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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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(c) Ari Magg

Víkingur Ólafsson

Meisterhaft unbefangen

Der isländische Pianist beleuchtet das ewige Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart im Kontext seiner Zeitgenossen.

Mit seinem gefeierten Debussy/Rameau-Album hat Pianist Víkingur Ólafsson schon einmal zwei Komponisten miteinander in Dialog treten lassen und so in ihrer Musik faszinierende neue Facetten freigelegt. Diesem Weg bleibt der Isländer nun für seine Begegnung mit Wolfgang Amadeus Mozart treu. Denn auch dessen Werke entstanden keineswegs im luftleeren Raum. „Mozart bringt für uns eine Menge Ballast mit sich. Er ist dieses ewige Wunderkind, das wahrscheinlich nur noch mit Einstein auf einer Stufe steht. Als Interpret ist es nicht leicht, sich davon freizumachen.“ Um die eigene Wahrnehmung neu zu eichen, hat Ólafsson daher nun nicht nur das Klavierschaffen des Salzburger Komponisten selbst genaustens unter die Lupe genommen, sondern sich bei seinen Recherchen ebenfalls intensiv mit dessen Zeitgenossen beschäftigt. „Es gibt unzählige Mozart-Alben, die einfach eine Reihe von Sonaten thematisch miteinander kombinieren. Das kann man natürlich machen. Aber mein Wunsch war, eine Vision der 1780er-Jahre zu erschaffen und dem Ganzen so einen musikalischen Kontext zu geben. Ich wollte das zeigen, was Mozart zu Mozart macht, aber gleichzeitig auch die besonderen Talente seiner Kollegen hervorheben.“ Denn selbst, wenn der große Wolfgang Amadeus sie – mit Ausnahme von Joseph Haydn – aus heutiger Perspektive fast alle überschattet, waren doch auch ein Domenico Cimarosa und Baldassare Galuppi im damaligen Wien hoch respektiert. Letzterem wird daher nun die Ehre zuteil, das Album zu eröffnen, mit dem Andante spiritoso aus der Sonate Nr. 9 in f-Moll. „Es ist für mich eines der faszinierendsten Stücke dieser Zeit, von dem es bislang erstaunlicherweise nur wenige Aufnahmen gibt. Es hat eine sehr hypnotische Qualität, die weit vorausgreift und mich beinahe schon an Schubert denken lässt. Nach solchen Erfahrungen wieder zu Mozart zurückzukehren, hat mir ermöglicht, seine Werke in einem ganz anderen Licht zu sehen und viel freier an die Sache heranzugehen. Ich hoffe, dass es vielleicht auch den Hörer dazu zwingt, seine eigene Erwartungshaltung ein wenig zu hinterfragen.“ Nicht zuletzt deswegen, weil Mozart zu seiner Zeit neben großer Bewunderung eben durchaus mit Neid oder Kritik konfrontiert war. „Als Wien ihm den Rücken gekehrt hat, haben natürlich auch politische Motive, Modeerscheinungen und unterschiedliche Geschmäcker ihren Teil dazu beigetragen. Das war damals nicht anders als heute. Gerade deshalb finde ich es spannend, jetzt auf diese Weise in der Zeit zurückzureisen, anstatt einfach alles nur mit dem Blick von 2021 zu betrachten.“

