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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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(c) Simon Höfele

Steckenpferd – Simon Höfele

Oase des Analogen

Zwangspause. Seit bald einem Jahr haben Musiker hierzulande Auftrittsverbot – und damit viel Zeit. Zeit zum Üben, aber auch Zeit für ihre Hobbies und über diese Leidenschaften zu plaudern. Simon Höfele etwa entspannt beim Fotografieren.

RONDO: Kann ich mit der Nikon D5600 bei Ihnen punkten?

Simon Höfele (lacht): Nein! Dieses ganze Technik-Gebashe ist so gar nicht mein Ding. Bei mir war es Zufall, dass ich mit Canon angefangen habe zu fotografieren, dann zwischendurch zu Sony gewechselt und nun wieder bei Canon bin – an für sich ist es total wuppe, ob man mit einem iPhone, einer Spiegelreflex oder einer Großformatkamera fotografiert.

RONDO: Dennoch schätzen Sie die Analog-Fotografie besonders – worin liegt der Reiz dieser Technik aus dem vergangenen Jahrhundert?

Höfele: Ich halte nicht viel von Schubladendenken – zu behaupten, man könne nur mit einer Analog-Kamera fotografieren, ist für mich genauso abwegig wie die Aussage, gute Fotos ließen sich nur mit einer Digitalkamera machen oder dass ein iPhone ohnehin der allerbeste Fotoapparat sei. Letztlich muss das Endergebnis stimmen – und auf dem Weg dorthin ist für mich die analoge Fotografie einfach der mit Abstand schönste Prozess.

RONDO: Das fotografische Ergebnis spielt also für Sie gar keine so große Rolle?

Höfele: Meistens finde ich dann auch das Endergebnis sehr ansprechend, zumal ich kein großer Fan von Nachbearbeitung bin: Erstens bin ich zu faul, und zweitens lebt das Foto doch durch kleine Imperfektionen – und dafür ist die Arbeit mit analogen Kameras wunderbar. Da finden sich Staubkörner auf den Negativen, wenn man diese einscannt, manchmal auch ein Fingerabdruck oder ein kleiner Tropfen hat sich festgesetzt, nachdem man das Negativ nach der Entwicklung mit nicht kalkfreiem Wasser abgewaschen hat. Das ist alles weit weg von Perfektion, doch genau das macht eben auch den Reiz aus.

RONDO: Es sind also die kleinen Fehler und Unzulänglichkeiten der analogen Fotografie, die Sie besonders schätzen…

Höfele (lacht): Es ist einfach toll, mit alten Kameras zu arbeiten und zu wissen: Das ist alles reine Technik und keine Elektronik. Es sind physikalisch nachvollziehbare Prozesse, die stattfinden – und am Ende nehme ich das Negativ in die Hand, entwickle es und habe dann mein komplett in Eigenarbeit belichtetes Foto. Genauso wie ich es in meinem Kopf gesehen und mir mit der entsprechenden Belichtung vorgestellt hatte – und auf diesem Weg bis hin zum Papierabzug hat es keinerlei digitale Einwirkungen gegeben. Insofern ist die Fotografie mit analogen Kameras auch eine schöne, losgelöste zeitlose Welt und ein wunderbares Entschleunigen.

RONDO: Und das Tag für Tag, denn in Ihrer Wohnung gibt es nicht nur eine analoge Kamera …

Höfele (lacht): Wer in meine Wohnung kommt, denkt zuerst: Hier lebt ein Fotograf. Und wenn man dann in den Ecken ein paar Trompeten herumliegen sieht, kommt vielleicht der Gedanke: Okay, das ist ein Fotograf, der viel Musik macht … aber das umgekehrte Bild entsteht garantiert nicht, denn dafür liegen und stehen dort zu viele Fotobücher, Scanner und natürlich Kameras. Ich liebe es einfach, die Kameras täglich zu sehen und in der Hand zu halten – und natürlich damit zu fotografieren!

RONDO: Das Fotografieren sei für Sie ein Entschleunigen und eine Art Oase, sagen Sie selbst, und böte Ihnen die Möglichkeit, die Zeit jeweils kurz still stehen zu lassen – sind das wichtige Momente für Sie bei diesem Hobby?

