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(c) Helge Hansen/Sony Music Entertainment

Leif Ove Andsnes

Glücksfalle

Der Pianist geht mit dem Mahler Chamber Orchestra erneut auf Musikreise, selbst im Lockdown.

Könnte so Corona klingen? Die Trauer und die Stille des Lockdowns, die Ausgebremstheit, die Melancholie. Ein schwebendes Chill-out, tragödisch und tröstlich zugleich, ohne Gewicht, zärtlich gefasst. Als endlose Melodie, trotzdem in Sinn und Form gebracht. Klassische Architektur. Vollendete Harmonie. Ja, dieser zweite Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, er schafft Trost. Er berührt unmittelbar, auch wenn er zunächst nur durch eine geschlossene Berliner Philharmonie-Tür erklingt. Gleich geht es hinein, großes Privileg in diesem Anti-Viren-Fort-Knox, wo drakonisch der Hygieneplan regiert. Aber plötzlich sind drei Menschen im Saal und hören entzückt zu, wie nach kurzer Diskussion vorn auf dem Podium diese Zaubermusik gleich noch einmal tönt. Eine winzige Spur rascher freilich und etwas prononcierter im Solistenanschlag. So hat es John vorgeschlagen, die Zauberstimme aus dem kleinen Lautsprecher neben dem Steinway, welcher nicht wie für gewöhnlich quer zum Orchester steht, sondern mitten in die auf pandemischen Anstand platzierten Musiker ragt. Hier wird nämlich nicht nur musiziert, live und echt von hervorragenden Künstlern, hier wird auch noch aufgenommen – mitten im novemberlichen zweiten deutschen Covid-19-Lockdown. John ist übrigens der Tonmeister bei diesem ganz besonderen Mozart-Projekt des Mahler Chamber Orchestra mit dem norwegisch versonnenen Klavierkönner Leif Ove Andsnes. Bei dem zudem der Pianist gleichzeitig als Dirigent agiert. So haben es beide Partner schon vor einer Dekade und über vier Jahre hinweg auf ihrer weltweiten „Beethoven Journey“ mit dessen fünf Klavierkonzerten gehalten. Über 80 gefeierte Konzerte dauerte das und es ist nachzuhören auf einer vielfach ausgezeichneten 3-CD-Box.

Im dritten Anlauf

„Eine so intensive gemeinsame Zeit hatte ich noch nie mit einem Orchester verbracht“, sagt zwei Berliner Aufnahmestunden später – das Andante ist im Kasten, das rasante Finalrondo wurde schon einmal zum Aufwärmen gleich attacca durchgespielt – ein freudig aufgewühlter Pianist. Abgesehen von einem Kurztrip nach Schweden ist Andsnes zum ersten Mal seit Mitte März 2020 wieder auf Reisen. Selbst seinen 50. Geburtstag musste er klein zu Hause in Bergen begehen, wo der dreifache Familienvater wiederum zum 183. Grieg-Geburtstag am 15. Juni dessen Klavierkonzert aufgeführt hat. Und nach diesen intensiven, so stark erhofften, kaum mehr für möglich gehaltenen Berliner Aufnahmetagen ging es erst einmal in die skandinavische Quarantäne: „Ich wäre in jedem Fall gekommen, und wenn ich mich 100 Tage hätte isolieren müssen!“ Auch bei den getesteten Musikern vorher war bei aller Routine ein heiteres Strahlen zu bemerken. „Wir wollen zusammen spielen. Wir müssen es.“ Das sagt später Michael Adick, der Manager des Mahler Chamber Orchestra (MCO), jenem freien, internationalen Eliteklangkörper, vor über 20 Jahren von Claudio Abbado mitbegründet, der mit Basis in Berlin Musiker von überall her vereint, die dann alle wieder für Tourneen in die Welt ausschwirren. „Zum Glück haben das auch Bund und Land Berlin eingesehen“, ergänzt Adick. „Wir haben uns als Botschafter Deutschlands finanziell einigermaßen über die Runden gebracht. Aber auch die Spielmoral muss gefestigt sein.“ Deswegen war dieses Mozart-Thema so wichtig. Es ist der dritte Anlauf, man wollte nach dem Surf auf der perfekten Beethoven-Welle längst weitergemacht haben. Leif Ove hat sich das neue Thema „Mozart Momentum“ ausgedacht, wieder dirigiert er vom Klavier aus: „Es beschränkt sich auf die Jahre 1785/86 und will näher beleuchten, wie der Komponist in fünf, nahe beieinanderliegenden Klavierkonzerten seinen Stil noch einmal gewandelt hat“, führt der Pianist aus. „Wir wollen aber zudem den neuen Mozart und die Zeit berücksichtigen. So gibt es neben den Klavierkonzerten Nr. 20 bis 24 auch Kammermusik für Klavier solo und die beiden Klavierquartette, so etwas wie seine Erfindung, die Maurische Trauermusik und Haydns Sinfonie Nr. 86 ‚La Reine‘“. Im Frühling 2019, als es losgehen sollte, war aber der Solist ausgebremst, mit Lungenentzündung: „Ich lag sogar drei Tage im Krankenhaus, darum kommt mir das jetzt mit Corona schon sehr seltsam vor.“ Auch den zweiten Versuch im April 2020, mit Tour und anschließenden Aufnahmen, vereitelte die Pandemie. Und nun wäre alles durch den zweiten Lockdown fast schon wieder verhindert worden. Aber mit den vereinten Kräften der Plattenfirma, der Berliner Staatsoper wie der Philharmonie, die Probemöglichkeiten bereitgestellt haben, konnte man drei Tage üben und – ab dem Morgen nach dem ursprünglich hier geplanten Konzert – drei Tage aufnehmen. 36 Musiker plus Solist durften kommen, wenn auch nicht immer die der ursprünglich vorgesehenen Besetzung; Flexibilität ist gegenwärtig alles. Die Kammermusikstücke wurden im ersten Lockdown eingespielt, die Trauermusik rundet die ersten drei Klavierkonzerte ab; die anderen beiden waren sowieso erst für das nächstes Jahr vorgesehen. Zumindest einen Pianisten und eine größere Handvoll Musiker hat Mozart als Corona-Streichler sehr glücklich gemacht. Drei privilegierte Teilzeitzuhörer auch. Denen kann sich jetzt das CDund Stream-Publikum anschließen.

Neu erschienen:

Mozart

„Mozart Momentum“ (Klavierkonzerte Nr. 20–22, Maurerische Trauermusik, Fantasie c-Moll, Klavierquartett g-Moll, 2 CDs)

mit Andsnes, Mahler Chamber Orchestra

Sony

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1Der 1970 in Karmøy geborene norwegischer Pianist Leif Ove Andsnes debütierte nach seinem Studium in Bergen bei Jiří Hlinka 1987 in Oslo und verfolgt seither nachhaltig eine der stetigsten Karrieren der mittleren Klavierkünstlergeneration – unter anderem mit fast 50 CDs. Vielfach ausgezeichnet in Wettbewerben, erhielt bereits sein erstes, 1991 veröffentlichtes Solo-Album mit Musik von Leos Janáček den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Nachdem Andsnes schon 2012 künstlerischer Leiter des Ojai Music Festival in Kalifornien gewesen war, gründete er 2016 ein Kammermusikfestival im norwegischen Rosendal. Als Virgin Classics in der EMI aufging, blieb er dort bis 2012 und wechselte dann zu Sony Classical.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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