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(c) Nikolai Schmitt/Lausitz Festival

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Lausitz macht’s möglich: Elīna Garanča war bei einem neuen Musikfestival in der Dorfkirche zu erleben. Liederabende sind selten im Kalender der lettischen Mezzosopranistin. Doch bei dem neuen, zwecks Förderung strukturschwacher Regionen finanziell vom Bund üppig ausgestatteten Lausitz Festival war es so weit. Garanča liegt die kleine, intime Form. Obwohl sie auch bei Schumann, Brahms und Rachmaninow Distanz bewahrt, sich in der mit maximal 2600 Plätzen (von denen nur 460 besetzt sein durften) holzheimeligen größten evangelischen Dorfkirche in Cunewalde mit ihrem Pianisten Malcom Martineau ganz auf die Musik konzentriert. Ein neues Klassik-Festival. Ausgerechnet in Corona-Zeiten. Daniel Kühnel, umtriebiger, in CDU-Kreisen bestens vernetzter Intendant der Hamburger Symphoniker, ließ sich davon nicht schrecken. Und hat nach einem Tryout im letzten Jahr, der heftig kritisiert wurde, weil das lokale Element zu wenig vorkam, seine Lektion gelernt. Drei Wochen lang konnte man 46 hochkarätige Veranstaltungen und Ausstellungen erleben, von Lübben bis Zittau, von Weißwasser bis Bad Muskau. Zum Beispiel in der akustisch arg verhallten Kreuzkirche in Görlitz, einem Zwanzigerjahrebau. Hier spielte Gidon Kremer im Trio Weinberg Chopin, Sibelius, Silvestrov und Schostakowitsch. Das passende Motto: „Ostwärts“.

Weiter geht es nach Bayern. In Regensburg wurde Joachim Raffs „Dame Kobold“ wachgeküsst. Seit 150 Jahren wurde die in der fruchtbringenden Liszt-Ära in Weimar uraufgeführte Spieloper des bedeutenden Schweizer Sinfonikers (1822–1882) nicht mehr gegeben. Der nach Meinigen scheidende Intendant Jens Neundorff von Enzberg aber konnte nun seinen Raff-Spleen ausleben. Raff kann Melodien, mitunter sogar Schlager, er schreibt schöne Duette und Ensembles, nicht nur nach Schema F. Seine Musik ist pikant orchestriert, tänzerisch verbrämt und reuelos unterhaltend Mit spanischen Idiomen spielt „Dame Kobold“ nach der einstmals sehr beliebten Verwechslungskomödie von Caldéron de la Barca nur wenig. Brigitte Fassbaender gibt unbekümmert und handwerklich top dem Komödienäffchen Zucker, lässt ihre nur fünf Personen über Sofas und durch Gittertüren toben, nimmt nichts ernst und zieht eigentlich jeden Charakter professionell durch den Kakao. Der souveräne Dirigent Tom Woods macht vergessen, dass pandemiebedingt nur 21 Musiker spielen. So kommt man auf eine schlanke Corona-Fassung von 100 Minuten, Pause inklusive, und wird doch gut unterhalten, weil sehr gut gesungen wird, die Regie gnadenlos flott aufs Tempo drückt, dem netten Opernchen ordentlich Rhythmusbeine und sogar den Zwei-Meter-Hygieneabstand vergessen macht.

Es ging noch weiter nach Süden. Ein letztes Live-Lebzeichen gab das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – vor 50 Zuhörern im eigentlich mehrfach ausverkauften Münchner Herkulessaal. Igor Levit spielte einmal mehr als Artist-in-Residence des SOBR, am Pult aber Stand ein Einspringer, der hier schon mal beste Figur gemacht hat: Klaus Mäkelä, 24 Jahre alt. Wieder einer aus der finnischen Panula-Dirigierschmiede, bereits Chef zweier Eliteorchester. Er sieht in seinem korrekten Anzug mit weißem Einstecktuch wie ein Konfirmand aus. Macht aber nichts, denn Mäkelä hat seinen erwartungsfrohen Klangkörper bestens im Griff bei Igor Strawinskis flottem Concerto en ré wie bei Béla Bartóks schroffem Divertimento für Streichorchester. Innerlich und still dazwischen das Klavierkonzert KV 271. Levit und Mäkelä spielen einen Mozart ohne Ecken und Kanten, rasch, schwerelos, dabei besonders im ausdrucksvollen Moll-Mittelsatz träumerisch. So entdeckt eine jüngere Generation ihren Amadeus.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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