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(c) Felix Broede

Hinrich Alpers

Zehn Finger, ein Orchester

Zum Beethoven-Jahr hat der Pianist die Liszt-Klavierbearbeitungen der Sinfonien eingespielt – erstmals dabei die Neunte auch mit Vokalisten.

Gut Ding will Weile haben. Bei Beethoven ganz besonders. Sämtliche Sonaten hat der 1981 in Uelzen geborene deutsche Pianist Hinrich Alpers schon länger drauf und er hat sie regelmäßig gespielt, einzeln wie als Gesamtpaket. „Doch als jetzt das Beethoven-Jahr langsam an die Türe klopfte“, erzählt er, „da habe ich mir natürlich auch überlegt: Mit was möchte ich auf dem Aufnahmesektor dabei sein? Die Sonaten gab es schon so oft. Was kann ich dem also noch hinzufügen? Aber da ich jemand bin, der sich gern mit dem Gesamtwerk eines Komponisten beschäftigt, und die neun Sinfonien in der Liszt-Bearbeitung natürlich immer griffbereit lagen, dachte ich, ja, warum nicht die?“ Warum nicht? Das haben sehr schnell auch Deutschlandfunk Kultur und Sony als Partner gesagt. Und so wurde dieses Riesenprojekt zwischen Mai 2019 und Februar 2020 eingespielt. Kurz vor Corona-Toresschluss. Irgendwie also auch Vorhersehung. Wenn schon das 250. Beethoven-Jubiläum gründlich beschädigt wurde. Macht aber auch nichts. Bis auf ganz wenige Programme konnte Hinrich Alpers alle seine Konzerttermine auf spätere Daten tauschen. „Beethoven hat schließlich immer Konjunktur“, kommt es trocken. „Der Name Beethoven ist heilig in der Kunst.“ Mit diesem Satz hatte selbst Franz Liszt einmal seine überschwängliche Bewunderung für Ludwig van Beethoven zum Ausdruck gebracht. Doch dabei beließ es der Übervirtuose nicht. Seine Verehrung spiegelt sich ebenfalls in zahlreichen Arrangements von Werken Beethovens wider. Zwischen 1837 und 1863 entstanden mit seinen Transkriptionen der neun Sinfonien Meilensteine der Konzertliteratur des 19. Jahrhunderts. Das waren freilich nicht nur die üblichen Übersetzungen auf zwei Systeme, damit diese Musik in einer Zeit ohne Radio, CD und nur mit wenigen Orchestern via Klavier auch in die Salons Europas vordringen konnte. Liszt wollte den Beethovenschen Geist der Orchestermusik auf das Klavier übertragen. Er wählte daher auch die Bezeichnung „Klavierpartitur“ (französisch „partition de piano“), um zu betonen, dass hier das Werk in seiner ganzen Tiefe auf dem Klavier wiedergegeben wurde. Nichts Wichtiges sollte weggelassen, aber auch nichts hinzugefügt werden. Es entstand aus den Sinfonien gewissermaßen idiomatische, „echte“ Klaviermusik. „Liszt hatte einerseits großen Respekt“, meint bewundernd Hinrich Alpers. „Ähnlich sorgfältig und vorsichtig ist er sonst nur in den Bearbeitungen von Werken Johann Sebastian Bachs vorgegangen, während er ja üblicherweise gern viel virtuose Verzierungen und technischen Staubzucker über seine Paraphrasen ausschüttet. Aber ganz konnte er natürlich auch selbst bei Beethoven nicht aus seiner Komponistenhaut. So ist natürlich immer noch viel Liszt auffindbar in diesen reduzierten Neuschöpfungen. Am stärksten sicher in der ihm mit ihrem Naturprogramm am nächsten liegenden 6. Sinfonie. In der Pastorale hat er besonders im Gewitter-Satz doch noch einiges an effektvollen Finessen eingebaut. Aber hier ist das auch legitim und macht viel Spielspaß.“ Besonders gern hat Hinrich Alpers auch die vierte Beethoven-Sinfonie im Liszt-Gewand: „Hier klingt es sehr authentisch, er schafft es wirklich weitgehend, den Orchesterklang für zehn Finger einzukochen. Die ist wohl am meisten Klavier-kompatibel. Und ich wünsche mir, dass sie so ein wenig öfter gehört wird, als es sonst im Konzertsaal üblich ist.“