Der Geist der Improvisation

Mit auf den Weg gibt der Pianist den Hörern dabei im Booklet ebenfalls ein berüchtigtes Zitat von Artur Schnabel, der Mozarts Sonaten einst attestierte, sie wären zu leicht für Kinder und zu schwer für Künstler. „Ich glaube, er ist für Erwachsene vor allem deshalb schwer, weil sie womöglich zu großen Respekt vor ihm haben. Mozart gilt vielen als nahezu unantastbar. Aber wenn er selber am Klavier saß, war er ein sehr spontaner Pianist, der gerne improvisiert hat. Dieser Geist muss für mich immer zu spüren sein, wenn man seine Kompositionen interpretiert.“ Kein leichtes Unterfangen, wenn man an die Omnipräsenz seiner Musik im Konzertsaal oder im Alltag denkt. Ebenso wie an die Fülle unterschiedlichster Interpretationen auf Tonträgern. „Mozart war ein sehr neugieriger Mensch und Teil eines großen musikalischen Ökosystems, aus dem man ihn nicht einfach herauslösen kann.“ Nach einem überaus divers gestalteten Einstieg in das Album fordert Mozart aber auch bei Ólafsson sein Recht und dominiert die zweite Hälfte fast vollständig. „Was ich hier vor allem zeigen wollte, war der späte Mozart. Die Zeit, nachdem er Bach für sich entdeckt hatte. Danach ist nichts mehr so, wie es vorher war. Alles wird komplexer, polyphoner und vor allem dunkler.“ Wobei der Fokus nicht allein auf den genuinen Klavierkompositionen Mozarts liegt. So findet sich neben einer Bearbeitung des „Ave verum corpus“ aus der Feder von Franz Liszt unter anderem noch eine neue Version des Adagios aus dem Quintett KV 516, das Víkingur Ólafsson für Klavier übertrug. „Mozart selbst hat einige Fugen von Bach für Streichquartett arrangiert und ich fand es spannend, das einfach mal umzudrehen. Es ist vielleicht meine bis jetzt ambitionierteste Transkription und ich bin gespannt, wie die Leute darauf reagieren werden.“ Dass es auf solche gewagten Experimente durchaus gemischte Reaktionen geben könnte, ist dem Isländer sehr wohl bewusst. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass er sich mit einem neuen Projekt gegen Erwartungshaltungen stemmt. Schließlich hätten nach seinem DG-Debüt mit Werken von Philip Glass wohl auch nur wenige mit Johann Sebastian Bach gerechnet. „Der Erfolg einer CD-Aufnahme lässt sich nicht planen. Es ist einfach nur wichtig, dass man selbst hinter dem steht, was man tut. Egal, ob wir nun von klassischer Musik, Crossover-Projekten oder von Popsongs sprechen. Auch den wirklich erfolgreichen Charthits hört man immer an, dass sie von Leuten geschrieben wurden, die das lieben, was sie tun.“ Die Entstehung seines neuen Albums beschreibt Víkingur Ólafsson als überaus lehrreichen, aber auch sehr zeitintensiven Prozess. Vielleicht sogar den längsten seiner bisherigen CD-Karriere. Von unzähligen potenziellen Playlisten erzählt er da, die immer wieder verworfen und überarbeitet wurden, bis die ideale Abfolge und Mischung gefunden war. Oder zumindest fast … Denn eine der beiden Cimarosa-Bearbeitungen, die in der endgültigen Auswahl einen zentralen Platz einnehmen, entstand tatsächlich erst spontan während der Aufnahmesitzungen. „Ich habe mir hier sehr viele Freiheiten genommen, aber ohne schlechtes Gewissen. Es sind beides frühe Werke, an denen er später eventuell selbst noch einmal etwas geändert hätte, wenn er Zeit dafür gehabt hätte. Man muss bei solchen Dingen auch einfach mal seinem Instinkt vertrauen.“ Ganz im Geiste eines Franz Liszt oder Ferruccio Busoni, die ebenfalls Themen aus der Vergangenheit aufgegriffen und in ihre Zeit übersetzt haben. Wobei Bearbeitungen, ebenso wie einfache Verzierungen und Kadenzen für Ólafsson nie zum Selbstzweck werden dürfen. „Es ist sehr leicht, bei Mozart zu viel zu machen. Aber damit tötet man seine Musik.“ Wohin die Reise als nächstes geht, darauf will der Pianist sich momentan noch nicht festlegen. Zu sehr steckt er noch im Kosmos Mozart, der auch seine anstehenden Live-Auftritte bestimmen wird. „Ich kann nur eines versprechen: dass ich mich nicht wiederholen werde.“

Neu erschienen:

„Mozart & Contemporaries“

mit Ólafsson

DG/Universal

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Berühmte Kurzstrecke

Lediglich 46 Takte umfasst Mozarts „ Ave verum corpus“, das im Köchelverzeichnis mit der Nummer 618 bedacht wurde. Trotzdem zählt das 1791 zeitgleich mit der „Zauberflöte“ und dem „Requiem“ entstandene Werk für vierstimmigen Chor, Streicher und Orgel zu den bekanntesten Werken des Komponisten. Beigetragen hat dazu unter anderem Franz Liszt, der die Komposition sowohl für Klavier als auch für Orgel adaptierte und später in seiner „Evocation à la Chapelle Sixtine“ zitierte. Ebenso nachhaltig beeindruckt zeigte sich Pjotr Iljitsch Tschaikowski, der wiederum die Liszt-Fassung neu instrumentierte und in seine Orchester-Suite „Mozartiana“ aufnahm.

Tobias Hell, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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