ich seit einiger Zeit lebe“, berichtet der Pianist. Doch die Mühen und Strapazen haben sich gelohnt: Mit seinem Programm beweist sich Seong-Jin Cho erneut als überzeugender Chopin-Interpret der jungen Generation – und bringt wieder ein Stück Musik zurück ins Leben.

Neu erschienen:

Chopin

Klavierkonzert Nr. 2, Scherzi

mit Cho, London Symphony Orchestra, Noseda

DG/Universal

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Von musikalischen Scherzen

„Scherzo“ bedeutet auf Deutsch zunächst nichts anderes als „Scherz“. Ursprünglich bezeichneten Komponisten wie Haydn oder Beethoven menuettartige dritte Sätze in ihren Sinfonien oder Streichquartetten auf diese Weise eine rasche, heitere Satzform im 3/4- oder 3/8-Takt. Für die virtuose Klaviermusik machte Frédéric Chopin das Scherzo erstmals nutzbar, indem er unter diesem Begriff eine neue, von freiem Ausdruck getragene Gattung schuf, die in ihrer ausschweifenden Fantastik dem aufgeräumten und auf Symmetrie bedachten Beispielen seiner Vorgänger diametral entgegensteht. Späten Widerhall finden Chopins Scherzi in den Sinfonien Gustav Mahlers mit ihren oft grotesk verzerrten Mittelsätzen.

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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