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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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(c) Matthias Heuermann

Anouchka und Katharina Hack

Frische kreative Impulse

Das Schwesternduo bietet jungen Musikern in der idyllischen Umgebung des Tecklenburger Landes mit dem meetMusic Open Air eine Bühne.

Nähert man sich vom Rheinland aus der Gemeinde Mettingen, öffnet sich dem Blick ein nahezu idyllisches Panorama des westfälisch geprägten, nördlich von Münster gelegenen Tecklenburger Landes. Mit sanften Hügeln und saftigen Wiesen, über die Pferde traben und auf denen Kühe ihre Kälber säugen. Mettingen selbst ist eine Gemeinde mit etwa 10.000 Einwohnern und einem einladenden Ortskern. Auswärtige Gäste suchen allerdings vergebens nach Hinweisen auf das neu geschaffene Musikfestival „meetMUSIC Open Air“, das der Region nach der Corona-Krise frische kreative Impulse verleihen soll. Die Einwohner wissen natürlich, dass sich im Außenbezirk das imposante Kunst- und Veranstaltungscenter „Draiflessen Conference“ befindet. Und Sie wissen auch von der Existenz des neuen zweitägigen Festivals. Externe sind allerdings bis auf weiteres auf die Homepage angewiesen, um von dem Event zu erfahren. In diesem Jahr blieben die Besucher aus Mettingen und der näheren Umgebung noch weitgehend unter sich. Was die Breitenwirkung angeht, kann also noch einiges getan werden.
Projektleiter Niklas Berger weist allerdings darauf hin, dass es sich um einen ersten Versuch handelt und die Hygienemaßnahmen ohnehin keine Besuchermassen zuließen. Angesichts des Erfolgs, der eine Fortsetzung des Experiments im nächsten Jahr erwarten lässt, können die Stellschrauben also noch angezogen werden.
Acht Konzerte an zwei Tagen boten so maximal 100 Besuchern Platz im Park der weiträumigen „Draiflessen Conference“ – an der frischen Luft, unter alten Eichen, an einladenden Tischen, zu Wein, Kaffee und schmackhaften Snacks. Obwohl Unwetter angekündigt waren, blieb es bis auf ein paar Tropfen im Schlusskonzert bei angenehmen Temperaturen trocken. Die Konzertmuschel übertrug die Darbietungen akustisch vorzüglich. Die Künstler zogen sich allerdings stets schnell wieder in den recht streng abgegrenzten Backstage-Bereich zurück. So kam es trotz der überschaubaren Größe des bespielten Areals und der damit ermöglichten Nähe des Publikums zur Bühne nur zu vereinzelten Kontakten zwischen Besuchern und Künstlern.
Immerhin bietet das „Draiflessen Conference“ mehr als nur eine Konzertmuschel. Mettingen ist der Stammsitz der Familie Brenninkmeyer, die seit dem 17. Jahrhundert vor allem mit Stoffen und Textilien handelt und ein Großunternehmen aufbaute. Bekannt geworden mit der Kaufhauskette C&A ist der Konzern heute in vielen Branchen aktiv. Auf einem ehemaligen Produktionsgelände errichtete die Familie 2009 eine Veranstaltungsstätte mit einem modernen Museumsbau als Herzstück, der nicht nur die Kunstsammlung der Familie beherbergt, sondern auch interessante Wechselausstellungen zeigt.
Seit 2014 werden außerdem jährlich fünf Kammerkonzerte veranstaltet, die vor allem jungen Talenten eine Plattform bieten sollen. Vor zwei Jahren stellten sich dabei auch die Schwestern Anouchka und Katharina Hack dem Publikum vor. Ein junges Duo, das auf dem Violoncello und dem Klavier trotz seines Alters bereits eine stattliche Liste an Auftritten und Preisen aufweisen kann. Geboren sind die Schwestern in Belgien, studieren aber noch in Deutschland. Vom Ambiente des Mettinger Anwesens waren sie so angetan, dass zusammen mit Niklas Berger die Idee entstand, ein kleines Festival aufzuziehen, das jungen Musikern gehören und von Klassik und Jazz bis zu Folk und Pop keine Gattungsgrenzen kennen soll. Mit dem ersten Versuch gelang ein künstlerisch hochwertiges Event, das sich als dankbare Plattform für Musikerinnen und Musiker bewähren konnte, von denen niemand die Altersgrenze von 30 Jahren überstieg.
Natürlich möchte man auch ein junges Publikum heranziehen. Dafür setzte man auf das Engagement des telegenen und fernseherprobten Moderators Malte Arkona gleich zu Beginn. Tatsächlich fanden sogar einige Kinder in den Park.

