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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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(c) Parlophone Records Ltd

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Die Sopranistin Diana Damrau hat „keine Lust mehr auf angry, crazy women“. Sie wolle sich, wie sie in einem Interview an ihrem Wohnort Zürich sagte, nicht länger auf dramatische Belcanto-Rollen konzentrieren, sondern mehr Strauss und Mozart singen. „Ich brauche Klarheit. Und eine klare Stimme“, so Damrau. Bei ihrem letzten Album mit den drei Tudor-Queens sei sie „in eine Disbalance geraten“. Sie sei „irgendwie abgedriftet“ und habe „das Album auch nicht rauslassen“ wollen. „Ich muss heute versuchen ehrlich mit mir zu sein. Ich hör’ mir die Aufnahme nicht an.“ Nach zwei Bandscheibenvorfällen versucht sie inzwischen kürzerzutreten. Sie treibe jetzt „keinen wilden Sport mehr“, so Damrau. „Spaziergänge bevorzuge ich ohne Beschallung und ohne Mobiltelefon. Seit August bin ich endlich auch Vegetarierin.“ Bass-Bariton Andreas Schmidt, früher als klanglicher Musterschüler Fischer-Dieskaus vielgebucht und früh verstummt, hat die Perücke, die er einst auf dem Konzertpodium trug, schon vor Jahren feierlich … verbrannt. „Kurz zuvor hatte ich sie mir bei einer „Fledermaus“-Vorstellung an der Semperoper demonstrativ vom Kopf gerissen. Ich war es leid“, so Schmidt in München, wo er sehr erfolgreich an der Hochschule unterrichtet. Tatsächlich sind Perücken außerhalb des Theaters nicht nur eine lästige, sondern auch erstaunlich unübliche Sache. (Nach dem Motto: Auf der Bühne immer, hinter der Bühne nimmer.) Alte Platten-Cover dagegen zeigen Schmidt noch mit kolossalem Kopfputz. Der Sänger hat sechs Kinder und ist glücklich verheiratet. Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach, die in Köln „Rigoletto“ inszeniert (hoffen wir’s!), stand dem eignen Singen lange Zeit ambivalent gegenüber. Den ‚Durchbruch‘ als Sängerin habe sie freilich schon mit 15 Jahren gehabt – „als Polly in der ‚Dreigroschenoper‘ am Berliner Ensemble“, so Thalbach in ihrem Haus in der Ostprignitz. „Seitdem ist die Stimme tiefer geworden.“ Das schnarrend-sonore Organ ist sogar ihr Markenzeichen geworden. „Ich habe erst spät erkannt, wie sehr das für mich ein Kapital darstellt. Außerdem habe ich nachgeholfen durch Rauchen und schlechten Lebenswandel.“ Sie werde im Alltag vor allem an ihrer Stimme erkannt. Countertenor Philippe Jaroussky, inzwischen 42-jährig und graumeliert, lebt damit, dass er auf der Bühne die einen an George Clooney erinnert – „und die anderen an Mr. Bean“. So Jaroussky bei einem Interview daheim in Paris. Dass Countertenöre noch immer ein Außenseiter-Dasein führten, könne man auch daran ablesen, dass er zum Beispiel „noch niemals mit den Wiener Philharmonikern“ und „noch mit keinem Orchester der amerikanischen ‚Big Five‘“ jemals aufgetreten sei. „Einige von uns Countertenören sind zwar bekannt. Dass unser Repertoire etwas wert ist, das müssen wir immer noch beweisen.“ Kontraltistin Nathalie Stutzmann, mit ihrem neuen Album „Contralto“ noch einmal eine Art Summe ihres Lebenswerks ziehend, beklagt die mangelnde Anerkennung für tiefe Stimmen. „Der Kontraalt gilt als weniger leicht zugänglich, obwohl es sich um eine sehr natürliche, unforcierte Tonlage handelt. Als ich anfing, wussten die Lehrer nicht einmal, worum es sich bei mir handelte. Man fand mich befremdend“, so Stutzmann gegenüber der Zeitschrift „Oper!“. „Wir Kontraltistinnen stehen nicht alleine da. Wo sind die großen Baritöne der Gegenwart?! Bei den Bassisten sieht es noch schlimmer aus.“ Im Pop-Bereich dagegen erfreuten sich, so Stutzmann, Altistinnen wie Annie Lennox oder Cher ungebrochener Beliebtheit. „Nicht zu vergessen Ella Fitzgerald. Selbst Edith Piaf hat eigentlich immer mit der tiefen Bruststimme gesungen, auch wenn die Stimmfarbe heller war.“ Welches Potential der Contralto hat, lerne man „im 20. Jahrhundert besser im Pop, beim Chanson und im Jazz“.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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