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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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(c) Thomas Jauk, Stage Picture

Resonanzlos

Dortmund, Theater: Aubers „Die Stumme von Portici“

Das Publikum war ungewöhnlich an diesem so denkwürdigen und dann wieder normalen Abend, der letzten großen Opernpremiere vor dem Corona-Lockdown: etwa 25 Kritiker. Dabei fasst das kuppelüberwölbte Dortmunder Haus fast 1200 Zuschauer. Doch die waren bei dieser offiziell als „zweite Generalprobe“ ausgepreisten Aufführung am offiziellen Premierentermin von Daniel-François-Esprit Aubers Baby-Grand-Opéra „Die Stumme von Portici“ in der Regie von Skandalaltmeister Peter Konwitschny ausgeschlossen.
Konwitschny inszeniert die wahre Geschichte vom Aufstand des neapolitanischen Fischer Masaniello gegen die spanischen Besatzer im 17. Jahrhundert als satirisch zugespitzte Parabel. So hat sich sein ein wenig zahnloser Altersstil entwickelt. Hier die bösen Spanier, die bei der Hochzeit des Sohns des Vizekönigs (brillant höhensicher: Sunnyboy Dladla als Alphonse) mit Elvire (koloraturwendig: Anna Sohn) das Volk knütteln. Da die braven Fischer, die schnell barrikadenradikal werden. Die einen singen – sprachlicher Zeigefinger – französisch, die anderen deutsch.
Helmut Bades minimalistisch distanzierte Ausstattung zeigt kitschig-künstliche Neapel-Veduten, eine Papphütte, eine Styroporschlossruine, ein Plastikpferd und den virtuell grollenden Vesuv, der am Ende alle mit seinen Lavaausbrüchen zum finalen Opernschweigen bringt. Historische Revoluzzer werden als Schießbudenfiguren vorgeführt, während die Tarantella im Graben trällert, Kampfesduette im Barcarolenrhythmus schmettern, virtuose Arien. Was Peter Konwitschny didaktisch dialektisch ausstellt, bis am Ende der emphatische Masaniello (tenorsubstanzarm: Mirko Roschkowski) vergiftet und verrückt wird.
Unter Motonori Kobayashis zupackender Leitung werfen sich Chor, Extra- und Kinderchor sowie die Philharmoniker ins Klangkampfgetümmel. Aber irgendwie tönt das am Anfang alles klamm und steril, es fehlt die Resonanz von 1000 Zuschauern. Und eines ist sicher: „Geistervorstellung“ ist schon jetzt das Kulturwort des Jahres.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2020



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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