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N° 1272
24. - 30.09.2022

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am 01.10.2022



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(c) Tanja Nitzke

Rheingau Musik Festival

Für das Ohr gedacht

Das Rheingau Musik Festival trotzt den Corona-Bedingungen mit dem Bau eines Konzert-Kubus und ausgeklügeltem Akustik-Konzept.

Seit bald 35 Jahren lockt besonders auch das Ambiente reizvoller Spielstätten das Publikum zum Rheingau Musik Festival. Einer seiner zentralen Konzertsäle ist der Fürst-von-Metternich-Saal im Schloss Johannisberg, das malerisch auf dem Gipfel eines Weinbergs hoch über dem Rheintal liegt. Unter den aktuellen Hygiene-Regeln ist dieser Saal aber viel zu klein, um sinnvoll bespielt zu werden. So stellten die Festival-Macher bereits im vergangenen September erste Überlegungen an, wie ein alternativer Spielort zu organisieren sei. Matthias Becker ist seit den Gründungstagen Technikpartner des Festivals und erzählt am Telefon von der schrittweisen Entwicklung des fliegenden Baus, der Fürst von Metternich Konzert-Kubus heißen soll und der wohl größte mobile Konzertsaal Europas zu werden verspricht. „Die erste Idee war ein Festzelt, aber das ist akustisch problematisch, denn wir hätten den Klang verstärken müssen. Und wenn es regnet, hätten wir ein richtiges Problem. Wir kamen dann schnell überein, dass ein Festzelt keine gute Lösung ist und haben beschlossen, dass wir etwas Neues bauen.“ Becker nahm einen Akustiker der BBM Akustik Technologie GmbH aus München mit an Bord, gemeinsam wurden die optimalen Maße und akustischen Erfordernisse errechnet. „Im Zentrum stand die Frage: Wie bringen wir den Ort mit der Idee zusammen? Dann mussten erst einmal bauamtliche Dinge geklärt werden, später Statik und Materialität und Fragen der Finanzierung.“ Der äußerlich puristisch anmutende Kubus wird 20 Meter breit, 45 Meter lang und acht Meter hoch, ein 150 Quadratmeter großes Akustik-Segel unter der Decke und 80 Wandreflektoren werden den Klang steuern, optisch erwartet das Publikum ein Mix aus Holz-, Glas- und Metallwerkstoffen. Am wichtigsten waren Becker und seinem Team eine optimale akustische Lösung: „Wir haben vor allem für das Ohr gedacht und wollten keine Abstriche an der Kunst machen. Deshalb installieren wir ein spezielles Dach aus Holzwerkstoffen, damit es das nötige Gewicht hat, um auch tiefe Frequenzen zu reflektieren. Entscheidend sind auch die Wandkassetten, die wir so modelliert haben, dass sich der Schall selbst verstärkt. Und die Seitenwände sind etwas gegeneinander geneigt, damit die gefürchteten Flatter-Echos nicht entstehen können, wir schaffen so die nötigen unruhigen Oberflächen.“ Bestuhlt wird der Saal im Corona-gerechten Schachbrettmuster und kann dann rund 580 Zuschauer fassen, normal bestuhlt wären es ca. 1200 Zuschauer. Der Clou des Kubus ist, dass er in etwa vier Wochen erstmals aufgebaut, ohne Substanzverlust wieder abgebaut werden kann und so jederzeit und an beliebigen Orten in etwa zwei Wochen wieder aufbaubar ist. „Eine weitere Herausforderung: Das Ding muss auf die Straße, die Bauteile müssen in die LKW-Breite passen. Insgesamt bewegen wir etwa 120 Tonnen Material.“ Beim ersten Aufbau kalkuliert Becker mit einer scharfen Punktlandung. „Wir werden vor Ort noch nachjustieren müssen“, sagt er. Ein wirtschaftlicher Erfolg zeichnet sich schon jetzt ab, auch weil bereits die ersten Städte anklopfen, die auf der Suche nach Interimsspielstätten sind, weil ihre Theater- und Konzert-Säle saniert werden müssen.

Rheingau Musik Festival
26. Juni – 5. September
www.rheingau-musik-festival.de
Tickets: 06723/602170

Regine Müller, 22.05.2021, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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