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N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



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(c) Christoph Köstlin/DG

Andrè Schuen

Ums nackte Singen

Mit Schuberts „Schöner Müllerin“, zugleich sein Label-Debüt frisch unter Vertrag, startet der Bariton durch.

Gute Baritone gibt es einige. Gute Baritone, die Lieder singen, auch. Dass ein Bariton ausgerechnet mit einem Liedprogramm beim bekanntesten Klassik-Label der Welt andockt, hat indes Seltenheitswert. Andrè Schuen hat es geschafft, diesen Deal an Land zu ziehen. Seine Studioversion von Franz Schuberts „Schöner Müllerin“ ist jüngst bei der Deutschen Grammophon erschienen und reiht sich dort ein in eine Serie großer Vorgängeraufnahmen mit Sängern wie Dietrich Fischer-Dieskau oder Thomas Quasthoff. Um es vorweg zu sagen: Den Vergleich muss Schuen – gesegnet mit hervorragendem Stimmmaterial und hohem interpretatorischen Einfühlungsvermögen – nicht scheuen. Umso mehr können sich Lied-Fans auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen Sänger und Premium-Label freuen: Neben der „Müllerin“ sind auch die beiden anderen großen Schubert-Zyklen „Winterreise“ und „Schwanengesang“ in Planung. „Es hat etwas gebraucht, bis ich mich an die ‚Schöne Müllerin‘ herangewagt habe“, sagt Andrè Schuen. „Wie bei der ‚Winterreise‘ denke ich, dass sie vom Charakter eher für einen (hohen) passt.“ Mit viel Vorbereitung hat sich der 36-Jährige dennoch auf das emotionale Abenteuer eingelassen, in die Rolle des blutjungen Müllerburschen zu schlüpfen, dessen Liebes- und Leidensgeschichte im Zentrum des 1823 entstandenen Liederkreises steht. Wobei das Wort Abenteuer nicht zu hoch gegriffen ist: Das Nacherleben von dessen tragischer Hingabe an die schöne Müllerstochter ist verbunden mit einer hart am Grenzwert schrammenden Dosis an romantischem Gefühlsüberschwang. Die Intensität, mit der Schubert und sein Textdichter Wilhelm Müller (1794–1827) die verschiedenen Stadien von Schwärmerei und Hoffnung über Ungeduld und Eifersucht bis hin zu Resignation und Selbstmord durchrasen, geht Zuhörern selbst in den heutigen, abgeklärten Zeiten noch an die Substanz. „Als Sänger muss ich da tatsächlich etwas auf Abstand gehen“, sagt Andrè Schuen, „auch wenn es mir manchmal schwerfällt.“

