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(c) Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Merkwürdige Werkwahl. Im zweiten Lockdown kam als Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper im Premierenstream so etwas Esoterisches wie Hans Werner Henzes Yukio-Mishima-Paraphrase „Das verratene Meer“ über die Computerrampe. Den dichten, dynamiksatten Zweistünder dirigierte Simone Young mit zupackender Kraft. Sie hatte hörbar Spaß an Henzes giftig schillernden Klangflächen, der bedrückenden Hafenatmosphäre, der Anna Viebrock einen betonbrutalistischen Einheitslook gibt. Handelsarmeoffizier Ryuji beginnt mit Madame Fusako ein Verhältnis, will sie heiraten, lieber Kleider in ihrem Laden verkaufen, als weiter zur See fahren. Ihr pubertierender Sohn Noboru fühlt sich ebenfalls von ihm angezogen. Mit viril kantiger Baritonstimme, kantilenenklarem Sopran und etwas gellendem Tenor verstrickten sich Bo Skovhus, Vera-Lotte Boecker und Josh Lovell in ihr seltsames Liebesdreieck, das schließlich zum Trio infernale wird. Denn Noboro ist zudem Mitglied einer „Gang“ von hier vier weiteren, anonymisierten Jungs. Die aber finden, so funktioniert das surreal männerbündische Mishima-Universum, Ryuji verrate durch sein Abmustern das Meer. Die fünf bringen ihn um. Das geschah als eingefrorene Schlusspointe, man sah nicht mal mehr die Tötungswerkzeuge zuschlagen. Ansonsten inszenieren Jossi Wieler und Sergio Morabito fast realistisch in der vorgegebenen Epoche, ohne ihre oftmals nervenden Manierismen. Wir schalten um nach Hamburg und noch einmal nach Wien: Die Staatsoper Hamburg wollte wenigstens online mit einem 30-minütigen Teaser der fertiginszenierten „Fledermaus“-Weihnachtspremiere Lust auf später machen. Aber was es da zu sehen gab, das erwies sich als so rosarot spießig in den Prater verlegtes Plüsch-Tralala, dass man vor baldiger Live-Besichtigung nur abraten mag. Live via Webseite und ORF ging hingegen die Wiener Staatsoper operettentodesmutig ohne Lacher und Applaus auf Silvester-„Fledermaus“-Sendung. Dirigent Cornelius Meister (mit Lockdown-Bart) verbeugte sich knapp in die Kamera, dann lief ruckelfrei die 176. Vorstellung seit der Premiere 1979. Die simultan muffige wie nostalgisch wienerische Otto-Schenk-Produktion funktioniert noch. Peter Simonischek kalauerte den Frosch ins Leere, dafür erfreuten die Dreivierteltakt-Walküren Camilla Nylund (Rosalinde) und Okka von der Damerau (Orlovsky). Das Operettenvogerl schoss aber der grandios wandlungsfähige Georg Nigl als gebürtiger Wiener ab. Wenn der vom „Wimmerl auf der Nase“ sang, dann schien die Welt plötzlich covidseinsvergessen. Auch in München spielen sie gestreamte Operette, um wenigstens im Walzertakt ein wenig über die Zeiten schmunzeln zu können: Das Gärtnerplatztheater hat qua Auftrag kürzlich eine ulkigen Sixties-„Vetter aus Dingsda“ vom sich anstauenden Premierenstapel gelassen, mit Käseigel, Turmfrisuren und Kostümen im Barbarella-Look. An der Staatsoper aber hat man die schlanke, semikonzertante Stückzurichtung à la Barrie Kosky importiert. Und auch als grotesken Conférencier wie mittrötenden Protagonisten den seine eigenen Texte verfassenden Schauspieler Max Hopp dazuengagiert. So wurde für die pandemiekonformen „Montagsstücke“ Franz Lehárs adelig mondäne Bergsteiger-Saga „Schön ist die Welt“ von 1930 pfiffig adaptiert; Konfettilawinenabgang inklusive. Julia Kleiter und Sebastian Kohlhepp sangen als seriöse Solisten im Rustikalkostüm allerliebst. Tango-Pepp und Foxtrott-Laune steuerte in Twenties-Outfits wie mit Tiroler Latino-Note das Buffopaar Juliana Zara und Manuel Günther bei. Friedrich Haider sorgte vor kitschiger Watzmann-Kulisse am Staatsorchesterpult für luxurierendes Lehár-Rumbaflair.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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