Von Barock bis zur salsa-angehauchten Moderne

Verbunden mit dem Festival ist auch die Vergabe eines Sonderpreises. Der ging an den 17-jährigen Leipziger Gitarristen Viktor Stryapin, der den fünfteiligen Konzertreigen des ersten Tages mit einem spanisch gefärbten Programm eröffnete. Es folgte ein Recital mit der Dortmunder Harfenistin Liv Hansen, die unter anderem im Bundesjugendorchester wichtige Erfahrungen sammeln konnte. Spartenübergreifende Akzente setzte das im letzten Jahr in Stuttgart gegründete „Svevia Posaunenquartett“, das Musik vom Barock bis zur Salsa-angehauchten Moderne bot. Noch stärker wirbelte das Vision String Quartet durch die Gattungen, indem es Maurice Ravels Streichquartett mit diversen Jazz- und Pop-Arrangements und eigenen Improvisationen garnierte. Den ersten Abend schloss das achtköpfige, in Hamburg ansässige Ensemble „Hepta Polka“ mit einer bunten Mischung lebensfroher Folkmusik aus Skandinavien und dem Balkan ab.
Den Sonntagmorgen füllte das Duo „Jazzical Class“ an Klavier, Schlagzeug und Klarinette mit einer jazzigen Mixtur von Gershwin und Carole King bis zu den Comedian Harmonists und einer augenzwinkernden Arbeit des Hamburger Komponisten Oliver Korte für Vibrafon und Klarinette: „Ludwig W.“, zu der Texte von Ludwig Wittgenstein rezitiert wurden.
Die künstlerischen Leiterinnen Anouchka und Katharina Hack liefen zur Lunchzeit zu großer Form auf mit der Cello-Sonate von Frédéric Chopin und dem hochvirtuosen „Grand Tango“ von Astor Piazzolla. Die geschwisterliche Verbundenheit gipfelte in einer Gemeinschaftsimprovisation, in der sich die Musikerinnen, inspiriert von der natürlichen Umgebung, ohne jede Absprache und Vorgabe zu einem Dialog von bestechendem Einvernehmen fanden.
Die Cellistin Anouchka Hack, die an der Kronberg Academy bei Frans Helmserson studiert, versammelte zum abschließenden Höhepunkt sieben meist mit der Kronberger Cellisten-Schmiede verbundene Kolleginnen und Kollegen zu einem Cello-Oktett um sich, das in seiner Homogenität, Stilsicherheit und spieltechnischen Brillanz höchste Maßstäbe setzte. Die Arrangements mehr oder weniger bekannter Stücke von Fauré und Grieg bis Burt Bacharach und Astor Piazzolla sorgten für hohe Unterhaltungswerte auf exzellentem musikalischem Niveau.
Was die Auswahl der Künstler, die Programmgestaltung, die organisatorische Durchführung und das Ambiente der Spielstätte angeht, kann von einem vollen Erfolg gesprochen werden. Doch ist abschließend betrachtet vor allem die Außenwerbung ausbaufähig, und auch die Altersstruktur des Publikums ließe sich durchaus noch verjüngen, wenn man nicht nur junge Künstler sondern auch Zuhörer hier versammeln will. Auf den nächsten Jahrgang, nach Corona und entsprechenden Hürden, sollte man also ruhig ein Auge werfen.
meetmusic.online

Mit einer Zunge

Im Gespräch äußern sich die künstlerischen Leiterinnen Anouchka und Katharina Hack fast mit einer Zunge zu „ihrem“ Festival: „Wir waren vom ersten Moment an verzaubert von dem Ort und überwältigt von den Räumen und dem Museum der Anlage. Es war schon lange unser Traum, ein perfektes Programm nach unseren Vorstellungen im Rahmen eines Wochenendes zusammenstellen zu können. Mit allem, woran wir künstlerisch glauben. Und wir sind hier auf offene Ohren gestoßen und planen seit einem Jahr mit einem tollen Team dieses Festival. Wir waren uns alle einig, dass junge aufregende Kammermusik und ebenso junge, aufregende Künstler im Mittelpunkt stehen sollten. Wir sind überglücklich, dass wir in dieser Hinsicht aus dem Vollen schöpfen konnten und freuen uns auf das nächste Jahr.“

Pedro Obiera, RONDO Ausgabe 4 / 2021, Online



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