Eingekocht wie ein Fond

Als jemand, der selbst gern am Herd steht, ist Hinrich Alpers das Reduzieren einer Sauce oder eines Fonds bestens bekannt. „Aber das Einkochen der 9. Sinfonie, das ist eine Herkulesaufgabe, die selbst Franz Liszt nicht ganz bewältigen konnte. Im vierten Satz fehlt einfach ein zweites Händepaar, hier braucht es drei Register. Deswegen geht das eigentlich nur in der Fassung für zwei Klaviere. Und deshalb wohl hat er dann doch noch die Singstimmen und den Chor über seinem Arrangement notiert. Einfach so, als Erinnerung, dass er selbst diesem neuartig klingenden Kosmos mit seiner ganzen Kunst nicht gerecht werden konnte.“ Das hat Alpers aufgegriffen und anders als die vier bis fünf Kollegen, die vor ihm eine Gesamteinspielung realisiert haben, entschied er sich mutig dafür, den Vokalpart mit dazu zu nehmen. „Ich habe gleich den RIAS Kammerchor kontaktiert und die waren total begeistert. Die wissen natürlich auch, wie man sich zurücknimmt, das Klavier nicht total zudeckt. Auch das Label fand diese Adaption toll.“ Ebenso die vier Gesangssolisten, Christina Landshamer, Daniela Denschlag, Andre Khamasmie und Hanno Müller-Brachmann, alle Beethoven-bewährt, freuten sich auf die ungewohnte Aufgabe. Plötzlich gingt es einmal nicht ums Durchbrüllen, man konnte phrasieren, gemeinsam atmen und wirklich an einer Interpretation feilen. Also eine kleine Weltpremiere, immerhin das. Beethoven zählt für Hinrich Alpers seit Beginn seiner internationalen Pianistenkarriere zu den Schwerpunkten seines Repertoires. So war Alpers 2009 1. Preisträger des Telekom Beethoven Competition in Bonn. Und jetzt, im Lockdown, hat er einfach weiter Beethoven gespielt: „Alles was noch fehlte, Tänze, Bagatellen, Variationen, Lieder, Fragmente, selbst in solchen Kinkerlitzchen habe ich manch Schönes gefunden. Vor allem für mich, aber einiges werde ich noch öfters aufführen.“ Bereits seit früher Kindheit wurde Hinrich Alpers an der Musikhochschule Hannover von Bernd Goetzke unterrichtet, bei dem er später auch sein gesamtes Studium absolvierte, nur unterbrochen durch ein Auslandsjahr in der Klasse von Jerome Lowenthal an der New Yorker Juilliard School. Nach diversen Wettbewerbssiegen luden ihn unter anderem das Klavier-Festival Ruhr, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und das Beethovenfest Bonn zu Konzerten ein. In allen großen Konzertsälen ist er zu Hause. Sein Repertoire umfasst auch das gesamte Klavierwerk von Robert Schumann und Maurice Ravel sowie sämtliche Klavierkonzerte von Sergei Rachmaninow. Doch gilt sein besonderes Interesse Werken, die eher ein Nischendasein im Repertoire führen. So beschäftigte er sich intensiv mit der Zweiten Wiener Schule, lernte anlässlich des 100. Cage-Geburtstages die monumentalen „Sonatas and Interludes“ für präpariertes Klavier auswendig und bringt regelmäßig Werke zur Uraufführung. Auf seine Initiative hin brachte er mit Kammermusikpartnern wie dem Kuss Quartett und Hanno Müller-Brachmann eine Gesamteinspielung der Lieder und Kammermusik des im Ersten Weltkrieg jung verstorbenen Rudi Stephan heraus, den eben auch Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern wiederentdeckt.

Neu erschienen:

Beethoven/Liszt

Sinfonien 1 – 9

mit Alpers, Landshamer, Denschlag, Khamasmie, Müller-Brachmann, RIAS Kammerchor

Sony


Berg oder Beethoven?

1Hinrich Alpers lebt in Berlin, ist gern als Fotograf in der Natur und begeistert sich neben Musik zwischen Renaissance und Jazz für Kochen und Naturwissenschaften. Dabei war Beethoven für ihn als Jugendlicher ein rotes Tuch: Bei „Jugend musiziert“ spielte der 14-Jährige lieber die Sonate von Alban Berg – und hinterließ eine beeindruckte, aber etwas ratlose Jury ob dieser Stückwahl. „Nach dem Gewinn des Beethoven-Wettbewerb dachte ich: Jetzt musst du endlich Beethoven spielen. So habe ich quasi im Vorübergehen immer mal wieder eine Sonate einstudiert. Ich bin nicht versteift auf Komplettprojekte, aber ich leuchte gerne in viele Ecken hinein, wenn ich mich mit etwas befasse.“


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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