home

N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Julia Wesely

Herbstgold

Ein fürstliches Vergnügen

Vielfältige Höhepunkte erwarten die Besucher beim „Herbstgold“-Festival in Eisenstadt. Wir haben mit dem Künstlerischen Leiter Julian Rachlin gesprochen.

Eines der wohl bedeutendsten Ein-Mann-Entwicklungslabore der Musikgeschichte liegt im äußersten Osten Österreichs, nahe der ungarischen Grenze: Die Rede ist von Eisenstadt. Heute Kapitale des Burgendlandes, war die 15.000-Einwohner-Gemeinde vor Jahrhunderten die Residenz der mächtigen Fürsten von Esterházy. In ihrem Dienst schuf kein Geringerer als Joseph Haydn einen Großteil seines Gesamtwerks, wobei er, ganz auf sich gestellt und frei von äußeren Einflüssen, die Gattungen der Sinfonie und des Streichquartetts zur Vollendung führte. Haydn selbst hat die Bedeutung des Ortes für sein Schaffen hervorgehoben, und wenn man durch die prunkvollen Räume von Schloss Esterházy wandelt, scheinen noch immer die Klänge in der Luft zu liegen, die der Ahnherr der Wiener Klassik während seiner 30-jährigen Kapellmeistertätigkeit dort entfaltete. „Eisenstadt ist ebenso untrennbar mit seiner Musikgeschichte verbunden wie Wien oder Salzburg, nur bei weitem nicht so bekannt“, sagt Julian Rachlin. Der österreichische Spitzengeiger, der seit einigen Jahren auch als Dirigent von sich reden macht, möchte „den Ort sichtbarer machen.“ Gelegenheit bietet sich ihm als Leiter des Festivals Herbstgold, das seit einigen Jahren im historischen Ambiente des Schlosses stattfindet. Als Julian Rachlin im vergangenen Jahr das Angebot bekam, die künstlerische Leitung zu übernehmen, steckte die Welt mitten in der ersten Corona-Welle. „Wie wir alle hätte ich nicht damit gerechnet, dass wir ein Jahr später noch immer mit dem Thema zu tun haben“, sagt er. Trotz aller Unwägbarkeiten gelang es Rachlin, das Programm seiner ersten Saison in kurzer Zeit festzuzurren. Wertvolle Hilfe leistete ihm dabei die eigene organisatorische Erfahrung: Bereits vor über 20 Jahren hatte er mit „Julian Rachlin and Friends“ sein erstes eigenes Festival in Dubrovnik gegründet. „Bei diesem Projekt musste ich mir damals unheimlich viel Wissen selbst aneignen, und es gab nichts, auf das ich hätte zurückgreifen können. Als traditionsreiches Festival verfügt Herbstgold über gewachsene Strukturen im Hintergrund und ein fantastisches, komplett eingespieltes Team, das mir sehr viel Arbeit abnimmt“, berichtet der Festival-Leiter.

