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(c) Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz

„Den Geist der Zeit einfangen“

Am Münchner Gärtnerplatz verbindet ein neues Konzertformat Musik mit Literatur und lässt das Publikum damit hinter die Partituren blicken.

Seinen Ruf hatte das Staatstheater am Gärtnerplatz über Jahrzehnte vor allem als Tempel der leichten Muse. Doch inzwischen behauptet sich das Ensemble längst selbstbewusst als Münchens zweites Opernhaus, das in den unterschiedlichsten Genres aktiv ist. Neu hinzugekommen ist hier vor noch gar nicht allzu langer Zeit eine Reihe, die unter dem Titel „Sinfonische Lyrik“ das Orchester aus dem Graben auf die Bühne holt und dem Konzertleben der Stadt einen interessanten neuen Farbtupfer hinzugefügt hat. Das von Chefdirigent Anthony Bramall 2019 ins Leben gerufene Format nähert sich den Werken dabei weniger auf einer analytischen Ebene, sondern will beim Publikum vor allem die Sensibilität für die politischen, philosophischen und literarischen Strömungen der jeweiligen Entstehungszeit schärfen.
„Wir sind in einer Stadt mit vielen fantastischen Orchestern. Daher war es uns wichtig, eine eigene Form als Alleinstellungsmerkmal zu finden. Seit ich in Deutschland arbeite, habe ich immer wieder gehört, dass man Konzertprogramme endlich mal anders machen müsste. Weg vom üblichen 3-Gänge-Menü mit Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie nach der Pause.“ Im Zentrum der „Sinfonischen Lyrik“ steht somit meist eine große Komposition, die für sich allein wirken darf. Die Musik schwebt dabei jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern wird durch Lesungen zwischen den einzelnen Sätzen ergänzt. Eine Vorgehensweise, die der Dirigent keineswegs als Unterbrechung, sondern sogar als überaus produktiv empfindet. Zumal mit Schauspielgrößen wie Cornelia Froboess oder Julia Stemberger bislang stets Rezitatorinnen gefunden wurden, denen bei ihrem Vortrag das Kunststück gelang, die Stimmung der Partitur aufzugreifen, weiterzuführen oder bewusst zu kontrastieren.
War es zu Beginn noch Programm-Musik wie Pjotr Tschaikowskis „Manfred“-Sinfonie oder die „Symphonie fantastique“ aus der Feder von Hector Berlioz, hat sich das Spektrum inzwischen deutlich vergrößert. So unter anderem mit einer überaus dichten Interpretation der Fünften von Dmitri Schostakowitsch oder der aktuell ins Visier genommenen Vierten von Gustav Mahler, mit der man nach Lockdown-Ende nun wieder ins Konzertgeschehen einsteigt. Meist sind es Komponisten, die im Spielplan des Hauses sonst kaum eine Rolle spielen und somit auch den Musikerinnen und Musikern neue spannende Herausforderungen bieten. „Wir haben hier ein A-Orchester, das im Repertoirebetrieb selten in seiner gesamten Besetzung spielt. Da muss man solche Gelegenheiten nutzen und auch mal groß denken.“ Wie Anthony Bramall während der Probenphase zum Mahler erzählt.
Dass es in Corona-Zeiten natürlich nicht ganz so groß geht, wie man es sich gerne wünschen würde, dürfte niemanden verwundern. Aber auch die reduzierte Fassung von Mahlers Vierter von Iain Farrington empfindet der Dirigent keineswegs als Kompromiss, weil das leichtere Klangbild auch genauere Blicke in die Strukturen der komplexen Komposition erlaubt. Ebenso interessant die begleitende Textauswahl. Denn im Gegensatz zu den anfangs aufgeführten Programm-Sinfonien, oder Glucks „Don Juan“-Ballettmusik, wo das Thema quasi auf der Hand lag, ist mittlerweile schon etwas mehr Kreativität von Nöten, um Texte zu finden, die über das Offensichtliche hinausgehen. „Natürlich habe ich eine wunderbare Dramaturgin, die mir Sachen anbietet. Aber beim Schostakowitsch habe ich zum Beispiel auch selbst dafür plädiert, dass wir unbedingt noch Alexander Solschenizyn dabeihaben müssen. Was sich jetzt beim Mahler angeboten hätte, wäre natürlich ‚Des Knaben Wunderhorn‘ gewesen. Aber das war uns nicht genug, weil man das ja eh in der Sinfonie gesungen hört. Also sind wir schließlich auf Jean Paul gekommen, dessen bunte Sprache für uns sehr gut zur Gefühlswelt Mahlers passt.“
Und weil das neue Format inzwischen auch seine eigene kleine Fangemeinde hat, sollen die sinfonischen Ambitionen in der kommenden Saison auf jeden Fall weiterverfolgt werden. „Wir haben in unserem Orchester echte Virtuosen, die sich in allen Genres zurechtfinden. Und viele von ihnen gastieren zwischendurch auch immer wieder mal bei anderen Klangkörpern. Aber natürlich macht es gleich noch einmal mehr Spaß, so etwas auch im eigenen Haus und fürs eigene Publikum zu spielen.“

www.gaertnerplatztheater.de

Tobias Hell, RONDO Ausgabe 3 / 2021, Online



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