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(c) Suxiao Yang

Augustin Hadelich

Bach im Foxtrott

Der deutsch-italienische Violinist spielt Bachs Sonaten und Partiten auf jener Geige, die einst Henryk Szeryng gehörte – und bringt sie zum Tanzen.

Wo kommt eigentlich der schöne Geigenton her? „Man braucht eine Vorstellung davon und muss die Richtung kennen, in die man will“, sagt Augustin Hadelich. „Dann erst folgt technische Arbeit.“ Hadelich, deutsch-italienischer Geiger mit Wohnsitz in New York, hat einen schönen Ton. Sehr schön sogar! „Mein Ton soll ausdrucksvoll sein, aber nicht dick. Ich denke dabei an eine Singstimme, allerdings keine Opernstimme. Eine Liedstimme!“, so Hadelich am Telefon. „Meine Familie in Italien sang gern zum Klavier.“ Mit Liedern ist er aufgewachsen. Seine Neuaufnahme der Bach-Sonaten und -Partiten, der man die liedhaften Ideale anhört, kann als eine kleine Sensation gelten. So flüssig wohlartikuliert, so warm und gesanglich im Ton, ohne zu romantisieren oder klanglich zu verfetten, hat man das lange nicht gehört. Es kann nicht allein an seiner Violine liegen, der Guarneri del Gesù namens „Leduc“, die früher Henryk Szeryng gehörte. Szeryng war einer der wichtigsten (und pionierhaften) Geiger, die Bachs Solo-Violinwerke vom Staub des Vergessens befreiten (zuvor hatte man, falls man diese Werke überhaupt spielte, gern eine Klavierstimme dazu arrangiert). „Szeryng hat fast alle seine Aufnahmen auf dem Instrument gemacht, das ich spiele“, so Hadelich. Man erhält auf dem Doppel-Album mithin also einen erstaunlichen Vorher-Nachher-Effekt. „Für Bach benutze ich einen Barockbogen“, ergänzt Hadelich. „Für viele Geiger besteht dabei die Gefahr, dass die Energie verloren geht, und zwar deswegen, weil man zu vorsichtig musiziert – so wie man dies beim normalen Bogen gelernt hat.“ Bach solle ja schließlich nicht wie Prokofjew klingen; also halten sich viele Geiger zu sehr zurück. Die Gratwanderung hat Hadelich ingeniös bewältigt. Kaum je war ein noch tänzerischer, leichtfüßigerer Solo-Bach zu hören als hier. Bach darf nie trotten, heißt es ja mit Recht. Hier foxtrottet er. In New York lebt Hadelich, weil er nach dem Juilliard-Studium dort einfach blieb. „Nicht nur, dass ich die Stadt liebe, gab den Ausschlag“, so Hadelich. Viele Jahre lang nämlich lag der Schwerpunkt seiner Konzerttätigkeit in den USA. 2006 hatte er hier den Wettbewerb von Indianapolis gewonnen. „Schöne Säle, gute Orchester, tolles Publikum“, resümiert Hadelich. Allerdings weiß er: „Eine zweite Lockdown-Saison werden viele amerikanische Orchester nicht überleben.“ Inzwischen ist er selbst auch in Europa eine feste, vielgeschätzte Größe. Geboren 1984 im toskanischen Cecina, zog sich Hadelich bei einem Hausbrand 1999 schwere Gesichtsverbrennungen zu. Dies zwang ihn unter anderem dazu, ein Jahr lang jede Musikausübung zu unterbrechen. Die Vernarbungen sind noch heute sichtbar – und dürften für keinen öffentlich auftretenden Musiker eine leicht zu verwindende Sache sein. „Mir hat, wie ich sagen muss, meine eigene Bekanntheit genutzt“, so Hadelich sehr offen. „Es war früher schwierig für mich, in einen Raum zu gehen, in dem man mich nicht kannte.“ Er wurde angestarrt. „Heute bin ich in den Konzertsälen, in die ich komme, nicht mehr unbekannt. Das hilft mir.“ Im Übrigen sei der Eindruck vor Ort ein anderer als sonst. „Die meisten Zuhörer im Saal sitzen eigentlich zu weit weg, um überhaupt etwas sehen zu können.“ Keine Frage, dass Hadelich seine Situation bravourös und bewundernswert gemeistert hat. Bemerkenswert, wie ihm die eigene Karriere dabei half.