Mit Metamorphosen

Die erste von Julian Rachlin verantwortete Ausgabe findet vom 15. bis 26. September statt. Ganz der Tradition und dem Genius loci verpflichtet wird dabei das Werk von „Papa Haydn“ eine zentrale Rolle spielen. „Das wird auch in Zukunft so bleiben“, sagt Julian Rachlin. Dennoch möchte er dem Festival jenseits dieses übergeordneten Bezugspunkts so etwas wie seinen eigenen Stempel aufdrücken. „Wir sind keines dieser Festivals, wo die Super-Stars wie bei einer Oscar-Gala zusammenkommen und ein beliebiges Programm spielen.“ Das heißt allerdings auch nicht, dass eben diese Super-Stars nicht auch in Eisenstadt zu hören sein werden: In der Tat versammelt Herbstgold 2021 mit Aida Garifullina (am 16.9.), Nicolas Altstaedt (am 23.9.) oder Yuja Wang (am 25.9.) höchst glanzvolle Namen aus dem Klassikgeschäft. Nicht minder zugkräftig wirken die großen Klangkörper, die das Programm dieser Ausgabe mitgestalten, die Wiener Symphoniker und das Mahler Chamber Orchestra. Passend zum Übergang in seine erste Amtszeit hat Julian Rachlin das Motto „Metamorphosen“ ausgerufen. Im Laufe der geplanten 15 Veranstaltungen wird es auf unterschiedliche Weise zum Tragen kommen. Am auffälligsten vielleicht beim Eröffnungskonzert im Haydnsaal, dem elegant-barocken Hauptspielort des Festivals und einst Schauplatz fürstlicher Lustbarkeiten. Eingebettet in ein Programm mit Haydns berühmter Sinfonie Nr. 104 und der Eroica von Beethoven spielt hier die Haydn Philharmonie, das „Orchestra in residence“ des Festivals, Richard Strauss’ „Metamorphosen“. Sowohl als Geiger wie als Dirigent ist Julian Rachlin am 15. September mit von der Partie – Beginn einer Reihe von Aufführungen, an denen der Gastgeber selbst musikalisch beteiligt ist: Nur wenige Tage später, am 19. September, ist er mit Felix Mendelssohns Violinkonzert zu hören, begleitet von den Wiener Symphonikern unter Daniele Gatti. „Auch hier haben wir es mit einer Art Metamorphose zu tun, denn die Kombination zwischen diesem Orchester und diesem Dirigenten ist etwas vollkommen Neues.“ Die Idee, künstlerische Individuen in neuen Konstellationen zu präsentieren, zieht sich wie ein Leitfaden durch das Programm. Am ehrgeizigsten vielleicht in einem Projekt, das sich am 19. September im Empire-Saal, dem zweiten, kleineren Konzertsaal des Festivals, dem Publikum erstmals vorstellt: Mit dem Eurydice Quartett ist hier ein Ensemble aus vier jungen Musikern zu hören, die sich eigens für das Herbstgold-Festival zusammengetan und unter Anleitung des langjährigen Wiener-Philharmoniker-Mitglieds Peter Goetzel ein Programm mit Werken von Haydn, Schubert, Webern und Debussy einstudiert haben. Sie bilden das Gegenstück zum gleichfalls jungen, 2019 als Preisträger bei der Banff International String Quartet Competition zu höchsten Streichquartett-Weihen gelangten Viano Quartet aus den USA, das am 26. September Werke von Bartók, Dvořák und Caroline Shaw aufführt. Wer sich ein Bild von Julian Rachlins eigener Begeisterung fürs Ensemble-Spiel machen möchte, hat am 21. September Gelegenheit dazu. Hier lädt er an der Seite so hochberühmter Freunde wie Mischa Maisky und Alexei Volodin (und mit Klaviertrios von Schostakowitsch und Tschaikowski) zum „Gipfeltreffen der Kammermusik“. Zum Abschluss des Festivals übernimmt Rachlin dann den Prim-Part in Beethovens B-Dur-Quartett op. 130 samt „Großer Fuge“, und zwar in einer Viererkonstellation mit Boris Brovtsyn, Sarah McElravy und Eckart Runge. Und Klaus Maria Brandauer trägt bei dieser Gelegenheit Beethovens „Heiligenstädter Testament“ vor. „Szenische Formate haben immer eine Rolle gespielt beim Herbstgold-Festival“, sagt Julian Rachlin. „Aber auch hier gibt es dieses Jahr eine Neuheit.“ Neben der Aufführung von Haydns bekannter Opera buffa „Lo Speziale“ (Der Apotheker) in der halbszenischen Einrichtung des ORF-Kulturchefs Martin Traxl am 18. September bietet das Festival dieses Jahr nämlich zum ersten Mal auch eine reine Sprechtheater-Aufführung. Hierfür reist mit seiner Produktion von Franz Theodor Czokors „3. November 1918“ das Wiener Pygmalion-Theater an – eine ebenso fruchtbare Programm- Ergänzung wie die Auftritte des Janoska Ensembles, das am 22. und 24. September mit Jazz bzw. Weltmusik zu Gast sein wird. Sollte Haydns Geist während des Festivals ein wenig durch die Gegend spuken, er wäre wahrlich entzückt, seine alte Wirkungsstätte von so viel künstlerischem Leben erfüllt zu sehen.

www.herbstgold.at

Weltberühmter Lakai

Fast drei Jahrzehnte, ab 1761, stand Joseph Haydn im Dienst der mächtigen Familie Esterházy. Zunächst als Vizekapellmeister, später als Kapellmeister der musikbesessenen Fürsten Paul Anton und Nikolaus I. komponierte er in den Residenzen der Esterházys in Eisenstadt, Fertöd und Wien eine Vielzahl seiner insgesamt 104 Sinfonien, daneben Streichquartette, Trios, Sonaten, Opern und geistliche Musik. 1790 endete das Angestelltenverhältnis: Nach dem Tod Nikolaus I. konnte sein Nachfolger Anton I. das üppige Hof- und Musikleben nicht mehr aufrechterhalten. Der Schuldenberg von fast vier Millionen Gulden, den sein Vater hinterlassen hatte, war zu hoch.

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2021



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Alte Musik-Fex René Jacobs (70), seit bald einem Vierteljahrhundert eine feste Bank der Berliner […]
zum Artikel

Da Capo

Berlin, Komische Oper: Weinbergers „Frühlingsstürme“

Wären Jaromír Weinbergers „Frühlingsstürme“ im Januar 1933 nicht die allerletzte […]
zum Artikel


Abo

Top