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N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



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(c) Christoph Köstlin/DG

Avi Avital

Gestern, heute, morgen

Der Mandolinen-Virtuose erzählt die Geschichte seines Instruments im Wandel der Zeit. Kunstvoll verpackt in Kompositionen aus drei Jahrhunderten.

Viel hat sich Avi Avital vorgenommen für sein Album „Art of the Mandolin“. Immerhin unternimmt der israelische Mandolinen-Virtuose hier nicht nur einen mit Entdeckungen gespickten Streifzug durch die Jahrhunderte. Auch mit einigen Vorurteilen und Missverständnissen zu seinem Lieblingsinstrument soll nachhaltig aufgeräumt werden. Denn wenn der Klassik-Fan an die Mandoline denkt, kommt ihm als erstes wohl meist das Ständchen des Don Giovanni aus dem zweiten Akt von Wolfgang Amadeus Mozarts gleichnamiger Oper in den Sinn. „Die wahrscheinlich berühmtesten anderthalb Minuten für Mandoline im klassischen Repertoire. Anderthalb Minuten, die auch ich als Student in Italien sehr oft gespielt habe. Man könnte fast behaupten, dass Mozart mir damit einige Jahre meine Miete finanziert hat.“ Aber schon mit diesem Ohrwurm wird man laut Avital schnell auf eine falsche, folkloristisch wirkende Fährte gelockt. „Wir denken da heute eher an einen Straßenmusiker, der in einem italienischen Restaurant zu uns an den Tisch kommt, um eine kleine Serenade zu spielen. Doch zu jener Zeit war die Mandoline ein dekorativer, reich verzierter Gegenstand, der auf alten Gemälden gerne von hübschen jungen Damen gehalten wird. Akustisch gerade einmal kräftig genug, um im Salon gehört zu werden, aber nicht auf der Straße, im Opernhaus oder im Konzertsaal. Wie die Harfe oder das Cembalo wurde sie vor allem von Töchtern aus der Oberschicht gespielt. Das war es wohl eher, was Mozart im Sinn hatte.“ Nur eines von vielen Klischees, mit denen Avital auf diesem Album aufräumen will und dafür einen neuen Weg einschlägt. Ist er doch – und das dürfte selbst seine Fans verwundern – zum ersten Mal nur mit Originalkompositionen unterwegs. Nachdem sich auf seinen bisherigen Veröffentlichungen immer wieder auch Werke fanden, die für Mandoline neu arrangiert wurden. Einen roten Faden gab es natürlich trotzdem immer. Sei es ein Komponist, eine Epoche oder ein anderes übergeordnetes Thema. „Diesmal sind die Originale das verbindende Element. Dass es bisher oft Arrangements gab, hat eine ganz simple Erklärung. Ich habe mich immer in erster Linie als Musiker gesehen und erst dann als Mandolinenspieler. Also war es für mich vollkommen normal, wunderschöne Musik auf meinem Instrument zu spielen. Egal, ob sie jetzt ursprünglich dafür komponiert war oder nicht. Und die Tatsache, dass ich das getan habe, hat den Leuten hin und wieder erlaubt, Stücke womöglich mit einem frischen Ohr zu hören.“