Über den Tellerrand schauen

Dem eigenen Können liegt, wie so oft, nicht nur Talent, Musikalität und eine gute Ausbildung zugrunde. Sondern auch eine eigene Methode und ein Vorrat an Ansichten, durch die er sich von anderen unterscheidet. „Ich glaube, dass heute eher zu viel Wert auf technische Perfektion gelegt wird – und zu wenig auf die Grundlagen der Musikalität.“ Diese sei nicht unbedingt angeboren, so Hadelich, sondern müsse gefördert und durchaus ausgebildet werden. „Es wird im Studium zu viel über Fingersätze und Bogenstrich geredet.“ Die Geige ist, wie zuzugestehen sei, „ein schwieriges Instrument“. Karrieren von technisch weniger perfekten Violinisten wie etwa Yehudi Menuhin wäre indes heute kaum mehr so möglich, wie sie es früher waren. Wenn demzufolge zu viel Wert auf Perfektion und zu wenig auf Musikalität gelegt werde, so sei es eigentlich kein Kunststück, diesen falschen Akzent „zugunsten der Musik“ zu verschieben. Wohl war. Bisschen was drum herum schauen! Mal ein Buch lesen. Wie sagte schon Hanns Eisler (in Anlehnung an Lichtenberg): „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.“ Für die stilistische Balance, die Hadelich bei Bach bravourös findet, ist nicht zuletzt die berüchtigte „Vibrato-Frage“ von entscheidender Bedeutung. Also: Wie sehr man Töne schwingen lässt (durch Vibrieren mit dem Finger der linken Hand). Genau daran scheiden sich oft die Bach-Geister. „Ich selber habe früher mehr vibriert“, so Hadelich; bevor er sich dann, wie fast alle, von der historischen Aufführungspraxis ‚aus der Unruhe‘ bringen ließ. Heute spielt man gerader, also schwingungsärmer und ‚reiner‘. „Bei wichtigen Tönen vibriere ich“, sagt Augustin Hadelich schlicht. Sonst nicht. Er macht es eigentlich so, wie man es schon in historischen Aufnahmen bei Joseph Joachim, Pablo de Sarasate und anderen hören kann. Sie vibrierten, um Ausdruck herzustellen bzw. zu steigern. Aber nur dann. Mit Blick auf die Fülle von Vergleichs-Sets bei Bach findet Hadelich gute Worte für alte Gesamtaufnahmen nicht nur von Szeryng, sondern auch von Nathan Milstein. Auch Christian Tetzlaff und Isabelle Faust findet er „interessant“. Dass er eher zum traditionellen Lager zu rechnen ist, hört man heraus. Und weiß es sowieso von früheren Alben. Hier spielte er neben den großen Konzerten von Dvořák, Mendelssohn und Bartók gern auch Unbekannteres von Janáček, Suk und Ligeti. An früheren Aufnahmen gibt es von ihm erstaunlicherweise schon mehr als ein schlappes Dutzend; sogar eine mit Tangos. Die Debüt-CD machte er mit 12. Wenn man sich anschaut, wie viel an Ehrendoktorwürden, Fellowships, Grants und Prizes sich bei dem heute 37-Jährigen schon angesammelt hat, wird einem klar, dass die knabenhaft junge Stimme, mit der man da telefoniert, in Wirklichkeit keinem Youngster gehört. Sondern einem längst etablierten Weltklasse-Solisten, der nur in Deutschland noch nicht ganz angekommen ist. „Mit Empathie“, sagt er, habe das Geigenspiel wesentlich zu tun. Im Dialog mit sich selber, so wie bei Bach, muss sich Hadelich empathisch gegenüber sich selbst verhalten. Vielleicht ist es dieser Austausch, der dieses Doppel-Album so unvergleichlich macht.

Erscheint Anfang April:

Bach

Die Sonaten und Partiten für Violine solo, BWV 1001–1006 (2 CDs)

mit Hadelich

PLG/Warner


Meister-Werk

1Johann Sebastian Bachs 6 Sonaten und Partiten für Violine solo sind Lieblinge des Katalogs – auch weil sie so herrlich preiswert zu produzieren sind. Früher schien das weniger wichtig. Vor Altmeistern wie Nathan Milstein (1954/55 etc.), Arthur Grumiaux (1960/61) und Henryk Szeryng (1967) mied man die Werke. Neueren Durchbruch brachten Gidon Kremer (1981 etc.) und Christian Tetzlaff (1993 etc.). Unter den Modernen sehr schön: Hilary Hahn (2017) und vor allem die großartige Viktoria Mullova (2008). Historisch informierter – und auf Darmsaiten – gingen es Sigiswald Kuijken (1983), Isabelle Faust (2002/09), Midori Seiler (2015) und Giuliano Carmignola (2018) an. 6 Werke, 1000 Verbindungen.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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