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40 Jahre Orfeo

Samtblaue Schatztruhen

Nach fünf Jahren war fast wieder Schluss, nun aber feiert das Münchner Label Orfeo unter dem Naxos-Dach seinen 40. Geburtstag.

Seit vierzig Jahren kennt man sie, diese noblen dunkelblauen Platten mit dem weißen Rahmen und dem Logo, das mit den beiden „Os“ durchaus Assoziationen an zwei Bandspulen weckt, einen Notenschlüssel dazwischen. Doch die Firmengeschichte war nicht immer so edel.
Ab 1980 erschien plötzlich aus dem Münchner Klassik-Urgrund, und zum Staunen der damals noch blühenden Major Labels, in rascher Folge eine stargespickte Aufnahme nach der anderen. Jessye Norman, Nicolai Gedda, Lucia Popp, Margareth Price, Dietrich Fischer-Dieskau, Julia Varady, Edita Gruberova, Brigitte Fassbaender ließen ihr Vokalgold schimmern, dazu gaben sich Wolfgang Sawallisch, Bernard Haitink, Rafael Kubelik, Neeme Järvi und sogar Carlos Kleiber die Platten-, bald auch CD-Ehre; gerne in Kooperation mit den Klangkörpern des Bayerischen Rundfunks.
Wo kam das Geld her? Das fragten sich alle. Um dann zu erfahren, dass der Gründer Axel F. Mehrle so etwas wie ein Bernie Madoff der Klassik war, der nach Ponzi-Schema seine Anleger molk, reiche Geschäftsleute, aber auch Künstler selbst. Der war 1985 längst ins Ausland geflüchtet, die Geprellten aber warteten auf ihre Verbindlichkeiten oder auf nie gezahlte Honorare. Pianist Josef Bulva, für dessen Cover Gunter Sachs die Fotos machte, blieb auf einer sechsstelligen Summe sitzen.

Ein Künstlerkonsortium, darunter auch Fischer-Dieskau mit Gattin, machte trotzdem weiter – als Orfeo International. Auch der frühe Katalog blieb erhalten, viele dieser Aufnahmen sind längst Klassiker und immer noch verfügbar. Und mag man auch Fischer-Dieskau, der zudem am laufenden Meter Liedplatten einspielte, als Dirigent gering schätzen, entstanden so doch wunderbare Arien-Alben mit Slawischem, mit Verdi und Puccini, die die von anderen Labels so schlecht behandelte Julia Varady im gloriosen Herbst ihrer Karriere aufnehmen konnte.
Zur besonderen Melomanen-Adresse wurde dann der roteingefärbte Ableger Orfeo d’Or, der die Archivschätze der Salzburger Festspiele beinahe enzyklopädisch, in geringerem Maße auch die der Bayreuther Festspiele, der Bayerischen und der Wiener Staatsoper (sogar bis zu Produktionen aus der unmittelbaren Vergangenheit) auswertete. Frühe Verdi-Opern finden sich im Katalog, aber auch eine von Axel Bauni betreute grünfarbige Edition des zeitgenössischen Lieds und Musica Rediviva mit Werken einst verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Die langjährige Produzentin Christiane Delank hatte allerdings auch ein gutes Ohr und Vertragshändchen für junge, günstigere Künstler. Andris Nelsons und seine Lieblingsgeigerin Baiba Skride wurden hier mit ersten, Aufsehen erregenden Aufnahmen CD-flügge, bevor sie sich die großen Haie catchten. Und selbst Edelstimmen wie Piotr Beczała oder Krassimira Stoyanova fanden hier ein Zuhause mit sorgfältig im Repertoire abgestimmten Solo-Rezitalen. Auch Cellist Daniel Müller-Schott ist schon sehr lange ein „Orfeaner“. Zu den jüngeren Orfeo-Künstlern gehören der slowakische Tenor Pavol Breslik wie auch sein Klavierpartner Amir Katz.

Gesund geschluckt

Doch für nationale Nischenlabels wurde der sowieso schrumpfende Tonträgermarkt immer enger. Und so wechselte Orfeo 2015 den Besitzer. Klaus Heymann verleibte sich die Firma unter seinem Naxos-Dach ein, als weltweit agierender Großspieler, so wie er es bereits und in Folge mit Labels wie Ondine, Capriccio oder Oehms Classics verfolgt hatte. Heute kümmert sich der langjährige Capriccio-Produzent Johannes Kernmayer um Capriccio, Oehms und Orfeo, will aber bei allen Unterfirmen die Spezifika erhalten, um so mit einem hochwertigen und sehr langfristig betreuten Künstlerpool weiterhin erstklassige klassische Musik anzubieten. Diese Aufnahmen haben inhaltlich eine signifikante Wirkung für den nationalen und internationalen Musikmarkt und bieten ein ausgesuchtes Repertoire an.

Bei Orfeo konnte man unlängst Auber-Preziosen aus dem ORF-Archiv entdecken, es kommen als nächstes eine Beethoven-„Leonore“ von 1970 mit Gwyneth Jones heraus und die einzige große, 1892 uraufgeführte Johann Strauß-Oper „Ritter Pásmán“, die weit mehr zu bieten hat als den gern im Neujahrskonzert gespielten Csardas. Neu verpflichtet wurde die Klarinettistin Sharon Kam, die eben ihre zweite Orfeo-Aufnahme vorgelegt hat. Die österreichische Trompeterin Selina Ott, die 2018 mit 20 Jahren als erste Frau den ARD-Musikwettbewerb im Fach Trompete gewonnen hat, wird demnächst ihr Orfeo-Debüt geben.
Zum Jubiläum gibt es schöne Boxen, auch das Fischer-Dieskau-Erbe wird anlässlich dessen 95. Geburtstag neu ediert. Und so segelt man frohgemut ins fünfte Orfeo-Jahrzehnt. Wobei das Samtblau inzwischen nur noch zart auf den längst modernisierten Covern aufscheint.

Weitere Informationen:
www.orfeo-international.de


Eine Orfeo-Lieblingsplatte

1Kloster Seeon im Chiemgau. Ein leuchtender Herbsttag, Anfang der Achtzigerjahre. Verträumte Stille. Nur unterbrochen durch die Legatobögen einer elegischen Sopranstimme. Die singt engelsgleich, aber eben nicht instrumental schwerelos, sondern immer mit dem Beigeschmack von irdischem, weiblichem Leben. Die damals 40-jährige Waliserin Margaret Price und der im nahen Grassau lebende Wolfgang Sawallisch nahmen eine Schubert-Platte auf. Es beginnt prophetisch mir Mayerhofers versonnenem „Geheimnis an Franz Schubert“. Und endet mit dessen letztem Lied, dem visionär wehmütigen „Hirt auf dem Felsen“, zu dem sich die weiche Klarinette von Hans Schöneberger – ja, Barbaras Vater! – gesellt.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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