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Demontage eines Dream Teams: Christian Thielemann soll die Dresdner Staatskapelle 2024 verlassen (© Matthias Creutziger/Sächsische Staatskapelle)

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Semperoperndonnerschlag

Eigentlich wollte Christian Thielemann am 13. September 2009 nur aushelfen, als er kurzerhand für den erkrankten Chefdirigenten der Staatskapelle Dresden einsprang. Doch an jenem Konzertabend entschied sich für beide Seiten die gemeinsame Zukunft. Für sein Gastdirigat hatte Thielemann sich die 8. Sinfonie von Anton Bruckner ausgesucht. Nach dem finalen Ton waren dann alle im siebten Himmel. Das Publikum in der Dresdner Semperoper, die Staatskapelle und natürlich Thielemann. Nur wenige Wochen später wurde diese Freundschaft bereits amtlich besiegelt. Mit einer riesigen Mehrheit wählte die einst von Richard Wagner als „Wunderharfe“ gelobte Staatskapelle Thielemann zu ihrem neuen Chefdirigenten ab der Saison 2012/13. „Mit der Verpflichtung zum Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle erfüllt sich für mich ein Traum“, so Thielemann damals. „Mein Mentor Herbert von Karajan verglich den Klang dieses einzigartigen Orchesters einmal mit ‚Glanz von altem Gold‘. Besser kann man dies gar nicht in Worte fassen!“
Der gebürtige Berliner und die Dresdner Staatskapelle bildeten seitdem ein weltweit wahrlich angehimmeltes Gespann. So galt es weithin nur als eine Frage der Zeit, wann sich Thielemanns 2024 endender Vertrag quasi automatisch verlängern würde. Doch nun ist alles völlig anders gekommen. Und nicht nur die Musikfreunde in Dresden können nicht glauben, was die sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch da jetzt mitbeschlossen und verkündet hat. Nicht nur die Stelle von Opernintendant Peter Theiler wird 2024 zur Disposition gestellt, sondern auch Chefdirigent Thielemann soll gehen.
Klepsch begründete diesen Schritt mit einer Neuprofilierung des Opernhauses, für die man den Claim „Perspektive Semper 2030“ erfunden hat. Übersetzt lautet es: „Die Oper werde in zehn Jahren eine andere sein als die Oper von heute. Sie werde teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern und Konzertaufführung und zeitgemäße Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen.“ Und diesen Weg kann man allem Anschein nach weder mit Theiler noch vor allem mit Thielemann gehen.
Nun gilt der heute 62-jährige Weltstar nicht gerade als extrem experimentierfreudig, was das Repertoire angeht. Aber sein Faible für die deutsch-österreichische Klangkunst, für Beethoven, Schumann, Wagner und Strauss, dessen „Capriccio“ Thielmann zeitgleich in einer Neuinszenierung an der Semperoper zelebriert hat, entpuppte sich stets als Balsam für die Ohren und die Seele. Dass die Politik aber dafür die rechte Wertschätzung wohl nicht aufbringen kann und man Thielemann deshalb 2024 einfach ziehen lässt, darf schon als fragwürdiger Umgang mit einem solchen Ausnahmemusiker bezeichnet werden. Öffentlich hat Thielemann bislang auf diese Entscheidung nicht reagiert. Offenbar mit wenig sensiblen Fingerspitzen ergänzte Barbara Klepsch aber, man werde sich freuen, wenn er „mit seinem weltweit geachteten Profil auch weiterhin der Semperoper künstlerisch verbunden bleibt.“ Ist klar. Und wahrscheinlich legt Thielemann noch etwas aus der Privatschatulle oben drauf, um hier weiter zu dirigieren. Man fragt sich wirklich, ob Politiker überhaupt registrieren, was sie da gerade sagen.

Guido Fischer



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