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Musik-Krimi

Wandern im Präsidium

Das Bild, das sich Doktor Stradivari im Büro von Hauptkommissar Reuter bot, war so bizarr, dass er eine Weile brauchte, um es zu erfassen. Schon draußen hatte er Gitarrenklänge vernommen, zu denen jemand aus voller Brust – zugegeben recht sauber – sang. Kaum hatte er die Tür geöffnet, sah er einen bärtigen, dicken Mann, der, sich selbst begleitend, ein berühmtes Lied schmetterte: Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern ist des Müllers Lust, das Wa-han-dern. Da-has muss ein schle-hech-ter-her Müller sein, dem niemals fie-hiel da-has Wandern ein ...“
Der Hauptkommissar, der kopfschüttelnd hinter seinem Schreibtisch gesessen hatte, schien beim Anblick des Doktors Kraft zu schöpfen. „Ruhe!“, schrie er. „Aufhören!“ Er schlug auf den Tisch. Es peitschte wie ein Schuss.
Der Sänger stoppte sofort. „Aber ... ich wollte Ihnen nur das Lied vorsingen, dass ich gestern Abend ...“
„Ja, ja“, rief Reuter unwirsch. „Wir werden das klären. Der Fachmann, der uns dabei hilft, ist gerade gekommen.“
Der Hauptkommissar ging mit dem Doktor nach nebenan. „Der Mann mit der Gitarre ist Theo Schimmel“, erklärte er. „Vorbestrafter Einbrecher, vor drei Wochen aus der Haft entlassen. Gestern Abend gab es einen Einbruch, der seine Handschrift trägt. Auf einem Brecheisen, das die Kollegen gefunden haben, sind seine Fingerabdrücke.“
„Es scheint, als hätten Sie den Fall gelöst“, meinte der Doktor. Er lächelte. „Und singen kann er auch.“
„Und Gitarrespielen. Das hat er im Gefängnis gelernt. Er war in einem Gefangenenchor.“
„Von Verdi?“, witzelte der Doktor.
„Sie wissen, wie ich es meine. Und er hat im Knast die Liebe zur klassischen Musik entdeckt. Er behauptet, gestern Abend im Konzert eines jungen Tenors gewesen zu sein, der den Liederzyklus ‚Die schöne Müllerin‘ von Schubert gesungen hat.“
„Im Kammermusiksaal, ganz recht. Ich war ebenfalls dort. Mit der Vertonung des Gedichts ‚Das Wandern‘ beginnt das Werk.“
„Deswegen hat er es mir ja auch vorgesungen. Um mir klarzumachen, dass er das gestern gehört hat. Freilich mit Klavierbegleitung statt mit Gitarre. Als ob ihn das entlasten würde ...“
„Aber Sie haben doch die Fingerabdrücke?“, fragte der Doktor nach.
„Er sagt, er habe sein Werkzeug schon vor seiner Haftzeit einem Kumpel überlassen. Der käme auch als Täter in Frage und hat kein Alibi.“
Von nebenan war wieder das Lied zu hören. Schimmel hatte wieder von vorne begonnen. Stradivari öffnete die Tür, unterbrach ihn und fragte: „Was Sie da singen – haben Sie das gestern im Konzert gehört? Mal abgesehen von der Gitarre?“
„Ja“, rief Schimmel. „Aber niemand glaubt mir. Ich bin kein Einbrecher mehr. Ich bin doch jetzt Schubert-Fan ... Das Wandern ist des ...“
Der Doktor wandte sich an Reuter: „Ich denke, die Sache ist klar.“
Was meint Doktor Stradivari damit?
www.oliverbuslau.de

Doktor Stradivari ermittelt – und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin – bitte auch Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit der Deutschen Grammophon fünf Exemplare von Franz Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, das Label-Debüt des jungen Ausnahme-Baritons Andrè Schuen (siehe S. 8). Einsendeschluss ist der 30. April 2021. Viel Glück!


Auflösung aus Magazin 1/2021:

1Welche Spur soll Reuter beim Diebstahl der kostbaren Gambe verfolgen? Die Wohnung des stadtbekannten Hehlers, zu der der Taxifahrer einen Fahrgast mit auffälligem Koffer brachte, scheint sauber. Also war der Täter doch der Musizierende in Zimmer 16 des Hotels? Frau Kalumpke freut sich schon auf die Belohnung, denn sie wusste detailliert zu beschreiben, wie der Musiker beim Spielen aussah. Doch die Hand über dem Bogen ist das entscheidende Detail, dass es sich, wenn überhaupt, dann wohl um einen Cellisten handelte. Der Bogen einer Gambe wird von unten gegriffen und zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger gehalten, damit Ring- und kleiner Finger die Saitenspannung des Bogens anpassen können. Reuter sollte den Hehler dringend nochmal ins Kreuzverhör nehmen!


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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