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N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



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(c) Keith Saunders Photography

Christophe Rousset

Triumph der Miezekatze

Christophe Rousset gelingt mit „Armida“ eines der wichtigsten Argumente für den gern untergebutterten Antonio Salieri.

Primadonnen lieben Hunde. „Aber nur kleine!“, präzisiert Christophe Rousset, „die ins Handgepäck passen“. Er selbst hat keinen Hund. Ist vielmehr Katzenliebhaber. Weil er mit Primadonnen zu viel auf Reisen geht, hat er seine British Shorthair indes abgeschafft. „Hätte ich den Lockdown kommen sehen, hätte ich mir eine ‚Covid-Katze‘ angeschafft“, scherzt er. Seine Produktivität ist dennoch unerhört. Schon die vierte Oper von Antonio Salieri hat er soeben aufgenommen. Über die durchaus katzenhafte Zauberin Armida. Salieris Musik hält Christoph Rousset für „visionär“. Man fühle sich „auf direktem Weg zu Beethoven, obwohl der gerade erst geboren war“, so Rousset. Dumm nur, dass sich für Antonio Salieri, den angeblichen Erzkonkurrenten Mozarts, kein Aas interessiert – und das trotz (oder wegen) der verleumderischen Hollywood-These, Salieri habe den Tod Mozarts auf dem Gewissen. Hatte nicht sogar Rousset selber schon früher diese „Armida“ aufgenommen?! – Nee, Irrtum. Dabei handelte es sich um „Armide“ von Lully. Einer anderen, wunderbaren Karteileiche der Operngeschichte.

Wer hat’s erfunden?

Nichts gegen die unrechtmäßig Vergessenen! Im Entstehungsjahr 1771 gehörte „Armida“ „zur Tradition der Reformoper, steht also in der Nachfolge von Traetta und Gluck“, so Rousset. „Das bedeutet: Mehr Chöre, mehr Tänze und Ensembles.“ Bunter und weniger ausgenüchtert als bei Gluck! „Außerdem“, so ergänzt Rousset, „kurze Arien und kein so mechanisches Dazwischentreten von Secco-Rezitativen. Es fließt mehr.“ Na also. Und was hat Salieri nun bitteschön mit Mozart zu tun? „Ihn kümmerte Mozart wenig“, so Rousset über den 1750 in Legnano (bei Verona) geborenen Klassiker. „Salieris Position zur damaligen Zeit war weit stärker als die Mozarts.“ Auch war er, so Rousset, ein im Grunde größerer Erfinder als Mozart es war. „Nicht immer sind die größten Erneuerer auch die größten Komponisten. Mozart ebenso wie Bach haben, rundheraus, gar nichts erfunden.“ Interessanter Fall. Bilden wir uns nicht gerade ein, die großen Leute seien deswegen groß, weil sie neuartig waren?! „Es ist eines der großen Paradoxa der Musikgeschichte, mit denen man leben muss.“ Bach, Händel oder Mozart hätten „das, was sie vorfanden, zu ungeahnter Vollendung gebracht“. Die Kleinmeister erfanden mehr. Mit dieser „Armida“ setzt Rousset eine Siegesstrecke von Barock-Opernaufnahmen mit französischem Hintergrund fort. Salieri nämlich folgte der französischen Tragédie lyrique. Kompliment! – nicht einmal Harnoncourt, Gardiner oder Christie haben so viel ausgegraben und maßstäblich eingespielt wie er. Trumpf der Neuaufnahme sind junge Stimmen wie die Sopranistin Florie Valiquette in der männlichen Hauptrolle des Rinaldo und Bass-Bariton Ashley Riches als (zur Hauptrolle aufgewerteter) Ubaldo. Rousset hat für die Bevorzugung sängerischer Anfänger ästhetische, aber auch ökonomische Gründe: „Jüngere Sänger, ganz klar, sind billiger.“ Er könne, wie er zugeben muss, „die Stars nicht bezahlen. Hinzu kommt, dass junge Sänger viel mehr Frische mitbringen. Sie sind offener für Anregungen, und es ist immer toll, jemanden völlig neu zu entdecken. Eine Win-Win-Situation.“ Er hat Recht. Und präsentiert diesmal mit der großartigen Teresa Iervolino, die auch Verdi und Donizetti singt, tatsächlich eine tolle Neuentdeckung, die für Mezzo-Furore sorgt (als Ismene). „Ihre Karriere geht gerade erst los, aber sie singt schon in Pesaro, Paris und Rom. So schnell geht das. Ich muss mich ranhalten.“ Waren Kostengründe etwa auch dafür verantwortlich, dass er – nach dem Erfolg eines gemeinsamen „Mitridate“ – nie wieder mit der (damals blutjungen) Cecilia Bartoli zusammengearbeitet hat? „Bei Cecilia Bartoli liegt der Fall noch etwas anders“, so Rousset. „Sie sucht sich aus, mit wem sie zusammenarbeiten möchte. Nicht umgekehrt. Wenn Sie mich fragen würden, ob ich noch einmal mit ihr zusammenarbeiten möchte: mit Kusshand.“ Das Ergebnis dieser „Armida“ klingt in den Rezitativen fast schon wie Mozart zur Zeit seines „Idomeneo“. Ist nur flotter und tanzbarer ausgelegt. Mit der Ausgrabung der 1771 am Burgtheater herausgekommenen Liebesgeschichte gelingt Rousset eines der wichtigsten Voten für einen leider Untergebutterten der Musikgeschichte. Und Lenneke Ruiten in der Titelrolle? – Schnurrt wie ein Miezekätzchen.

Neu erschienen:

Salieri

Armida

mit Ruiten, Valiquette, Iervolino, Riches, Choeur de Chambre de Namur, Les Talens Lyriques, Rousset

Aparté/hm

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Ein Klassiker

Das Lebenswerk des Christophe Rousset (59): Cembalo- und Opernaufnahmen. Epochal seine Rameau-Gesamtaufnahmen von „Zaïs“, „Pygmalion“ und „Zoroastre“ sowie eine Fülle von Lully-Opern: „Bellérophon“, „Persée“, „Alceste“, „Phaëton“, „Amadis“ (mit Cyril Auvity) und andere. (das meiste davon bei Aparté/hm). Von Antonio Salieri nahm er dessen drei für Frankreich komponierte Opern auf: („Les Danaïdes“, „Les Horaces“ und „Tarare“ sowie früher „La grotta di Trofonia“). Sein absolut Bestes: „Antigona“ von Tommaso Traetta (mit Maria Bayo) sowie drei „Tragédiennes“-Recitals mit Sopranistin Véronique Gens (Erato/Warner). Romantisch kann er auch: Gounods „Faust“ mit Benjamin Bernheim (Bru Zane).

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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