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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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(c) Bernd Uhlig

Da Capo

Wider den Tränenfluss

Berlin, Staatsoper Unter den Linden: Janáčeks „Jenůfa“

Leoš Janáčeks Erstling „Jenůfa“ ist ein Werk, das eigentlich nie misslingt. Zu großartig die Musik. Zu dankbar der Plot. Die Küsterin, die das Kind ihrer Stieftochter ertränkt, tut dies aus einer Art religiöser Verblendung heraus. Sie bereut zutiefst, was am Ende zu einer großartigen Versöhnungsorgie führt. In kaum einem Werk hat man im Parkett jemals so viele schöne Tränen fließen sehen wie hier. Leider muss dieses Parkett bei Damiano Micheliettos Premieren-Stream leer bleiben. Als Regisseur tut er ohnehin alles, um Tränenfluss zu stoppen. Die Eismetaphorik, bei der ein Felsblock (der in Wirklichkeit Eis darstellen soll) vom Himmel ragt, ist allzu drastisch. Dazu das grässliche Symbol des roten Fadens, der sich aus einem Kinder-Jäckchen durch die Aufführung zieht: Es sind Mittel von gestern. Hinter grün und bläulich neonleuchtenden Plexiglas-Lamellen erscheinen alle Figuren wie Labortierchen im klinischen Selbstversuch. Neu kommt einem das nicht vor. Die Sänger sind durch die Bank weg das, was man so ‚erste Sahne‘ nennt. Man könnte auch sagen: erste Kanone; denn es handelt sich vorzugsweise um Wagner- oder Strauss-Stimmen. Camilla Nylund in der Titelrolle klingt wie eine „Frau ohne Schatten“ auf Urlaub (eine Spur zu reif). Stuart Skelton (Laca) ist ein Tristan im Homeoffice. Und Evelyn Herlitzius gibt die Küsterin nicht als Furie oder Megäre. Aber doch recht militant. So sehr wird von allen stimmlich ‚draufgehalten‘, dass der einzige Muttersprachler, Ladislav Elgr, nicht mehr so richtig artikulieren kann (um als Števa stimmlich noch konkurrieren zu können). „Jenofa“ singt er (statt „Jenufa“). Tribut an zu viel Wagnerisierung. Der Verdacht, die Aufführung gäbe es hauptsächlich wegen Simon Rattle am Pult, ist nicht ganz unbegründet. Rattle dirigiert straff, sehnig, fest verpanzert und gefühlsdicht. Weniger Erregungspegel, zumal angesichts einer TV-Übertragung, wäre wohl mehr gewesen. Doch die Vorteile des ‚Fernsehspiels‘ zu nutzen, so weit sind wir nun doch noch nicht.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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