home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Wilfried Hösl

Da Capo

Pragmatisch abgewickelt

München, Bayerische Staatsoper: Braunfelsʼ „Die Vögel“

Der zweite Lockdown hat in München mit Walter Braunfels’ „Die Vögel“ eine Oper getroffen, die an der Bayerischen Staatsoper zum ersten Mal seit der dortigen Uraufführung vor fast genau 100 Jahren über die Bühne ging. Der konservative, eben zum Katholizismus übergetretene Halbjude Braunfels, der 1920 in dieser Aristophanes-Paraphrase die Spannung zwischen Künstler und bourgeoiser Gesellschaft auslotete, letztlich aber Gottvater Zeus siegen und das Wolkenkuckucksheim der von den beiden Menschen Hoffegut und Ratefreund zur Rebellion angestachelten Piepmätze vom Gewitterwind zerblasen lässt, hatte in Bayern keine Lobby. Leider werden nun „Die Vögel“ szenisch pragmatisch abgewickelt; dabei ist der Chor pandemiegemäß in Plastikfolie verpackt. Adriana Braga Peretzky hat alle mit ihrem bewährt glitterbunttrashigen Carnaval-do-Brasil-Look staffiert, die liebreizend Koloraturen zwitschernde Nachtigall von Caroline Wettergreen fungiert federnradschlagend als Samba-Revuekönigin. Der parlandodeutliche Michael Nagy (Ratefreund) und der tenorzärtliche Charles Workman (Hoffegut) verdüstern den Exotismus mit Hakenkreuzbinden. Der verzweifelte, einst Mensch gewesene Wiedhopf (superpräsent: Günter Papendell) darf sich dafür als pailettengrünschimmerender Griechen-Marilyn-Mason popstarmäßig besaufen. Der brummelige Prometheus von Wolfram Koch sieht aus wie Karl Marx, der alte General Adler (Balint Szabó) wurde mutwillig blackgefaced. Man bedient sich am Cola-Automat, Voodoo-Zauber knochenklappert. Aleksandar Denić hat auf seine Drehbühne neben Wetterhäuschen, Parabolradar und Abhörsendemast Alfred Hitchcock mit Möwe und Rabe als übergroßen Pappwerbekamerad gestellt. Hilft alles nichts, Frank Castorf hatte keinen Regiebock. Buhrufe trauen sich aber die verlorenen fünfzig Zuschauer bei der einzige Live-Aufführung im Zuschauerraum nicht. Dafür wird wenigstens Ingo Metzmacher gefeiert, der mit dem verkleinerten Staatsorchester ein traumschön schillerndes, sanft lullendes, schließlich thermisch dreinhauendes Braunfels-Klangpanorama entfesselt.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2020



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Zugabe

Verdi-Primadonna Sondra Radvanovsky, einer der Stars der Metropolitan Opera in New York (in Europa […]
zum Artikel

Hausbesuch

Heinrich Schütz Musikfest

Erinnerungs-Kultur

Die dem Dresdner Kapellmeister gewidmeten Festspiele verbinden gleich drei mitteldeutsche […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top