Beziehungen und Brückenschläge

Zu entdecken gibt es aber auch diesmal einiges. Sein jüngster Streich versammelt eine Reihe persönlicher Favoriten, die teilweise schon lange in Avitals Repertoire sind. „Vor allem Stücke, die in bestimmten Phasen meines Lebens von besonderer Bedeutung für mich waren.“ Wobei es ihm nicht nur um reine Zurschaustellung von Virtuosität ging. „Interessant ist vor allem, dass wir hier sehen, wie die einzelnen Komponisten geschrieben haben, wenn sie tatsächlich an das Klangspektrum und die Eigenschaften der Mandoline gedacht haben.“ Ein Instrument, das alle kennen, aber nach Avitals Ansicht kaum jemand genau verorten kann, da die damit verbundenen Assoziationen meist stark variieren. Zwischen Ländern ebenso wie zwischen Epochen oder Komponisten. „Wenn sich ein Vivaldi, ein Beethoven oder auch ein Henze für die Mandoline entschieden haben, hatte das immer einen Grund. Entweder hatten sie einen bestimmten Interpreten im Sinn, oder sie wollten damit eine besondere Stimmung erzeugen.“ Und dies mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Was auch erklären mag, warum die Trackliste nicht chronologisch nacherzählt, sondern Zeitgenössisches bewusst im Wechsel mit Barockem präsentiert. Meist von Komponisten, die nicht primär für ihre Mandolinen-Werke berühmt waren, aber gerade durch diesen „Blick von außen“ eine ganz eigene Perspektive auf die jeweilige Epoche erlauben. „Art of the Mandolin“ schlägt so interessante Brücken zwischen den Jahrhunderten und stellt Beziehungen zwischen den einzelnen Komponisten her. Eine Geschichte, die übrigens noch lange nicht auserzählt ist, wenn es nach Avital geht. Hat er das Mandolinen-Repertoire im Laufe seiner Karriere doch nicht nur um zahlreiche kunstvolle Arrangements bereichert, sondern immer wieder auch neue Werke in Auftrag gegeben. Geweckt wurde dieser Hunger auf Neue Musik vor allem durch die Auseinandersetzung mit Paul Ben-Haims „Sonata a tre“, die er im Jahr 2000 gemeinsam mit zwei Kollegen posthum aus der Taufe hob. „Ein Freund von mir fand dieses unvollendete Werk bei seiner Arbeit im Staatsarchiv. Das war natürlich fantastisch für mich: Ben-Haim war ein ganz großer Komponist. Was Dvořák für die Tschechen verkörpert, ist Ben-Haim für Israel. Wir hatten ihn alle an der Musikakademie studiert, und hier war plötzlich ein unbekanntes Werk von ihm für Gitarre, Cembalo und eben Mandoline. Eine ziemlich ausgefallene Kombination. Ben-Haim gelang es mit diesen westlichen Instrumenten, Klänge aus dem Nahen Osten zu imitieren und so zwei Welten miteinander zu verbinden. Das hat mich unglaublich fasziniert.“ Seither konnte Avital eine ganze Reihe von Komponisten für die Mandoline begeistern. Bot sich für sie doch die Möglichkeit, ein Instrument zu erforschen, das im Gegensatz zu Geige oder Klavier nicht vom übermächtigen Schatten des romantischen Standardrepertoires „belastet“ ist und ein freieres Arbeiten erlaubt. Eine Tabula rasa, die auch Hans Werner Henze gereizt haben dürfte, dessen „Carillon, Récitatif, Masque“ das Album kontrastreich beschließt. Bei ihm finden sich ebenso neue Klangschattierungen wie in den beiden Ersteinspielungen aus der Feder von Giovanni Sollima und David Bruce. „Natürlich habe ich auch hin und wieder mit Komponisten gesprochen, die mit der Mandoline nichts anfangen konnten. Aber diejenigen, die sich der Herausforderung gestellt haben, waren unglaublich neugierig und mit großer Leidenschaft dabei.“ So ist es keineswegs die erste Zusammenarbeit mit den beiden Herren, deren Werke den Weg auf das Album gefunden haben. „David Bruce ist wahrscheinlich einer meiner liebsten zeitgenössischen Komponisten und arbeitet viel mit folkloristischen Elementen. Und auch Giovanni Sollima schätze ich als Musiker. Wir hatten schon einige gemeinsame Auftritte und sind uns sehr ähnlich darin, wie wir an Musik herangehen. Für mich ist Dialog immer sehr wichtig. Wenn ich bei Komponisten ein Stück in Auftrag gebe, will ich immer wissen, was das Erste ist, das ihnen zur Mandoline in den Sinn kommt. Und da kommen die unterschiedlichsten Antworten.“ Während Sollima den italienischen Wurzeln des Instruments nachspürt, führt Bruce den Hörer durch den Titel „Death is a Friend of Ours“ beinahe schon auf eine falsche Fährte. Orientiert er sich hierbei doch an archaischen Kulturen, die nicht den Tod, sondern das Leben eines Verstorbenen feierten. Optimismus, den man gerade in Zeiten wie diesen gut gebrauchen kann.

Neu erschienen:

„Art of the Mandolin“

mit Avital

DG/Universal

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Beethoven und die Mandoline

Insgesamt sechs Werk für Mandoline brachte Ludwig van Beethoven zu Papier. Erhalten geblieben sind uns davon vier, die jedoch alle erst posthum im Druck erschienen. Die ersten beiden dieser Werke ohne Opuszahl entstanden als freundschaftliche Geste an den böhmischen Geiger und Mandolinenspieler Wenzel Krumpholz, bei dem Beethoven einst Violinstunden genommen hatte. Die zweite Widmungsträgerin war eine Dame, mit der sich seine Wege während eines längeren Aufenthalts in Prag kreuzten. Die Comtesse Josephine von Clary-Aldringen, die das Instrument bei Johann Baptist Kucharz erlernt hatte. Jenem Mann, der bei der Uraufführung des „Don Giovanni“ das Solo zu „Deh, vieni alla finestra“ intonierte.

Tobias Hell, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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