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(c) Giorgia Bertazzi

Blind gehört

Antje Weithaas: „David Garrett? Da kann man nix sagen“

Antje Weithaas, geboren 1966 im brandenburgischen Guben, ist eine der wichtigsten deutschen Geigerinnen und Geigenlehrerinnen. 1987 gewann sie den Kreisler-Wettbewerb in Graz, im Jahr darauf den Bach-Wettbewerb Leipzig und 1991 den Joseph-Joachim-Wettbewerb in Hannover, den sie seit 2019 leitet. Nach einigen Jahren als Professorin an der Berliner UdK wechselte sie 2004 zur Hanns Eisler-Musikhochschule. Zahlreiche CDs erschienen bei cpo, Harmonia Mundi France und – seit vielen Jahren – bei CAvi. Sie lebt in Potsdam. Im Blindtest erkennt sie sich – wie so viele Musiker – selber nicht. Hat aber über Kollegen und Kolleginnen, alte und neue, umso hellwache Lektionen parat.

Das ist Kreisler, ich habe das Stück schon gespielt. Unglaubliche Portamenti höre ich da. Es schluchzt beinahe. Ist mir vielleicht doch ein bisschen zu viel. Gewiss gehört da viel Schmäh, Charme und Flair einer untergegangenen Zeit hinein. Was ich hier erlebe, hat immerhin unerhört viel Fantasie. Es ist radikal in seiner Art. Die Terzen sind nicht ganz rein für mein Gehör, aber es ist trotzdem sehr gut gespielt. Es ist nicht Ivry Gitlis. – Doch?! Na sowas … Wir Geiger sind total fasziniert von ihm. Zum Zeitpunkt der Aufnahme, wenn die von 1985 ist, war er bereits über 60. Da wird es für viele Geiger technisch eng. Davon hört man hier wenig. Ebenso bei Ida Haendel oder Nathan Milstein, die bis ins hohe Alter fantastisch waren. Das geht etwa dann, wenn man nicht mit zu großem Ton spielt, so wie dies in der russischen Schule zuweilen gemacht wird. Sondern ganz natürlich bleibt. Ich meine mit russischer Schule allerdings nicht Oistrach. Oistrach selber war das Gesündeste, was man sich vorstellen kann.

Kreisler

Caprice Viennois

(Gitlis, Neriki; 1985)

Decca/Universal

Das ist mit recht viel Hall aufgenommen, was ich schade finde. Es ist ein Bach, der eigentlich sehr konservativ bleibt. Damit will ich sagen, dass mir ein bisschen Rhetorik fehlt. Sehr edel gespielt und sehr ehrlich. Authentisch. Aber ich möchte das doch anders hören. Harnoncourt hat behauptet, es habe in der Spielpraxis des Barockzeitalters keine vier gleichen Sechzehntel gegeben. Es war alles unegal hinsichtlich der Agogik. Das erschließt sich hier nicht, ebenso wenig der Charakter als Tanzsatz. Ist das vielleicht jemand wie Hilary Hahn? Eine alte Aufnahme ist es nicht. Oder Julia Fischer? In dieser Richtung müsste es doch wohl sein. – Was, Isabelle Faust?! Ich bin schockiert. Die Basslinie ist doch halbtaktig. Auch über die Tempowahl könnte man diskutieren. Nobel ist es. Aber mir fehlt Lebendigkeit. Mir bleibt der Mund offen stehen, so frappiert bin ich! Man müsste das sicherlich noch einmal im Kontext hören. Trotzdem glaube ich, dass Isabelle das heute ganz anders spielt.

Bach

Partita II BWV 1004

(Faust; 2009)

harmonia mundi France

Definitiv eine alte Aufnahme. Ich muss sagen: Da geht mir schon beim ersten Ton das Herz auf. Ich schmelze dahin. Ich weiß nicht so genau, ist’s die Aufnahmetechnik oder hat er das Vibrato wirklich so gespielt? Was mich sofort gefangen nimmt, ist die Bescheidenheit und Innigkeit, die aus dem Spiel spricht. Es könnte fast Fritz Kreisler sein, aber der hat Prokofjew, glaube ich, nicht gespielt. Dann ist es vielleicht Joseph Szigeti. Sogar Eugène Ysaÿe war von ihm begeistert. Man könnte vielleicht kritteln, dass Szigeti ein bisschen anders intoniert, als man das heute tun würde. Für mich ist es sauber. Ganz toll.

Prokofjew

Violinkonzert Nr. 1 D-Dur

(Szigeti, LPO, Beecham; 1935)

Naxos

Sehr schön gespielt. Es hält sich ein bisschen so auf der distanzierten Seite. Sehr entschlackt. Aber sauber. Geigerisch fraglos auf sehr hohem Niveau. Man merkt beim Orchester die gewachsene russische Tradition. Ich höre beim zweiten Thema ein bisschen Manierismus. Da wäre weniger mehr. Aber der Geiger oder die Geigerin hat einen sehr schönen Ton. Ich muss sagen, ich liebe dieses Stück immer noch. Es könnte hier mehr innere Melancholie, sogar Verzweiflung vertragen. Das könnte Maxim Verngerov sein, wenn auch nicht vom Ton her. Janine Jansen? Ich erkenne sie nicht. – David Garrett?! Da hört man doch, was für tolle Ansätze vorhanden waren. Kann man nix sagen. Hörbar eine große Begabung. Dass die Sachen, die er heute so spielt, der Schönheit des Tons nicht gerade nützen, liegt offenbar nicht an ihm, sondern an den Stücken selbst.

