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(c) Philippe Gromelle/Orange

Musikstadt

Orange

Die Chorégies d’Orange sind das älteste Festival. Vor 152 Jahren wurden sie erstmals im vollständigsten römischen Theater abgehalten.

Wenn man nachts um Viertel nach eins ein letztes Mal in C-Dur ein sich langsam und machtvoll aufschwingendes „Liberté“ hört, während gleichzeitig der Blick über 37 Höhenmeter 2000 Jahre alter römischer Theaterrückwand zu den Sternen des Provence-Himmels schweift und man Gänsehaut bekommt, dann weiß man, dass man diesen Abend mit Gioachino Rossinis helvetischem Schwanengesang „Guillaume Tell“ am richtigen Ort verbracht hat. Jean-Louis Grinda, erster echter Monegasse auf dem Intendantensessel der anderen Garnier-Opéra in Monte-Carlo, hat das Monstré sacré ganz bewusst 2019 im antiken Theater von Orange in seinem vierten Sommer als Direktor angesetzt: Schließlich sollte der 150. Geburtstag des ältesten Musikfestivals der Welt mit einem besonderen Opus begangen werden. Ab 1869 feierte man hier, dem Geist des Ortes folgend, „Römische Feste“, freilich jugendfrei. Ab 1902 setzte sich der auf die ebenfalls antiken Chorumzüge anspielende, bis heute gültige Begriff der „Chorégies d’Orange“ durch. Das Konzept eines Musikfestivals geht auf Hector Berlioz zurück, Richard Wagner machte es in Bayreuth berühmt. Doch ist eben hier, als Klangfeiern in Südfrankreich, die Mutter all dieser Veranstaltungen. Eine solche Langlebigkeit – das Festival überstand die Kriegsniederlage von 1871, beide Weltkriege und den Mai 1968 – ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist auch der Ort: das um 20 n. Chr. erbaute römische Theater von Orange, heute Weltkulturerbe der Unesco, nicht zuletzt wegen seiner bestens erhaltenen Rückwand. Das nicht mehr originale, an einen Hügel gelehnte Sitzstufenrund fasst um die 9000, gequetscht sitzende Zuschauer; heute haben meist 7000 nur wenig mehr Platz. Der Ort ist magisch, die Akustik ist es auch. Mürbe macht höchstens der Mistral, wenn er zu sehr wütet. Die pfeifenden Mauersegler verschwinden, wenn das Licht angeht, und auch die Grillen schweigen bald fein still. Die Natur macht sich der Kunst untertan. Sarah Bernhardt hat hier tragödet, wie viele andere Schauspieler der Comédie-Française, die in Orange bis zum Zweiten Weltkrieg vorwiegend spielten. Oper war eher selten, ab und an gab es auch mal ein Konzert. Einen gloriosen Neubeginn erlebten die „Chorégies Nouvelles“ dann ab 1973 mit einem längst legendären, zum Glück in Bild wie Ton festgehaltenen „Tristan“ unter Karl Böhm mit Birgit Nilsson und John Vickers; Nikolaus Lehnhoff hatte damals alle Mühe, Heinz Macks Lichtsegel vor dem Zerreisen im Mistral zu bewahren. Diese Aufführung fand freilich nur einmal statt, ebenso wie die nicht minder legendäre „Norma“, bei der der Wind sogar Montserrat Caballé fast davonwehte.

