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Klangdenker und -dichter: Alfred Brendel wird 90 © Decca/Benjamin Dealovega

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Beethovens Grunzen

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Diese Weisheit Karl Valentins hing lange Zeit schön eingerahmt in seinem Musizierzimmer. Schließlich hatte Alfred Brendel nach diesem Motto sechzig Jahre lang konzertiert und unzählige Tonträger eingespielt. Bis zum Dezember 2008, als er auf seiner „Farewell“-Tournee im Wiener Musikverein endgültig den Schlusspunkt auf seine Karriere setzte. Statt sich aber nach den Publikumshuldigungen zu sentimentalen Gesten hinreißen zu lassen, sagte Brendel erst „klar und tränenlos“ Adieu. Um danach in die Rolle des wortgewandten Humoristen zu schlüpfen, der in einem Gedicht noch mal den Zeitpunkt seines Abschieds begründete. Denn als ein „119-jähriger Großverweser sämtlicher Sonaten, Balladen und Bagatellen“ wollte der 77-Jährige nun doch nicht seinen Ruf als Jahrhundertpianist aufs Spiel setzen. Seit 2008 hat Brendel den Klavierdeckel also offiziell zugeklappt. Bis dahin jedoch brachte er mit seinem Spiel das Innerste der Musik mit „geistiger Zucht und feinstem Klangsinn“ (Jacques Bonnaure) zum Leuchten. Bei Mozart und Beethoven, bei Haydn, Schubert, Brahms und Liszt. Und alles so ganz ohne Anflüge von Extravaganzen oder Ausflüge ins rein brillante Fach. Schließlich, so Brendel einmal über den Berufsstand „Pianist“: „Vergiß nie, dass du ohne den Komponisten nicht vorhanden wärst. Lebe mit der Uhr, plane dein Repertoire, wolle nicht zu viel, nur so bist du relativ frei.“
Zu finden ist dieser Ratschlag in dem Gesprächsband „Ausgerechnet ich“, der 2001 zum 70. Geburtstag von Brendel erschienen ist. Und nach dieser Devise ist er bekanntlich mehr als gut gefahren. Obwohl der 1931 im nordmährischen Wiesenberg geborene und seit 1971 in London lebende Brendel es nie zu glamourösen Wettbewerbssiegen geschafft hat, machte er bereits in den 1950er Jahren mit den ersten Schallplatten auf sich aufmerksam. Und für seine erste von insgesamt drei Gesamteinspielungen der Beethoven-Sonaten wurde er gleich mit dem „Grand Prix du Disque“ ausgezeichnet. Doch Brendel erwies sich nicht nur mit seinem diskographischen Output, mit seiner ständigen Beschäftigung mit den Klassikern als auch mit Busoni, Strauss und Schönberg als enorm fleißiger wie mitteilungsfreudiger Musiker. Sein Faible fürs Klangdenkerische spiegelt sich gleichermaßen in seinen vielen Schriften wider, die von der nüchternden Studie bis hin zum augenzwinkernden Gedicht reichen. Und in der von ihm gegründeten „Schule des Hörens“, die er nach seiner pianistischen Laufbahn gründete, war er weniger als oberschlauer Oberstudienrat als vielmehr als tiefenentspannter Musikphilosoph in den Konzerthäusern dieser Welt zu erleben. Mit seinem wohl in der englischen Wahlheimat endgültig ausgebildeten Sinn für den Humor untersuchte er dann auch solche Meister- und Monsterwerke wie Beethovens „Diabelli-Variationen“. So sah Brendel diesen Reigen als satirische Abrechnung mit dem harmlosen Diabelli-Walzer – wobei Beethovens Komik im „erbosten Grunzen im Bass“ durchbricht.
Mit solchen erhellenden Weisheiten ist übrigens auch der gerade frisch erschienene Gesprächsband „Die Kunst des Interpretierens“ überrandvoll gespickt, für den sich Brendel mit dem Dirigenten und Musikwissenschaftlers Peter Gülke getroffen hat, um über Beethoven und Schubert zu plaudern und nachzudenken. Und allein damit ist man schon jetzt bestens präpariert für das Jubiläum 2021. Am 5. Januar feiert Alfred Brendel nämlich seinen 90. Geburtstag.

Guido Fischer



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