Aufgewachsen am Bach

Mit anderen, ebenfalls einer erzromantischen Weltsicht entspringenden Aspekten der „Schönen Müllerin“ pflegt Schuen hingegen einen ganz natürlichen Umgang. Wo immer in Text und Musik die Bächlein rauschen, die Blümlein blühen oder die Vöglein zwitschern, fühlt sich der Sänger in seine eigene Kindheit in La Val im Schatten der Südtiroler Berge zurückversetzt. „Ich bin tatsächlich in einem alten Mühlhaus aufgewachsen mit einem Bach daneben.“ Hier ging es musikalisch zu, der Vater dirigierte den örtlichen Musikverein, die Schuen-Geschwister sangen oder saßen an Instrumenten, Andrè zunächst am Cello. „Ich habe dann an der Schule etwas gesungen, in Jugendchören, in ganz unterschiedlichen Gruppen“, berichtet er von seinen musikalischen Anfängen. „Dass ich einmal Profisänger werden würde, wäre mir in meiner Jugend gar nicht in den Sinn gekommen. Bei meinen Eltern bin ich damit aber nie auf Widerstand gestoßen.“ Seine Schwestern, die beide ein Musikstudium aufnahmen, machten es ihm vor. Heute sind sie als Teil des in ladinischer Sprache singenden Pop-Trios Ganes nicht nur in ihrer Heimat Südtirol sehr erfolgreich. Auch Andrè Schuen hat sich in unterschiedlichen Musikrichtungen ausprobiert, ehe er bei der Klassik landete. Das sollte sich jedoch erst herauskristallisieren, als er sich der Matura näherte, dem südtirolerischen Abitur. „Zu der Zeit habe ich beim Salzburger Mozarteum vorgesungen. Interessanterweise hatte ich bis dahin noch keine einzige Gesangsstunde in meinem Leben gehabt“, berichtet er. Das technische Unwissen konnte die Überzeugungskraft der Naturstimme locker wieder wettmachen. Andrè Schuen beeindruckte mit seinem Auftreten und nahm das Studium an der renommierten Hochschule in Mozarts Heimatstadt auf, wo er unter anderem bei Wolfgang Holzmair in die Lehre ging. Für ihn noch heute ein großes Vorbild, nicht zuletzt in Sachen Schubert-Lieder, insbesondere der „Schönen Müllerin“. „Neben der Oper habe ich mich schon im Studium sehr für das Lied interessiert“, sagt Andrè Schuen. Auf Schubert gebracht hatte ihn seine Schwester, die damals Gesang studierte und eines Tages mit einem Band mit Liedern bei ihrem Bruder aufkreuzte. „Ich habe sie durchgesungen und mich dabei selbst auf dem Klavier begleitet – soweit mir das zumindest möglich war. So habe ich damals Schubert entdeckt.“ Von Anfang an hat Andrè Schuen den Liedgesang als festen Bestandteil in seine Sängerkarriere integriert. Heute ist er in diesem Fach genauso erfolgreich wie auf der Opernbühne, wo er zuletzt noch, in Pandemiezeiten, als Guglielmo in Mozarts „Così fan tutte“ bei den Salzburger Festspielen 2020 glänzen konnte. Das Verhältnis zwischen Lied- und Opernauftritt, sagt er, liege ungefähr bei 50:50 mit einem kleinen Plus auf der Liederabendseite. „Bei der Oper spiele ich immer einen bestimmten Charakter, habe ich immer eine Verkleidung, hinter der ich mich auch verstecken kann. Wenn ich Lied singe, stehe ich fast nackt auf der Bühne, da bin ich nur ich selbst, und das in einer unmittelbaren Nähe zum Publikum“, beschreibt Andrè Schuen die besondere Herausforderung eines Lied-Sängers. Umso wichtiger ist es, zur Verstärkung einen verlässlichen Mitmusiker an der Seite zu haben, der in diesem Falle Daniel Heide heißt. Seit rund zehn Jahren ist der Thüringer so etwas wie Andrè Schuens Stammpianist, ein treuer Gefährte, mit dem er unzählige Male gemeinsam auf der Bühne gestanden hat. Auch im Studio sind die beiden ein eingeschweißtes Team, wie die vorangegangene Aufnahme mit Schumann- und Wolf-Liedern, vor allem aber das 2018 erschienene hochgelobte Schubert-Album „Wanderer“ (bei CAvi) beweisen. Geradezu selbstverständlich, dass Daniel Heide bei der „Schönen Müllerin“ ebenfalls mit an Bord geholt wurde – zumal die Aufnahme-Session im vergangenen Mai in Hohenems eine Art Wiedersehensfeier wurde, hatte doch der erste Lockdown für beide Künstler eine Unterbrechung ihrer beruflichen Tätigkeit bedeutet. „Ich hatte das Glück, dass ich auch im Corona-Jahr noch viele meiner Termine wahrnehmen konnte“, sagt Andrè Schuen, der vor allem dankbar dafür war, in der Salzburger „Così“-Produktion auf der Bühne stehen zu können. Auch der Veröffentlichungszeitraum des „Müllerin“-Albums sei durch die Pandemie nicht wirklich beeinträchtigt worden. „Allerdings hätte es im Anschluss eine ganze Reihe von Konzerten mit dem Programm gegeben, die wir leider absagen mussten.“ Hier hilft Geduld, denn die Konzerte sollen zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, wenn auch nicht – und das hätte Andrè Schuen schön gefunden – als Tournee.

Neu erschienen:

Schubert

„Die schöne Müllerin“

mit Schuen, Heide

DG/Universal

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Schöne Müller

Berühmte Tenöre wie Fritz Wunderlich, Peter Schreier oder vor einigen Jahren Jonas Kaufmann haben die Diskografie von Schuberts „Schöner Müllerin“ entscheidend geprägt. Doch schon von Beginn an wurde die Aufführungsgeschichte des 1823 entstandenen Zyklus von Baritonen geprägt. So geht die vermutlich erste öffentliche Gesamtaufführung im Jahr 1856 auf das Konto des seinerzeit sehr gefeierten Julius Stockhausen. Zu den Baritonen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten sowohl im Konzertsaal als auch auf CD um „Die schöne Müllerin“ verdient gemacht haben, gehören Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Robert Holl, Thomas Quasthoff, Matthias Goerne und Christian Gerhaher.

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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