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Dem Müll entrissen: Das Notizbuch des Komponisten Anton Reicha © Mährische Landesbibliothek Brno

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Fundsachen

Es gibt sie weiterhin, diese Momente, in denen es Schnäppchenjäger rückblickend richtig krachen lassen können. Wenn man nämlich auf dem Trödel etwas entdeckt, das einen unverhofft steinreich macht. So geschehen kürzlich in den USA, wo ein Porzellansammler auf einem Flohmarkt 35 Dollar für ein nettes Schälchen bezahlte, die aus der chinesischen Ming-Dynastie stammte. Prompt reichte der Käufe das gute Stück bei einer Auktion ein – wo es für 720.000 Dollar unter den Hammer kam. Einen ganz anderen Zufallsfund, für den noch nicht einmal ein Cent bezahlt werden musste, machte hingegen eine Pariser Passantin. Ihr war eine Kiste mit alten Dokumenten aufgefallen, die neben einer Mülltonne stand. Madame stöberte interessiert darin herum – und zog u.a. ein Notizbuch heraus, das sich als eine besondere Trouvaille erwies. Immerhin handelte es sich dabei um ein Notizheft des böhmischen Komponisten und Beethoven-Kumpels Antonín Rejcha, das dieser um 1810 während seiner Zeit in Paris geschrieben hatte.
Zum Glück erwies sich die Finderin als kunstinnige Person, wie die Musikwissenschaftlerin Jana Franková von der Mährischen Landesbibliothek in Brno (Brünn) bestätigen kann: „Bei der Internetsuche stieß sie auf unsere Online-Ausstellung und kontaktierte einen der Ausstellungsautoren – den Kurator des Rejcha-Bestands in der französischen Nationalbibliothek. Die Frau schenkte das Heft dann uneigennützig der dortigen Sammlung. Es steht jetzt also Forschern und weiteren Interessenten in der Nationalbibliothek in Paris zum Studium zur Verfügung.“ Ach ja: Ferne Verwandte des Komponisten hatten die Kiste irrtümlich entsorgt.
Das letzte Beispiel für einen ehrlichen Finder hat mit dem Pop-Barden Bob Dylan zu tun, der gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Und speziell geht es da um sein Doppel-Album „Self Portrait“, das ein gewisser Howard Simon sich aus einer Bibliothek im US-Staat Ohio ausgeliehen hatte – und zwar 1973 und damit vor genau 48 Jahren! Als Mr. Simon nun im hohen Alter seine Schallplattensammlung ausmistete, fand er zwischen seinen Dylan-Alben besagtes Bibliotheksstück. Doch statt überrascht mit den Schultern zu zucken, verpackte er die Scheibe und schickte sie mit einem Schreiben zurück an die Bibliothek: „In diesem Zusammenhang gebe ich mit diesem Brief ein überfälliges Exemplar zurück (nach meiner Zählung zum Zeitpunkt dieses Schreibens etwa 17.480 Tage überfällig), das ich im Frühjahr 1973 ausgeliehen habe, als ich 14 Jahre alt war und in die achte Klasse der Wiley-Mittelschule ging. Es ist also ganz schön verspätet, und es tut mir ganz schön leid!“ Dazu legte der Rentner für die Fristüberschreitung noch einen Scheck über 175 Dollar. Die Bibliotheksleiterin Sara Philips reagierte aber tiefenentspannt: „Das Lustige an der Sache ist, dass wir keine Mahngebühren mehr erheben – solange wir den Artikel zurückbekommen, sehen wir keine Notwendigkeit, die Leute zu bestrafen. Wir sind dankbar, dass Mr. Simon die Platte zurückgegeben hat. Ich würde sagen, wir sind jetzt quitt.“ Auch dies eine schöne Geschichte!

Guido Fischer



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