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N° 1255
28.05. - 03.06.2022

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am 04.06.2022



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(c) Wilfried Hösl

Da Capo

Pragmatisch abgewickelt

München, Bayerische Staatsoper: Braunfelsʼ „Die Vögel“

Der zweite Lockdown hat in München mit Walter Braunfels’ „Die Vögel“ eine Oper getroffen, die an der Bayerischen Staatsoper zum ersten Mal seit der dortigen Uraufführung vor fast genau 100 Jahren über die Bühne ging. Der konservative, eben zum Katholizismus übergetretene Halbjude Braunfels, der 1920 in dieser Aristophanes-Paraphrase die Spannung zwischen Künstler und bourgeoiser Gesellschaft auslotete, letztlich aber Gottvater Zeus siegen und das Wolkenkuckucksheim der von den beiden Menschen Hoffegut und Ratefreund zur Rebellion angestachelten Piepmätze vom Gewitterwind zerblasen lässt, hatte in Bayern keine Lobby. Leider werden nun „Die Vögel“ szenisch pragmatisch abgewickelt; dabei ist der Chor pandemiegemäß in Plastikfolie verpackt. Adriana Braga Peretzky hat alle mit ihrem bewährt glitterbunttrashigen Carnaval-do-Brasil-Look staffiert, die liebreizend Koloraturen zwitschernde Nachtigall von Caroline Wettergreen fungiert federnradschlagend als Samba-Revuekönigin. Der parlandodeutliche Michael Nagy (Ratefreund) und der tenorzärtliche Charles Workman (Hoffegut) verdüstern den Exotismus mit Hakenkreuzbinden. Der verzweifelte, einst Mensch gewesene Wiedhopf (superpräsent: Günter Papendell) darf sich dafür als pailettengrünschimmerender Griechen-Marilyn-Mason popstarmäßig besaufen. Der brummelige Prometheus von Wolfram Koch sieht aus wie Karl Marx, der alte General Adler (Balint Szabó) wurde mutwillig blackgefaced. Man bedient sich am Cola-Automat, Voodoo-Zauber knochenklappert. Aleksandar Denić hat auf seine Drehbühne neben Wetterhäuschen, Parabolradar und Abhörsendemast Alfred Hitchcock mit Möwe und Rabe als übergroßen Pappwerbekamerad gestellt. Hilft alles nichts, Frank Castorf hatte keinen Regiebock. Buhrufe trauen sich aber die verlorenen fünfzig Zuschauer bei der einzige Live-Aufführung im Zuschauerraum nicht. Dafür wird wenigstens Ingo Metzmacher gefeiert, der mit dem verkleinerten Staatsorchester ein traumschön schillerndes, sanft lullendes, schließlich thermisch dreinhauendes Braunfels-Klangpanorama entfesselt.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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