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(c) Lucia Hunziker

Daniel Behle

Ungehört!

Mit seinem Pianisten Oliver Schnyder entdeckt der Tenor beim Blick in den satirischen „Krämerspiegel“ neue Facetten von Richard Strauss.

Richard Strauss und der Humor, das ist durchaus eine zweischneidige Angelegenheit. Sicher, in seinen Opern findet sich neben den großen griechischen Tragödien unter anderem auch „Die schweigsame Frau“ – seine wahrscheinlich beste Komödie, die trotz eines kongenialen Librettos von Stefan Zweig leider immer noch viel zu selten gespielt wird. Doch schon beim „Rosenkavalier“ oder der „Ariadne“ nimmt das zarte Lächeln oft eine eher artifizielle Form an. Dabei konnte es auch beim Garmischer Meister durchaus mal ganz schön deftig zugehen. Wie unter anderem sein selten aufgeführter „Krämerspiegel“ belegt. Jener Lied-Zyklus, den sich nun Tenor Daniel Behle mit seinem Klavierpartner Oliver Schnyder vorgenommen hat. Für das bestens aufeinander eingespielte Duo ist das neue Album „Un-erhört“ nicht das erste gemeinsame Strauss-Projekt, aber eines, das beiden schon lange besonders am Herzen lag. Die erste Begegnung mit dem „Krämerspiegel“ verdankt der Tenor dabei Brigitte Fassbaender, damals noch Intendantin beim Richard-Strauss-Festival in Garmisch. „Die Idee ist entstanden, weil wir nicht immer nur das machen wollten, was jeder kennt, sondern nach etwas besonderem gesucht haben.“ Und besonders ist der „Krämerspiegel“ in mehr als einer Hinsicht. War es vom Komponisten doch vor allem eine Trotzreaktion, mit der er vertragliche Verpflichtungen gegenüber den Verlegern Bote & Bock erfüllte, die sich die Rechte an seinem nächsten Lieder-Zyklus gesichert hatten und Strauss immer wieder bedrängten, diesen endlich fertigzustellen. Das Ergebnis war eine Reihe von bitterbösen Texten aus der Feder des Berliner Kritikers Alfred Kerr, in denen gleich mit dem gesamten Verlagswesen abgerechnet wird. „Von Händlern wird die Kunst bedroht […] Sie bringen der Musik den Tod.“ Erfahrungen, die der selbst auch als Komponist tätige Daniel Behle so bislang zum Glück nicht gemacht hat und jegliche böse Absicht hinter der CD mit einem Lachen von sich weist. In scharfem Kontrast zu Kerrs ernüchterndem Fazit steht nämlich allein schon die musikalische Ausgestaltung, die Behle besonders hervorhebt. Der Zyklus ist in seinen Augen alles andere als eine schnell aus den Fingern gesogene Gelegenheitsarbeit. „Für Strauss ist Oliver Schnyder immer der Pianist meiner Wahl. Und gerade was das Begleitrepertoire angeht, ist der ‚Krämerspiegel‘ so ziemlich das Schwerste, was man sich aussuchen kann. Das verlangt eigentlich einen gestandenen Konzertpianisten. Nachdem wir das für Garmisch einstudiert hatten, waren wir uns beide einig, dass dieser ganze Aufwand nicht nur für ein Konzert gewesen sein kann. Trotzdem hat es eine ganze Weile gedauert, bis wir endlich beide wieder eine passende Lücke im Terminkalender hatten, um gemeinsam ins Studio zu gehen.“ Ein Warten, das sich jedoch gelohnt hat. Denn viel Herzblut steckt hier nicht nur in der Interpretation der beiden Musiker, sondern ebenfalls im Booklet des liebevoll durchgestalteten Albums. Es hält neben Kerrs gesalzenen Texten auch viel Lesenswertes über den „Krämerspiegel“ und die übrigen Strauss-Raritäten parat, die Behle für das Album zusammengestellt hat. „Der Titel ‚Un-erhört‘ bezieht sich natürlich in erster Linie auf den ‚Krämerspiegel‘, der sehr frech und in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich ist. Aber ich habe mir schon auch überlegt, ob wir dazu nicht noch andere Dinge finden, die zu diesem mehrdeutigen Motto passen könnten. Deshalb gönnen wir uns da auch einen kleinen Spaß. Ich finde es immer schön, wenn Dinge nicht so aalglatt sind.“ Unerhört und bislang ungehört ist da vor allem die CD-Premiere der Hesse-Vertonung „Der Schmetterling“. Eine Komposition, die ganz im Klangkosmos der „Vier letzten Lieder“ schwelgt, bei denen Richard Strauss ja ebenfalls auf drei Gedichte Hesses zurückgegriffen hatte. Im Kontext des Albums bereitet der 2017 aus der Taufe gehobene „Schmetterling“ nun gemeinsam mit der Vertonung von Rückerts „Morgenrot“ wunderbar auf die „Gesänge des Orients“ vor. Lieder inspiriert vom persischen Dichter Hafis, dessen poetische Bilder Strauss in lange, sich hoch aufschwingende Phrasen kleidet. „Da muss man als Tenor schon ziemlich arbeiten.“ Trotz der enormen Anforderungen erinnert sich Daniel Behle gerne an die Aufnahmesitzungen in Zürich. „Das war eine tolle Zeit. Wir haben das komplette Album in nur zwei Tagen eingespielt. Da waren wir beide fit und ausgeruht und in einem richtigen Schaffensrausch. Ich denke nicht, dass wir schon mal eine CD produziert haben, bei der wir so schnell fertig waren. Aber manchmal passt es eben einfach.“

Neu erschienen:

Strauss

„Un-erhört“; Krämerspiegel op. 66 und weitere Lieder

mit Behle, Schnyder

Prospero/Note 1


Hesslicher Kommentar

1Wie jeder große Liedkomponist, hatte auch Richard Strauss immer ein gutes Händchen für die richtigen Textvorlagen. Goethe, Heine, Eichendorf aber auch Hermann Hesse, den der Komponist bei einem Aufenthalt in der Schweiz kennengelernt hatte. Straussʼ Begeisterung für dessen Lyrik stieß allerdings auf wenig Gegenliebe. Nicht zuletzt wegen Straussʼ Rolle in der NS-Zeit, die Hesse kritisch kommentierte. So fand er selbst für die Vertonungen seiner drei Gedichte im Rahmen der „Vier letzten Lieder“ nur wenig positive Worte und ließ verlautbaren, sie wären „wie alle Strauss-Musik. Virtuos, raffiniert, voll handwerklicher Schönheit, aber ohne Zentrum, nur Selbstzweck.“


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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