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Musik-Krimi

Der Mann am Fenster

Hauptkommissar Reuter und Doktor Stradivari rasten mit Blaulicht durch die Stadt. Es ging um einen Geschäftsmann namens Sontheimer. „Er ist vorgestern entführt worden“, erklärte Reuter. „Es gab auch eine millionenhohe Lösegeldforderung an seine Frau. Nun ist einem Wachmann auf einer Überwachungskamera etwas aufgefallen. Schauen Sie es sich an. Wir haben das Bild ausgedruckt.“ Reuter deutete auf den Rücksitz, wo eine Mappe lag. Der Doktor nahm sie und fand ein Foto, auf dem ein Mann an einem Fenster stand. Er hatte ein Notenblatt in der Hand. Mit den Fingern hielt er fast alles zu. „Zwei Noten sind zu sehen“, sagte Reuter. „Aber kein Schlüssel. Wenn der Violinschlüssel vorne stünde, wären das ein E und ein D. Aber hier ist noch was.“ Oberhalb der Noten erkannte Doktor Stradivari den Namen Schumann und die Opuszahl 44, die zu Schumanns Klavierquintett in Es-Dur gehörte. Seltsamerweise war alles seitenverkehrt. „Sontheimer zeigt uns mit den Noten die Initalen des Entführers“, sagte Reuter. „Er ist wohl im Gebäude des ehemaligen Rondino-Verlags eingesperrt. Die Firma hat voriges Jahr Pleite gemacht. Das Gebäude soll abgerissen werden. Es steht neben einer Spedition, wo es an einem Verkehrsspiegel eine Überwachungskamera gibt. Sie fängt das Bild des Spiegels ein und hat so das Fenster des alten Verlagsgebäudes im Blick. Die Noten lauten nicht E und D, sondern D und E, da sie ja seitenverkehrt sind. Der Entführer ist ganz sicher Dieter Ehrling, ein Mitarbeiter von Sontheimer, der gerade entlassen wurde und Rache geschworen hat.“ „Warum so umständlich?“, wunderte sich der Doktor. „Wenn Sontheimer den Entführer kennt und herausgefunden hat, dass man das Fenster von dem Raum, in dem er gefangen gehalten wird, sehen kann, hätte er doch einfach den Namen auf ein Blatt schreiben können.“ „Der Entführer hat ihm wohl nichts zu Schreiben hingelegt. Sontheimer hat wohl ein Notenheft gefunden, das dort noch herumlag. Und damit hat er nicht nur auf sich aufmerksam gemacht, sondern auch noch die Initialen des Täters geliefert. Erst dachten wir ja, seine Frau Diana stecke dahinter. Sie hat ein Verhältnis, kann sich aber ohne empfindliche finanzielle Verluste nicht von ihrem Mann trennen. Aber nun ...“ Stradivari kramte aus seinen Erinnerungen Schumanns op. 44 hervor. Die Stelle mit den beiden ganzen Noten kam in der zweiten Violine vor, im ersten Satz, ziemlich am Beginn. Stradivari, selbst Amateurpianist, hatte sich an dem Werk vor einigen Jahren mit Freunden versucht. Sie erreichten das Fabrikgelände. Ein uniformierter Beamter kam herüber. „Herr Sontheimer ist nicht mehr da“, sagte er. „Der Entführer hat ihn woanders hingebracht.“ „So ein Pech“, sagte der Hauptkommissar. „Aber wir wissen, dass es Ehrling war. Er wird aussagen, wenn wir ihn in die Mangel nehmen.“ „Das glaube ich nicht“, sagte Doktor Stradivari. „Er ist nicht der Entführer. Ich denke eher, dass Sontheimers Frau dahintersteckt.“ Warum ist Doktor Stradivari dieser Meinung?

Doktor Stradivari ermittelt – und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin – bitte auch Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit harmonia mundi fünf Exemplare der neuen Einspielung des Trio Wanderer. Robert Schumanns sämtliche Klaviertrios, das Klavierquartett und das Klavierquintett – französische Clarté und waches Zusammenspiel sorgen für eine beglückende Romantik. Einsendeschluss ist der 13. August 2021. Viel Glück!


Auflösung aus Magazin 2/2021

1Theo Schimmel singt im Präsidium das Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“, mit dem auch Schuberts Liederzyklus beginnt. Allerdings hat der Text gerade dieses ersten Liedes mehrere Vertonungen erfahren. An der Art, wie die erste Textzeile wiederholt wird und wie die Silben auf die Noten verteilt wurden, zeigt sich, dass Schimmel vor Reuters Schreibtisch nicht die Melodie von Schubert zum Besten gibt. Somit ist er nicht entlastet, denn er war nicht in dem Konzert, das ihm ein Alibi hätte verschaffen können. Die berühmte Melodie übrigens gilt zwar als Volkslied, ist aber jünger als Schuberts Werk. Sie stammt von Carl Friedrich Zöllner (1800–1860).


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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