Kulisse mit Kalamitäten

Zu dieser One-Show-Politik will teilweise auch Grinda jetzt zurück, der ein Festival in finanziellen Kalamitäten und in der Auseinandersetzung mit der rechtslastigen Stadtregierung erbte. „Lieber spiele ich ein Stück wie den ‚Tell‘ einmal vor vollem Theater-Rund statt zweimal für je 5.000 Leute. Das ist finanziell günstiger.“ Grinda, der sich auch mit dem Bürgermeister arrangiert hat, weitet lieber das Angebot aus. So sind jetzt vor der historischen Kulisse auch Mahler-Sinfonien oder ein sinfonisches Konzert mit DJ für die Jüngeren zu erleben. 80 Prozent des Budgets von sieben Millionen Euro muss Jean-Louis Grinda selbst einspielen. Sein Publikum kommt ebenfalls zu 80 Prozent aus dem Dreieck Lyon, Montpellier, Nizza. Er ist ein Pragmatiker und gut vernetzt, das hat ihm schon bei seinen früheren Posten in Reims, Lüttich und Nizza genützt. Außerdem hat er in seinen Anfängerjahren schon mal in Orange mitgearbeitet. In den letzten Jahren hat das Festival finanziell zu schwächeln begonnen, weil man dauernd die gleichen zehn Opern angesetzt hatte. Da brachten dann auch die größten Stars, von Alagna, Gheorghiu, Vargas bis Kaufmann und Damrau, nicht mehr genügend Anziehungskraft auf. Grindas Konzept hat dann ab dem Sommer 2018 Sommer gegriffen. Und er sagt auch: „Ich will Oper für die Menschen machen. Viele gehen nur hier ins Musiktheater, manche Familien schon über Generationen hinweg. Die sollen sich wiederfinden, auch wenn ihnen ein Titel unbekannt vorkommt.“ Alle Stars haben hier gesungen oder wollen es. Schon 1869 hat man hier drei Tage lang mit Musik gefeiert, um ein altes Theater, das als Wohnviertel, Kaserne, Krankenhaus gedient hatte, wieder als Theater zu beleben. Anders als in Verona oder Nîmes kämpften hier keine Gladiatoren oder wurden christliche Märtyrer von Löwen gehetzt, in Orange kannte man nur Deklamation, Musik, Tanz. Der charmante Ort mit knapp 30.000 Einwohnern im Herzen der Provence, genauer: Departement Vaucluse, ist aber mehr als sein berühmtes Herzstück, das monumentale Theater. Der historische Name der Stadt lautete Arausio, nach einem lokalen ligurisch-keltischen Wassergott. Die Assoziation zu „Orange“ als Farbe und Frucht ergab sich erst später. Im Jahre 105 v. Chr. ereignete sich die Schlacht bei Arausio zwischen Römern sowie Kimbern und Teutonen. Dabei kamen tausende Römer ums Leben. Von 350 bis 1801 war Orange Bistum. Im 16. Jahrhundert fiel die Stadt als Hauptstadt des Fürstentums Oranien an die niederländische Linie von Nassau, daher auch deren Beiname Nassau-Oranien. 1713 kam Orange nach dem Vertrag von Utrecht zu Frankreich. Neben dem Theater ist die Stadt bekannt für eine weitere Reihe römischer Bauwerke aus der Zeit unmittelbar vor oder während der Herrschaft von Kaiser Augustus. Dazu gehört auch der Stadtgründungsbogen, ein Monumentaltor, das als eines der größten und besterhaltenen seiner Zeit gilt. 1981 wurden diese Bauwerke von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Doch zurück zu einem Abend bei den Chorégies. Auf den zentralen, teuren 275-Euro-Plätzen gibt es rote Sitzpolster, während das übrige Publikum seine Hinternweichmacher mitbringen muss. Oder mit provencalischem Muster gegenüber vom Eingang erwirbt, die findigen Händler haben auch Papprücksitze (6 Euro) oder Holzgestelle ohne Beine (50 Euro) im Angebot. Das gehört zu den Ritualen à la Orange, so auch die frühe Anreise, um nicht in Parkplatzkalamitäten zu kommen, und die flächendecke Menue-Formule in allen Restaurants, die vor dem Beginn um 21.30 Uhr die Speisung der Zigtausend professionell gewährleisten. Vor und nach der bis zum Ende kurzärmlig verbrachten Oper, wenn nach vier Opernstunden das letzte „Liberté“ nebst Riesenbeifall von 14.000 Händen verklungen ist, muss man freilich noch bei der besonders guten Eistheke gleich gegenüber vorbeigehen. Auch das ein Pflichtstopp à la Orange.

www.choregies.fr


Samson und Darth Vader

1Im Corona-Jahr 2020 musste natürlich auch die Chorégies schon früh abgesagt werden. Aber einiges wurde verschoben, und so blickt Intendant Jean-Louis Grinda einigermaßen hoffnungsfroh auf den kommenden Sommer vom 18. Juni bis zum 31. Juli. Als Oper ist zum 100. Todestag von Camille Saint-Saëns dessen „Samson et Dalila“ (mit Marie-Nicole Lemieux und Roberto Alagna) angesetzt. Es gibt Konzerte mit Cecilia Bartoli und Nemanja Radulović, dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mikko Franck mit Maxim Vengerov sowie dem Scala-Orchester unter Riccardo Chailly. Das Béjart Ballet Lausanne gastiert, es gibt eine Videospiel-Sinfonie und ein Charlie-Chaplin-Kinokonzert.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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