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N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



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(c) gmp Architekten

Gasteig HP8

Nah dran am Geschehen

Gasteig HP8 und Isarphilharmonie: München leistet sich ein neues Kulturzentrum als Interim für den sanierungsbedürftigen Gasteig.

Der Münchener Gasteig wurde 1985 eröffnet und ist eines der größten Kulturzentren Europas. Der imposante Bau im Stadtteil Haidhausen beherbergt nicht nur einen großen Konzertsaal mit über 2.500 Sitzplätzen, sondern zahlreiche weitere Veranstaltungsräume, ist zudem Sitz der Stadtbibliothek, der Volkshochschule, der Münchener Philharmoniker und der Hochschule für Musik und Theater. Ein mächtiger Komplex in längst aus der Mode gekommener Backstein-Ästhetik, der schon nach seiner Eröffnung Spottnamen wie Kulturbunker oder Kulturvollzugsanstalt verpasst bekam. Vor allem der große Konzertsaal stand von Anfang an wegen akustischer Mängel in der Kritik. Nach langer öffentlicher Diskussion stimmte der Rat der Stadt München schließlich 2017 einer Generalsanierung zu.
Für die Zeit der Sanierung musste nun aber ein Ort gefunden werden, der für alle Institutionen Platz bietet, die aus dem Gasteig ausziehen müssen. Im wenig glamourösen Stadtteil Sendling wurde schließlich ein Gelände gefunden, das aufgrund seiner Adresse an der Hans-Preißinger-Straße 4–8 „Gasteig HP8“ heißen wird. Vorhandene Gebäude wie etwa eine alte Trafohalle wurden umgebaut und einige temporäre Neubauten errichtet. Darunter das Herzstück, der neue Konzertsaal, der den Namen Isarphilharmonie tragen wird. Ende Mai gab eine Baustellenbegehung erste Einblicke in das gewaltige Projekt.
Noch herrscht wummernder Baustellenlärm, aber ab dem 8. Oktober soll ein feierliches Eröffnungsprogramm den neuen Saal einweihen. Unter anderem wird dann Daniil Trifonov alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte in einem Zyklus zusammen mit den Münchner Philharmonikern interpretieren. Die Baustelle des Saals erreicht man über die denkmalgerecht sanierte Trafohalle, die Halle E. Sie wird als Foyer der Isarphilharmonie, Anmeldung und Galerie der Volkshochschule, Veranstaltungssaal, Ort für Kulturvermittlung und ganztägig bewirtschaftete Gastronomie und als Lesecafé dienen. Der Saal selbst ist noch roh und unbestuhlt, aber man kann bereits ahnen, dass er einen intimen Charakter haben wird. Christian Beuke, Managementdirektor der Münchner Philharmoniker schwärmt: „Die Bühne ist der Star des Konzepts und natürlich die Künstler, die darauf sitzen. Sie kommen hier ganz neu zur Geltung. Intimität ist das zweite wichtige Wort. Ich bin überzeugt, es gibt keinen schlechten Platz in der gesamten Isarphilharmonie, denn man ist dran am Geschehen, man ist drin im Geschehen.“

Babuschka-Architektur

Entworfen wurde die Isarphilharmonie vom Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner, für die Akustik sorgte das nicht zuletzt durch die Elbphilharmonie berühmte Büro Nagata Acoustics von Yasuhisa Toyota. Architekt Stefan Schütz erklärt das besondere, zweischichtige Konzept der Konzertsaal-Architektur. „Wir bauen eine so genannte Schuh-Box, die sich natürlich für viel mehr Nutzungen als nur Konzerte anbietet. Diese Flexibilität war gewünscht. Das Besondere an dieser Konstruktion ist, dass wir wirklich ein Haus im Haus haben, das außen eine ganz einfache industrielle Hülle bietet. Und was dann drinnen stattfindet, also das zweite Haus, das im Haus steht, der Konzertsaal: Da haben wir überhaupt keine Kompromisse gemacht, was Gestaltung und was vor allen Dingen die Akustik und Funktionalität angeht. Das sind also tatsächlich zwei Körper, einer steckt wie bei einer russischen Puppe im anderen.“
Da die Akustik im alten Gasteig problematisch ist, wurde in der neuen Isarphilharmonie darauf besonders geachtet. Man weiß inzwischen, dass glatte Wände einer optimalen Akustik eher abträglich sind, und das wurde beherzigt, wie Architekt Schütz erklärt: „Wir haben die Wände geriffelt gestaltet, um möglichst dispers zu sein. Damit der Schall sich von den Wänden nicht punktartig, sondern dispers in den Raum verteilt. Außerdem ist der Saal eher breit als lang und zudem recht steil, das heißt, die Zuschauer sitzen relativ nah an der Bühne.“
Besonders ist auch, dass in der Isarphilharmonie, die maximal 1.900 Plätze fasst, Massivholzwände verwendet werden, die ineinandergesteckt werden können. Sie sind daher jederzeit an einem anderen Ort wieder verwendbar. Zu 80 Prozent ist der Saal also mobil, kann nach dem Interim abgebaut und anderswo neu wieder aufgebaut werden. Im Sinne von Nachhaltigkeit war es eben eines der Planungsziele, den Saal so modulhaft wie möglich zu produzieren. Bei der Baustellenbegehung ist auch der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter sichtlich zufrieden und stolz darauf, dass München selbst in diesen Zeiten in die Kultur investiert. „Wir wollen weiterhin zeigen, dass auch in der Pandemie Kultur für uns in München tatsächlich wichtig ist. Ich bin stolz sagen zu können: Das ist unser neuer Konzertsaal. Und wir brauchen auch einen zweiten, hervorragenden Konzertsaal und den werden wir mit dem Gasteig auch bekommen. Und bei einem Gesamtprojektvolumen von mehreren hundert Millionen Euro würde ich es einfach als Unsinn betrachten, hier nicht eine akustisch saubere und vernünftige Neukonzeption zu realisieren.“

www.der-neue-gasteig.de

Neustart ins Interim

Nach dem Stadtratsbeschluss zur Sanierung des Gasteigs von 2017 starteten ab April 2019 vorbereitende Arbeiten auf dem Gelände der Stadtwerke München, im März 2020 begannen dann die Bauarbeiten, das Richtfest wurde bereits im Oktober 2020 gefeiert, im kommenden Oktober soll der Konzertsaal eröffnet werden, bis März 2022 sollen sukzessive die anderen Bauten bezogen werden. Die Baukosten des gesamten Kulturquartiers belaufen sich auf ca. 70 Millionen Euro, davon rund 40 Millionen Euro für die Isarphilharmonie auf einem insgesamt 12.000 Quadratmeter großen Gelände. Neben den neuen Veranstaltungsstätten befinden sich auf dem Areal auch Künstlerateliers und Design- und Architekturbüros.

Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2021, Online



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