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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Felix Löchner/Sichtkreis

Konzerthaus Berlin

Der Gold-Tanker tuckert noch

Vor 200 Jahren wurde das Konzerthaus Berlin eröffnet – als Theater. Das wird gefeiert, unter anderem mit Webers „Freischütz“ aus demselben Jahr.

Es ist noch nicht lange her, da wollte Iván Fischer, damals Chefdirigent des Konzerthausorchesters, Mozarts „Zauberflöte“ dirigieren und zugleich inszenieren. Weil der Papageno ein richtiges Feder-Wams tragen sollte und Fischer es gern etwas altmodischer hat, baute man für ihn im Großen Saal des Konzerthauses ein fast echtes Guckkastentheater ein. Man zog ein Portal über dem Podium hoch. Einen Vorhang gab es auch. Und siehe, man traute den eigenen Augen nicht: Plötzlich wähnte man sich im alten Schinkelbau, bevor dieser in einen Konzertsaal umfunktioniert wurde. Plötzlich konnte man sich plastisch vorstellen, wie Gustav Gründgens hier 1936 den Hamlet gespielt hatte. Wie Jürgen Fehling auf eben dieser Bühne 1932 „Wilhelm Tell“ mit Werner Krauss inszenierte. Und wie sich dabei alle gehörig den Ruf ramponierten, weil sie doch leicht mit dem Nationalsozialismus paktiert hatten. Gründgens hat das Staatstheater später als den einzigen Ort bezeichnet, an dem er sicher sein konnte, dass wenn auf der Bühne eine Tür aufging eine Frau im grünen Kleid herauskommt. Und kein SS-Mann. 1943 brannte das Haus nach einem Bombentreffer aus. Durch die ewig brachliegenden Ruinen stapfte noch Jahrzehnte später – gemeinsam mit dem Filmregisseur Luchino Visconti – der Westberliner Musikkritiker Klaus Geitel und gruselte sich. Zur Wiedereröffnung 1984 entschied man sich für eine Umwidmung zum Konzertsaal. Hier fand endlich das Berliner Sinfonie-Orchester (heute: Konzerthausorchester) seine Heimat. Das Wiederaufbauprojekt galt als das zweitwichtigste der DDR – nach der Semperoper. Es verströmt diesen Stolz bis heute. Von Mangelwirtschaft und Schlangestehen verspürte man hier nie etwas. Goldornamentiert präsentiert sich der Große Saal – den man mit Versatzelementen aus dem früheren Nebensaal monumental ausschmückte. Um die rosa Pralinenschachtel des heutigen Kleinen Saals herauszuputzen, trickste man bei den Lampen mit Nylonstrümpfen aus dem verfeindeten Westen. Heute geht man, wenn man die alte Freitreppe vom Gendarmenmarkt aus passiert, in ein in Wirklichkeit neues, historisiertes Innere hinein. Auch heute scheint hier die Zeit wie stehengeblieben.

Wundervoller Mahagoni-Klang

Beim 200-jährigen Jubiläum feiert man mithin fast mehrere Häuser. Hier wurde, neben Schauspielrepertoire, am 18. Juni 1821 der „Freischütz“ von Carl Maria von Weber uraufgeführt. Architekt Schinkel war gerade 40 Jahre alt geworden. Er hatte hier eines der Hauptwerke des deutschen Klassizismus entworfen. Dass man unter dem heutigen (Interims-)Chefdirigenten Christoph Eschenbach auf den Eröffnungs-„ Freischütz“ zurückkommt, ist nicht mehr als recht und billig. Für die – coronabedingt über den leeren Saal verteilte – Raum-Inszenierung kommt die katalanische Kult-Truppe La Fura dels Baus erstmals nach Berlin. Das könnte man mit der schönen „Wallenstein“-Stelle kommentieren: „Spät kommt Ihr – doch Ihr kommt.“ Die Feier kann man trotz Covid immerhin einhalten und man hat das Jubiläum auch CD nachvollzogen: Auf einem neuen Album erklingt Webers kurz nach dem „Freischütz“ hier uraufgeführtes Konzertstück f-Moll op. 79 (mit Martin Helmchen); die dem Haus als Artist in Residence verbundene Anna Prohaska singt Arie und Ariette des Ännchens. Und das Konzerthausorchester, welches demnächst einen neuen Chefdirigenten bekommt (oder erstmals eine Chefdirigentin), kann hoffentlich an seine ganz große Ära anknüpfen. Die war, als man unter Leitung von Kurt Sanderling eine auch ästhetisch reelle Alternative zu den Berliner Philharmonikern darstellte. Denn das Konzerthausorchester hat oft Pech mit Chefdirigenten gehabt; verfügt aber wie kein anderes Ensemble in Berlin über einen gewissen, wundervollen Mahagoniklang, veredelt durch Holzbläser-Noblesse und Geigen-Höflichkeit. Das Orchester kommt super mit der teilweise speziellen Akustik des Saales klar (die unter dem heutigen Intendanten Sebastian Nordmann nachgebessert wurde). Das Konzerthausorchester ist ein Pfund, mit dem man auch jetzt noch viel mehr wuchern könnte. Ost-Berliner schwören derweil unverbrüchlich auf die Überlegenheit der Akustik im Konzerthaus (gegenüber der Philharmonie). Im Westen zischelt man dagegen etwas über vermeintliches ‚Stalin-Rokoko‘ (wegen dem ins Monströse vergrößerten Gold-Baukastensystem). Das zeigt zumindest eines an: den singulären Charakter eines Hauses, dem bei Fernseh-Galas mit oder ohne Thomas Gottschalk bis heute rundweg der Vorzug gegeben wird. Schön, wenn an diesem Ort, wo sich Epochen bizarrer kreuzen als in jedem anderen Berliner Theaterbau, auch wieder an Gründgens, Hilpert und Heinrich von Kleist erinnert wird. Dessen „Penthesilea“ wurde hier 1876 uraufgeführt. Es gastierten hier noch Niccolò Paganini und Franz Liszt persönlich. Richard Wagner dirigierte 1844 den „Fliegenden Holländer“. Nirgendwo anders als hier war es, dass Theodor Fontane auf dem berühmten Eckplatz Nr. 23 seine Karriere als Theaterkritiker aufbaute und beschloss. Die Berliner machen von ihrer Geschichte gewöhnlich nicht viel her. Sie haben dies dem Haus aber mit Liebe vergolten. Dieser alte Gold-Tanker, er tuckert noch.

Neu erschienen:

Weber

Ouvertüren und Arien, Konzertstück f-Moll (200 Jahre Konzerthaus Berlin)

mit Prohaska, Helmchen, Konzerthausorchester Berlin, Eschenbach

Alpha/Note 1

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Auf der Galerie

Der große Mann des Konzerthausorchesters, Kurt Sanderling, war fest nur bis 1977 (als man noch Berliner Sinfonie-Orchester hieß). Obwohl einer der besten Tschaikowski- (und Schostakowitsch-)Dirigenten überhaupt, sind entsprechende Aufnahmen mit dem BSO lange vergriffen. Schön immerhin zwei – dummerweise gleichlautend betitelte – „Sanderling-Edition(en)“ (Profil/Edition Günter Hänssler). Iván Fischer und Eliahu Inbal bevorzugten für CDAufnahmen andere Orchester. Vom Drittwichtigsten, Günther Herbig, gibt’s immerhin einen sehr guten Brahms-Zyklus (Berlin Classics). Christoph Eschenbach ist aktiver: Nach Weber und Rachmaninow plant er sogar Werke von Franz Schreker (DG).

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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