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Hielt eine ganze Musikwelt in ihren Händen: Label-Inhaberin und Produzentin Eva Coutaz † © Josep Molina/harmonia mundi

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Muse und Chefin

Es war 1997, als sich ein weiteres, spektakuläres Kapitel im Katalog des französischen Labels harmonia mundi anbahnte. Und wieder war es die Produzentin Eva Coutaz, die diesmal eines der tollsten Mozart-Projekte auf die Spur setzen sollte. Fast zwanzig Jahre nach seinem Abschied vom Countertenor-Leben präsentierte René Jacobs 1997 bei den Schwetzinger Festspielen mit dem Alte Musik-Ensemble Concerto Köln Mozarts „Così fan tutte“. Im Publikum saß Jacobs´ langjährige künstlerische Freundin. Und für Coutaz stand sofort fest, dass man diese Produktion nicht nur aufnehmen, sondern daraus einen Zyklus mit Mozarts DaPonte-Opern machen sollte. Der künstlerische Erfolg der Reihe war riesig. Auch der finanzielle. So ging „Figaros Hochzeit“ in Jacobs‘ Lesart über 50.000 Mal über die Ladentheke. Und wie es zur Firmenphilosophie von harmonia mundi stets gehört hat, wurde der Gewinn sofort auch in nicht so öffentlichkeitswirksame Alben gesteckt.
Zusammen mit ihrem Gatten Bernard Coutaz, der 2010 verstarb, baute Eva Coutaz von Südfrankreich aus einen CD-Katalog auf, der Musik- und Interpretationsgeschichte geschrieben hat. Denn unter den immerhin rund 800 Aufnahmen, die Coutaz mitproduziert hat, finden sich allein im Barocksegment bahnbrechende Einspielungen von nicht weniger wegweisenden Vertretern der historischen Aufführungspraxis. Der amerikanische Wahl-Franzose William Christie läutete etwa mit Lullys Oper „Atys“ ein neues Zeitalter in der Rezeption des barocken Opernerbes der Grande Nation ein. René Jacobs begeisterte mit Monteverdi und Cavalli. Und heute sind es u. a. die französischen Alte Musik-Ensembles Pygmalion sowie Les Correspondances, die für aufregend neuen Schwung in der Alten Musik sorgen.
Überhaupt ist die Liste der Musiker, die bei harmonia mundi ihre Karriere starteten oder dort ihre Heimat fanden, beeindruckend. Andreas Scholl, Matthias Goerne, Bernarda Fink, Philippe Herreweghe, Pablo Heras-Casado, Alexandre Tharaud, Isabelle Faust, Andreas Staier – sie alle haben den Ruf von harmonia mundi als einem der künstlerisch wertvollsten Labels weltweit maßgeblich geprägt.
Das künstlerische Epizentrum in diesen Jahrzehnten war stets das Ehepaar Coutaz, das immer wieder neue vielversprechende Talente entdeckte und CD-Programme wagte, die – wie beispielsweise die Neutöner Vinko Globokar und Jean Barraqué – alles andere als Selbstläufer waren. Die gebürtige Rheinländerin Eva Coutaz konnte dabei aber nicht etwa auf ein Musikstudium aufbauen. Vielmehr war sie in den 1960er Jahren nach Südfrankreich gegangen, um als Buchhändlerin zu arbeiten. Dann übernahm sie zunächst die Pressearbeit des noch jungen Labels harmonia mundi – und lernte in dessen Gründer Bernard ihren Mann kennen, der 1958 den Startschuss für das Unternehmen gegeben hatte. Mit ihm zog sie 1986 in die Nähe von Arles, in ein Bauernhaus, um von hier aus gemeinsam die teils legendär gewordenen Einspielungen zu entwerfen, umzusetzen und zu vertreiben. Viele davon wurden mit zahlreichen Kritikerpreisen geadelt. Doch auch an diesem letzten Inhaber-Produzenten-Gespann und seinem Label ist die Krise des CD-Marktes nicht vorüber gegangen. Der Schließung der firmeneigenen CD-Geschäfte (ein französisches Unikum) folgte fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes der Verkauf an die belgische PIAS-Gruppe. Den Staffelstab der Produzentenverantwortung hat die scheidende Label-Chefin dabei klug an ihren langjährigen Vertrauten Christian Girardin weitergereicht. Am Dienstag nun ist Eva Coutaz nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben.

Guido Fischer



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