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Blind gehört

Ethel Merhaut: „Nennen Sie mich Diveuse“

Die Wiener Sängerin Ethel Merhaut singt Wiener und Berliner Chansons der 20erund 30er-Jahre – und kennt ihr Metier aus dem Effeff. Höchstens bei männlichen Sängern zögert sie. Geboren an irgendeinem 20. Juli in Wien, erbte Merhaut ihren Vornamen von der Urgroßmutter (keineswegs aber von der Musical-Röhre Ethel Merman). Merhaut, zuhause überall zwischen Wiener Musikverein und Theater Akzent, ist eine der sehr wenigen, klassisch ausgebildeten Sängerinnen, die sich mit Wiener und Berliner Chansons der 20er- und 30er-Jahre beschäftigen. Ihre neue CD „Süß & bitter“ erschien soeben bei Sony – mit schönen Sachen von Hollaender, Abrahám, Leopoldi und Raymond. Vorgespielt haben wir ihr zumeist Originale. Und höchstens ausnahmsweise eine ‚Fälschung‘.

Das ist, ganz klar, Fritzi Massary. In Wien könnte man den Namen übrigens auf der ersten Silbe betonen: Mássary. In Berlin betont man ihn auf der zweiten Silbe. Sie war eine Wienerin, die in Berlin Erfolg hatte. Was ich toll an ihr finde, neben vielem anderem, ist die großartige Textverständlichkeit. Der Textinterpretation wurde damals, nicht nur bei ihr, eine überlegene Bedeutung zugemessen. Auf den Text kommt’s an. Dem würde ich auch zustimmen. Es entspricht allerdings nicht dem, was heute gängige Praxis ist. Fritzi Massary achtete ungemein auf Diktion, das war das Geheimnis ihrer Wirkung – und ihrer Laszivität. Heute dagegen wird der Klang für wichtiger angesehen als der Text. Und der Witz geht unter.

O. Straus

„Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ (Massary; 1932)

Preiser

Das ist Friedrich Hollaender. Es gibt, glaube ich, kaum Jüdischeres als dieses Lied. Nach dem schönen Motto: „Ich mach mir schon Sorgen, es geht mir zu gut.“ Das wird hier auf sehr schöne Weise gebrochen, wobei ich deutlich höre, dass die Interpretin von Haus aus keine Sängerin ist. Es hat eine darstellerische Entschiedenheit, und das ist ein hohes Gut. Hollaender ist schwierig – ich jedenfalls habe mich anfangs schwer damit getan. Weil er eben sehr deutlich für Schauspieler schrieb, die alles richtig auf den Punkt bringen können. Als ehemals lyrischer Sopran muss ich mir das hart erarbeiten. Mein Stimmfach war nie einfach. Man muss immer versuchen, sein eigenes Ding zu machen und die eigene Version zu finden. Also, ist das vielleicht Katharine Mehrling? – Nein. Dagmar Manzel! Da kenne ich mich offenbar in Berlin doch nicht genug aus.

Hollaender

„Wenn ich mir was wünschen dürfte“ (Manzel; 2013)

DG/Universal

(Singt mit.) Ach, wie schön. Das ist Tauber, oder? Er investiert mehr Stimme und Pathetik in dieses Operettenlied aus dem „Walzertraum“. Doch er hat so eine typisch wienerische Melancholie mit drin, ohne je zu forcieren. Das kann niemand besser als er. Noch dazu mit viel Schmelz, ohne dass auch nur ein einziges Wort zugedeckt würde. Soweit ich weiß, transponierte er seine Partien nie, musste also wirklich ein Könner sein. Das heutige ‚Überbrüllen‘ vieler Arien, wie man es oft antrifft, wird auch durch die größeren Orchester forciert. Trotzdem wird es heute selbst in kleinen Häusern gemacht, wo der Graben nicht einmal groß genug ist, damit ein Orchester uns Sängern ‚gefährlich‘ werden könnte. Auch Taubers Zeitgenossen, zum Beispiel Jan Kiepura oder Joseph Schmidt, sangen noch ähnlich vorbildlich.