Tschaikowski

Violinkonzert D-Dur

(Garrett, Russian National Orchestra, Pletnev; 1997)

DG/Universal

Na, hallo!! Das ist einer, der in der Welt der Showpieces zuhause ist. Ich find’s durchaus spannend. Das Stück gehört eigentlich viel langsamer. Dass es geigerisch blendend gut ausgeführt ist, darüber brauchen wir uns gar nicht zu unterhalten. Das Virtuosentum ist vielleicht etwas zu sehr in den Vordergrund gerückt. Paganinis Capricen sind ja eigentlich kleine italienische Opern-Paraphrasen. Davon merke ich hier wenig. Das hier müsste eigentlich dolce sein. Ganz sauber war es auch nicht. Wenn man so viel Wert auf Sportlichkeit legt, bleibt leider auch etwas auf der Strecke. Ich muss zugeben, dass ich mir diese Werke freiwillig auf CD nicht anhöre. Da nehme ich lieber Kammermusik oder Oper. – Michael Rabin? Da bin ich jetzt sogar ein bisschen enttäuscht. Früher, als ich es mal gehört habe, da war ich von ihm absolut hin und weg.

Paganini

24 Caprices op. 1

(Rabin; 1958)

Warner

Die Geige hat eine 415er Stimmung, ist also fast einen Halbton tiefer als heute üblich. Es ist die originale Stimmung, wir spielen ja normalerweise alle zu hoch. Ich habe, nebenbei gesagt, nur ein antrainiertes absolutes Gehör. Also keines. Mir gefällt das hier sehr gut. Es hat fast etwas Meditatives. Hier handelt es sich um ein Adagio, es ist aber als Präludium gemeint. Ich höre eine ganz erstaunliche Abgründigkeit, sogar Trauer. Sehr sensibel gespielt. Natürlich auf Darmsaiten. Ich würd’s ganz anders machen, nicht so wahnsinnig existenziell. Ich denke, es könnte sich um Andrew Manze handeln oder um Rachel Podger, beides nicht meine Baustelle. Oder Midori Seiler. Treffer? – Kompliment für die Aufnahme! Das ist sehr schlüssig. Und am Ende geht’s dann vom Abgrund hoch zur Erlösung. Genauso ist es ja auch gemeint.

Bach

Sonata I BWV 1001

(Seiler; 2015)

Berlin Classics

Das ist Spohr. Wiederum sehr schön gespielt. Charmant, leicht und unprätentiös. Trotzdem hört man das Opernhafte mit heraus, bei ausgesprochen wohltönendem, nein: fantastisch schönem Ton. Es klingt sogar sympathisch. Denn es fehlt alles Aufgesetzte. Ich höre ehrliche Empfindung und ein gerüttelt’ Maß an Vertrauen in das Stück. Das ist keine kleine Leistung. Ein schöner Ton, so wie hier, liegt übrigens nicht an technischen Fähigkeiten. Sondern daran, dass man ihn eben will – und dass der Geschmack, den man hat, dafür sozusagen ausreicht. Ich persönlich würde wohl mehr Wert auf die Freiheit des Tones legen, auf mehr Wandlungsfähigkeit. Schönheit kann ja auch schnell langweilig werden. Das hier ist total nobel, und besitzt trotzdem inneres Feuer und Klarheit und harmonischen Sinn. Das muss ein richtig toller Geiger sein. – Hilary Hahn? Na bitte. Kompliment.

Spohr

Violinkonzert Nr. 8 a-Moll

(Hahn; Swedish Radio Symphony Orchestra, Oue; 2006)

Deutsche Grammophon/Universal

Dieses Tschaikowski-Quartett, finde ich, ist ein unglaubliches Stück. Mir geht’s ans Gemüt. Das liegt an der Dunkelheit. Und an der Schönheit. Wenn das gut gespielt ist, so wie hier, ist das die tollste Musik, die ich mir überhaupt denken kann. Wenn nicht, wird’s allerdings schablonenhaft. Ist das vielleicht das Tetzlaff-Quartett. Aber Christian ist das ja doch nicht. Auch Thomas Zehetmair würde anders klingen. Aber dann bleibt nur Tetzlaff! Hat nicht der Christian einen noch expressiveren Ton? Unsere Aufnahme ist das jedenfalls nicht. – Was, ist es doch?! Na, dann ist das eben doch Christian. Dass ich dabei bin, höre ich sowieso nicht. Die 2. Geige unterstützt ja mehr. Ich weiß nur, dass das damals wahnsinnigen Spaß gemacht hat, und zwar uns allen. Man hört, wie wir das geliebt haben. Was für ein großartiges Stück! Ich habe mich auch schon im Radio mehrfach nicht erkannt, kenne den Effekt also. Wir haben auch weniger auf uns geachtet als auf den Gesamtklang – und so ist es auch richtig. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so gut sind.

Tschaikowski

Streichquartett es-Moll Nr. 3 op. 30

(Tetzlaff, Weithaas, Masurenko, Rivinius; 2010)

CAvi/hm

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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