Höfele: Auf jeden Fall! Denn solch ein Bild ist natürlich eine Erinnerung, ganz aktiv und metaphorisch geschaffen durch diesen kleinen Frame, den man sich dann im doppelten Sinne des Wortes einrahmt und in der Kamera gespeichert hat. Und selbst wenn die Fotos vielleicht gar nicht so toll sind, ist man doch beim Betrachten in diesem nostalgisch-melancholischen, meist leicht schmunzelnden Momentum: „Ja, genau so war das …“. Vor allem aber liebe ich den Akt des Fotografierens an sich, wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, selbst wenn am Ende nur drei oder vier Fotos entstehen: Doch diese fünf Stunden, die ich mit der Kamera herumstrolche, sind für mich sehr heilend.

RONDO: Inwiefern?

Höfele: Ich sehe dann einfach ganz anders, nehme Dinge anders wahr und bin viel langsamer, als ich sonst wäre: Es ist wirklich dieses aktive Die-Zeit-still-stehen-Lassen. Und auch meine Fotos sind dann eher Stillleben ohne Menschen, sehr ruhig und oft auch von einer eher dunkleren Seite. Für mich ist das einfach eine schöne Art zu entspannen und mich zugleich auf eine andere Seite meiner Kreativität zu fokussieren – und komme ich dann wieder zurück zur Musik, bin ich wieder resettet und kann mich voll aufs Musizieren fokussieren.

RONDO: Wenn Sie sich nicht gerade mit einem Foto-Projekt und einer Kulturinitiative wie „Kunstverlust“ beschäftigen, für die Sie mehr als 1000 Menschen fotografiert haben …

Höfele: Ja, das Projekt habe ich 2014 mit einem sehr guten Freund gestartet. Zu zweit sind wir durchs Land gefahren, um Menschen zu fotografieren, die sich für Kunst und Kultur engagieren wollten, denn seinerzeit wurde in Baden-Württemberg die Fusionierung der beiden großen Sinfonieorchester geplant. Zudem standen Sparmaßnahmen an den Musikhochschulen an und es sah zeitweise sehr düster aus. Da ist mir dann die Idee gekommen, eine Art virtueller Petition gegen diese Sparmaßnahmen zu starten und so habe ich die ausgewählten Personen immer im selben Look fotografiert, immer von der Gürtellinie bis zum Kopf, zwar in verschiedenen Posen, aber stets derselbe Hintergrund, dasselbe Licht, derselbe Schwarz-Weiß-Look – und dazu ergänzend die Statements der fotografierten Personen.

RONDO: Angefangen haben Sie mit Freunden und Kommilitonen, doch dann haben Sie auch Prominente gewinnen können, von Iris Berben über die Kulturstaatsministerin Monika Grütters bis hin zu Ai Weiwei – da böte sich doch eigentlich eine Ausstellung an?

Höfele: Wir haben immer gesagt, dass wir dieses Projekt nicht im digitalen Orbit versanden lassen wollten, weil das so ganz und gar nicht unserem Kunstaspekt gerecht würde. Doch da die Idee dahinter ja mehr als nur eine Ausstellung war, haben wir dann das „KunstLUST“-Festival geplant: mit kulturpolitischen Symposien, Ausstellungen, Lesungen, Konzerten von Pop-Bands und Klassikkünstlern – also quasi von allem etwas. Starten sollte dies am 18. April 2020 – wir wissen ja alle, was dann kurz vorher passiert ist. Nun planen wir einen Neuanlauf für 2023 und nutzen gerade die Zwangspause, um eine vernünftige Online-Präsenz für all die Fotos und unseren Verein „Kunstverlust“ auf die Beine zu stellen.

www.simon-hoefele.de

Erscheint Mitte April:

„New Standards“, Werke von Arthur Honegger, Karl Pilss, Georges Enescu, Paul Hindemith, Jean Françaix und Alexander Arutjunjan

mit Höfele, Brauß

Berlin Classics/Edel

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Seitensprünge zur Moderne

Manchmal ergreift einen bei diesem Trompeter glatt der Schwindel: Unglaublich über welch verschiedene Blastechniken Simon Höfele verfügt! Ja, der junge Mann besitzt eine fantastische Technik – und obendrein den Mut, statt der geschätzten Barockmusiken für sein Instrument immer wieder auch auf Stücke aus dem 20. und 21. Jahrhundert zu setzen oder gar Seitensprünge zum Jazz zu wagen. Sei es in Konzerten oder bei seinen Aufnahmen – selbst wenn der 26-Jährige seiner „Standards“-Einspielung mit Orchesterwerken von Hummel, Haydn, Copland und Arutjunjan aus dem Vorjahr nun im April noch das Kammermusik-Album „New Standards“ folgen lässt mit der Pianistin Elisabeth Brauß.

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 1 / 2021, Online



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