O. Straus

O. Straus „Da draußen im duftenden Garten“ (Tauber; 1932)

Dutton

Dieses Lied habe ich sowohl auf Deutsch wie auch auf Englisch im Programm. Hier singt es Hermann Leopoldi selber, ein legendärer Wiener Sänger und Kabarettist, gemeinsam mit seiner Frau. Wie heißt sie noch? – Helly Möslein, richtig. Nach ihr ist in Wien sogar eine Straße benannt. Man kann sich vorstellen, wie diese urwiener Sänger sich in der amerikanischen Emigration gefühlt haben müssen. Es ist die Sehnsucht nach dem kleinen Wien, aus welchem sie kamen, was sie nie loswurden. Rührend anzuhören. Die Tragik erdrückt trotzdem hier niemals die Sache selbst. Ich singe das Lied auf Englisch gelegentlich mit Cornelius Obonya. Denn er singt auch. Ich selber würde wohl zögern, mich als so etwas wie eine Diseuse zu bezeichnen. Das hat in Wien nicht so richtig Tradition. Außerdem komme ich vom Gesang her. Nennen Sie mich doch „Diveuse“, wenn Sie mögen.

Leopoldi

„In einem kleinen Café in Hernals“ (engl.) (Möslein, Leopoldi; 1957)

Preiser

(Imitiert die Stimme.) Dies ist natürlich die legendäre Gitta Alpár. Ob sie heute wirklich noch jemand kennt, ist eine andere Frage. Ich find’s toll. Viele Gedanken habe ich mir über diesen Operetten-Titel gemacht, aus „Ball im Savoy“. Ich bin noch nicht so ganz zu einem Ergebnis gekommen, mit dem ich ganz zufrieden wäre. Hier, bei Gitta Alpár, wirkt es ganz natürlich, obwohl es die Sängerin ganz hell und gicksend angeht. Das Lied gehört bei mir in ein Programm, das sich mit all den vergessenen Sängerinnen jener Epoche befasst: Rosy Barsony, Marta Eggerth, Lizzi Waldmüller und viele andere. Da tun sich köstliche Welten auf, finde ich. Vergangene.

Abrahám

„Toujours l’amour“ (Alpár; 1932)

Legends

Dieses Lied von Robert Stolz singe ich gleichfalls. Ein unheimlich unterschätzter Komponist. Man hat ihm in Wien nicht recht verziehen, dass er nach dem Krieg bruchlos im Unterhaltungsgeschäft weitergemacht hat. Dabei ist er einer der wenigen, der aus politischen Gründen emigrierte – und sogar noch jüdischen Künstlern über die Grenze half. Der Sänger da ist einer, den ich gerade noch als Parsifal in Wien unheimlich bewundert habe – im Stream. Zum Lied hier und wie er singt, möchte ich lieber nichts sagen. Ich bin mir unsicher, ob die Arrangements wirklich gut gelungen sind. Dass die Wiener Philharmoniker unter Adam Fischer begleiten, hätte ich nicht gedacht.

Stolz

„Wien wird bei Nacht erst schön“ (Kaufmann; 2019)

Sony

(Singt immer gleich mit.) „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot …“ Super! Das ist Fred Raymond, kein ganz astreiner Fall, was seine Rolle in den 30er-Jahren anbetrifft. Schon wegen seines Durchhalte-Schlagers für Lale Andersen: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. Aber wir sollten vielleicht nicht alles undifferenziert über einen Kamm scheren. Etwas von Nico Dostal dagegen würde ich nicht singen. Das ist ein härterer Fall. – Also, der Sänger hier ist kein Moser und auch kein Hörbiger. Ich kenne ihn nicht. – Max Hansen? Der berühmte Zahlkellner im „Weißen Rössl“!? Sie haben mich erwischt. Er singt nasal, fast als wär’s Peter Alexander. Ich bekenne mich schuldig.

Raymond

„Ich reiß’ mir eine Wimper aus“ (Hansen; 1928)

Duopon/Ed. Berliner Musenkinder

Na, das kenne ich doch. Das ist Werner Richard Heymann. Die Sängerin singt mit null Legato, was ich ein bisschen zu wenig finde. Man merkt hier ausnahmsweise, dass Sänger, die eigentlich Schauspieler sind, einiges auch wieder nicht ganz so gut können. Wenn es, wie hier, aus einem Film stammt („Der Kongress tanzt“), sollte man das vielleicht anders gewichten. Immerhin, ich würd’s nicht so machen wie Lilian Harvey. Ich glaube, dass Lieder dieser Epoche nicht stilistisch imitiert werden sollten. Sie müssen aber auch nicht auf Teufel komm raus verheutigt werden, als wüsste man nicht selber, von wann sie sind. Man muss vor allem immer stimmlich bei dem bleiben, was man kann. Und sich nicht verstellen.

Heymann

„Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ (Harvey; 1931)

Akademie der Künste

Neu erschienen:

„Süß & bitter“; Lieder von Hollaender, Jary, Leopoldi, Beneš, Abrahám, Straus, Korényi, Raymond, Stolz und Heymann

mit Ethel Merhaut

Sony/Masterworks

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Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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