home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Monika Rittershaus

Da Capo

Schluss mit lustig

Berlin, Komische Oper: Offenbachs „Die Großherzogin von Gerolstein“

Diese Operette sei die wahre „Antwort“ auf Covid-19. So Barrie Kosky kürzlich. Nun, Jacques Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“, einer der kapitalsten Erfolge des Komponisten, war jedenfalls ewig nicht in Berlin zu sehen. Was uns die Militarismus-Farce in Zeiten abgeschaffter (oder ausgesetzter) Wehrpflicht zu sagen hat, ist die Frage. Kosky weiß es auch nicht. Die Herrscherin eines Mini-Imperiums – hier gespielt von einem Mann – lässt militärische Puppen tanzen, um die eigene Langeweile zu vertreiben. Es geht um Krieg aus Unterhaltungssucht. Während Kosky mit „La Belle Hélène“ und „Orpheus in der Unterwelt“ gute Offenbach-Erfolge verbuchte (in Berlin und Salzburg), will er indes hier, bei der letzten Premiere vor dem Lockdown, „2,5 Stunden komplette Blödheit“ verzapfen. Das ist ein schöner Vorsatz – für Slapstick-Freunde wie mich. Nur leider: Abendfüllend ist es nicht. Gespielt wird auf leerer Brecht-Bühne. Einzig bewohnbare Kürbisse, die Klaus Bruns geschneidert hat (und die von Haus aus Sicherheitsabstand garantieren), sind sehr schön und witzig. Das langjährige Ensemblemitglied Tom Erik Lie ist schon früher an der Komischen Oper in drag aufgetreten. An ihm liegt der Misserfolg nicht, obwohl er reichlich auf Sicherheit spielt und sich bemüht, die Herrscherin mit Kieksern und Spreizern zu finden – und zu halten. Seitenweise fällt er ins Norwegische, seine Muttersprache, zurück. So als ob es am Ende, da man ohnehin kaum ein Wort versteht, darauf auch nicht mehr ankommt. Aus dem Graben pusten 18 Musiker Exerzierrhythmen herauf, wo getanzt werden sollte. Der Abend lehrt, dass ein lustiges Casting, originelle Reifröcke und ein noch so gutes Handwerk nichts nützen, wenn inhaltlich tote Hose herrscht. Es handelt sich um die schlechteste Inszenierung in Koskys gesamter, epochaler Operetten-Strecke. Schon bedenklich. Auch robusteste Talente können offenbar der gegenwärtigen Krise nichts Komisches abgewinnen. Es ist, als schlüge das Virus bis auf die Inhalte durch.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2020



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Cecilia Bartoli

Liebesgrüße aus Sankt Petersburg

Auf ihrer jüngsten musikalischen Entdeckungsreise wandelt die Mezzosopranistin auf den Spuren […]
zum Artikel

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Daniel Barenboim, Meister aller Klassen und jetzt 75 Jahre alt, hat inzwischen Schwierigkeiten, […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top