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(c) Franck Juery

Julien Chauvin

Mit Bär und Henne

Mit seinem Orchester Le Concert de la Loge hat Julien Chauvin Haydns „Pariser Sinfonien“ in einen historischen Kontext gestellt.

Während sich der persönliche Wirkungskreis des Hofkapellmeisters Joseph Haydn weitgehend auf die Residenzorte seines fürstlichen Arbeitgebers Nikolaus I. Esterházy beschränkte, reiste sein Ruhm um die ganze Welt. Selbst im starverwöhnten Paris, wo die letzten Tage des Ancien Régime heraufdämmerten, wurde man aufmerksam auf den abgeschiedenen Meister. Das Interesse an seiner neuartigen, so kühn wie elegant durchgeformten Instrumentalmusik wurde so groß, dass er 1784 den Auftrag erhielt, eigens für die französische Hauptstadt eine Reihe von Sinfonien zu komponieren. Zwischen 1785 und 1786 schließlich entstanden die sechs Werke, die wir heute als „Pariser Sinfonien“ kennen und die noch immer zu den populärsten Erzeugnissen des Haydnschen OEuvres zählen. Bestellt wurden sie für das Concert de la Loge Olympique, einer privaten musikalischen Gesellschaft, die ihren Sitz im Palais Royal hatte und assoziiert war mit einer Freimaurerloge gleichen Namens. Die Geschichte des Concert de la Loge Olympique von einst war mit Ausbruch der Französischen Revolution (und der Vertreibung aus den königlichen Räumlichkeiten) besiegelt. Rund 230 Jahre später jedoch wurde daran angeknüpft, und zwar in Form des gleichnamigen historisch informierten Orchesters, das der Geiger und Dirigent Julien Chauvin 2015 ins Leben rief. Nach einem bizarren Rechtsstreit mit dem nationalen Olympischen Komitee Frankreichs musste das Ensemble zwar bald auf das „Olympique“ im Namen verzichten. Von der Spur ihrer historischen Vorbilder ließen sich die rund 30 Musikerinnen und Musiker aber nicht abbringen. „Das Zentrum unseres Repertoires ist die Klassik, und zwar speziell die klassische Epoche Frankreichs, die von den Originalklang-Ensembles bisher weniger beachtet wurde als beispielsweise die Barockzeit“, sagt Chauvin – und verweist dabei auf eines der spannendsten Kapitel der Pariser Musikgeschichte. Die Komponisten und Instrumentalisten, die in diesem Kapitel eingeschrieben sind, gehörten zu den berühmtesten und gefragtesten ihrer Zeit. Dass Musiker wie Henri-Joseph Rigel, Marie-Alexandre Guénin oder Louis-Charles Rague heute vollständig in Vergessenheit geraten sind, halten Julien Chauvin und sein Orchester für einen Missstand, den es schleunigst zu beheben gilt. Abhilfe soll eine 2016 gestartete fünfteilige CD-Reihe schaffen. Im Zentrum stehen die sechs Pariser Sinfonien Joseph Haydns, die durch Werke anderer in Paris tätiger Komponisten in einen spannenden historischen Kontext gestellt werden. „Auf jeder CD kombinieren wie eine der Haydn-Sinfonien mit anderen Werken aus der Zeit, die von ihrem Charakter her passend sind“, erläutert Chauvin das Konzept.

Olympische Geschichte

Um der Vielfalt des historischen Concert de la Loge Olympique gerecht zu werden, setzt das Ensemble nicht nur auf reine Sinfonik aus der Zeit um 1780. Mit Sandrine Piau in Folge 1 und Sophie Karthäuser in Folge 4 sind beispielsweise auch zwei prominente Sängerinnen mit an Bord, um Opernarien beizusteuern – italienische von Johann Christian Bach und Giuseppe Sarti sowie französische von Gluck, Sacchini, Grétry und anderen. Beliebte Programmfüller für ein Publikum, dem es während der oft mammutös ausgedehnten Konzerte nach Abwechslung verlangte. Konzertante Virtuosität spielt in den Folgen 2 und 3 eine Rolle, mit den Sinfonien Nr. 83 (mit dem schönen Beinamen „La Poule“ – „Die Henne“) und 82 (noch schöner: „L’Ours“ – „Der Bär“). Hier ist einmal Justin Taylor als Solist in Mozarts G-Dur-Klavierkonzert KV 453 zu hören und dann ein ganzes Bündel an Virtuosen rund um die Geigerin Chouchane Siranossian in zwei „Symphonies Concertantes“ von François Devienne und Jean-Baptiste Davaux. Eine Ausnahme vom Konzept bildet der letzte Teil, der aktuell erschienen ist und sich schon vom Umfang her von seinen Vorgängern unterscheidet. „Hier haben wir bewusst nur Werke von Joseph Haydn genommen“, sagt Julien Chauvin. Auf zwei CDs ist neben den Sinfonien Nr. 85 und 86 auch das „Stabat Mater“ zu hören. Auch hierfür geben sich namhafte Solistinnen und Solisten ein Stelldichein. Für Chauvin ist die 1767 entstandene Vertonung des geistlichen Mariengedichts so etwas wie ein Schlüsselwerk der Reihe. „Haydn hat es zwar für Wien komponiert, aber es sorgte um einige Jahre später in Paris für Furore und war mit einer der Gründe, warum Haydn hier so populär wurde“, erzählt er. In der Tat sind für die Zeit um 1780 eine Reihe von Aufführungen belegt, eine Druckfassung gibt darüber hinaus wertvolle Einblicke, wie Haydns Musik in der Aufführungspraxis der französischen Hauptstadt geklungen haben könnte – und damit auch in jener der Concerts de la Loge Olympique. Julien Chauvin ist für diese Hinweise dankbar: „Es ist unmöglich, den Klang der damaligen Zeit vollständig zu rekonstruieren. Das gilt im Fall des Concert de la Loge Olympique sogar noch besonders: Da die Konzerte im privaten Kreis stattfanden, gibt es kaum Presseartikel oder sonstige öffentliche Resonanz, aus denen man schlussfolgern könnte“, erläutert Chauvin. Und dennoch gelingt es ihm und seinen Mitmusikern, die spannende Pariser Musikepoche unmittelbar vor der Revolution plastisch wiederauferstehen zu lassen.

Zuletzt erschienen:

Haydn

Pariser Sinfonien Nr. 85 & 86, Stabat Mater; 2 CDs

mit Valiquette, van Mechelen, Charvet, Ensemble Vocal Aedes, Concert de la Loge, Chauvin

Aparté/hm

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Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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