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Überblick verschaffen: Die Ergebnisse der Studie zur Geschlechterverteilung sind als Rollposter erhältlich © Deutsches Musikinformationszentrum

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Fast auf Augen- und Ohrenhöhe

Madeleine Carruzzo und Anna Leskes haben Musikgeschichte geschrieben – und das ganz unfrei- und eher widerwillig. Denn diese Musikerinnen sollten tatsächlich als erste die reine Männerphalanx bei zwei der berühmtesten Orchester durchbrechen. Die Violinistin Carruzzo schaffte es 1982 zu den Berliner Philharmonikern. Immerhin 15 Jahre später war es dann die Harfenistin Anne Leskes bei den Wiener Philharmonikern. Wobei es zuvor immer wieder Diskussionen gegeben hatte. Ende 1994 war es eine „Arbeitsgruppe Frauenrechte Menschenrechte", die die Wiener Philharmoniker in einem offenen Brief aufforderte, ihre Frauenlosigkeit doch bitte mal zu erläutern. Im August 1995 reagierte die Orchesterleitung und führte sozial- und arbeitsrechtliche Probleme als Begründung an.
Mittlerweile konnten aber selbst diese fadenscheinigen Gründe mehr als ausgeräumt werden. Und so haben Musikerinnen längst ihren festen Platz in den internationalen Spitzenorchestern. Dass es dennoch hier und da weiterhin leichte bis gravierende Unterschiede gibt, was die Aufteilung der Orchestermannschaft in Männlein und Weiblein angeht, macht eine neue Studie deutlich, die das vom Deutschen Musikrat getragene Deutsche Musikinformationszentrum (miz) durchgeführt hat.
Unter dem Titel „Am Pult der Zeit!?“ wirft diese Studie einen analytischen Blick auf die 129 öffentlich finanzierten Orchester in Deutschland. Und heraus gekommen sind so erfreuliche wie ernüchternde Zahlen. Durchschnittlich sind 39,6 % der Orchestermitglieder in deutschen Berufsorchestern weiblich. Mit steigendem Renommee des Orchesters und höherer Stimmposition wird zunehmend deutlich: In Spitzenorchestern ist der Anteil an Frauen in höheren Dienststellungen mit 21,9 % besonders niedrig. Dafür aber dominieren die Frauen bei den Instrumenten. Die höchsten Frauenanteile gibt es bei den Harfen (93,7 %,), Flöten (65,4 %) und sogar bei der 1. Violine (59,1 %). Dagegen bleiben Tuba, Kontrabass und Schlagwerk weiterhin fest in Männerhand. „Differenzierte Daten zur Geschlechterverteilung in den öffentlich geförderten Orchestern, die auch die Dienststellungen berücksichtigen, haben lange gefehlt“, so Stephan Schulmeistrat, Leiter des miz: „Wir freuen uns, im engen Schulterschluss mit der Deutschen Orchestervereinigung und dem Deutschen Bühnenverein aktuelle und verlässliche Daten bereitstellen zu können, mit denen die Debatte um die Chancengleichheit von Frauen in Orchestern unterfüttert wird.“
Was für die Orchesterstruktur gilt, trifft aber noch mehr für das Dirigentenpult zu. Gerade mal eine Handvoll Frauen leiten aktuell eines der 129 deutschen Berufsorchester. Dabei, so empörte sich die australische Dirigentin Simone Young erst kürzlich im Interview mit dem deutschen Klatschmagazin „Stern“, sind doch „die Zeiten der alten Autokraten, der Männer mit langen weißen Haaren, […] die alle kritisiert und alles schlecht gefunden haben, eigentlich vorbei.“

Guido Fischer



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