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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Ein Koffer als Schatztruhe

110 Jahre wäre »Satchmo« dieses Jahr alt geworden, und noch immer gehört er zu den bekanntesten Musikbotschaftern Amerikas. Dass Louis Armstrong diese Rolle in seinem späteren Leben ganz offiziell erfüllte und für die Vereinigten Staaten als Exportkulturartikel viel auf Reisen ging, nahm die Universal nun zum Anlass: Sie feiert das Louis- Armstrong-Jahr mit seinem Reisekoffer en miniature, aber dennoch randvoll gepackt mit biografischem Material und 10 CDs, darunter wahre Fundstücke. Thomas Fitterling ist ein Stück des (Lebens-)Weges mitgereist.

Auch vier Jahrzehnte nach seinem Tod ist der Trompeter und Sänger Louis Armstrong in der allgemeinen Wahrnehmung die Symbolfigur des Jazz schlechthin; er starb am 6. Juli 1971. Doch nicht nur das macht 2011 zu einem Armstrong-Jahr; der Musiker mit dem Spitznamen Satchmo würde heuer auch 110 Jahren alt. Erst Jahre nach seinem Tod kam es heraus: Er wurde am 4. August 1901 in New Orleans geboren. Die Universal Music Group, die die meisten Rechte an Armstrong hält, feiert das Jubeljahr mit einer limitierten Box – Satchmo: Louis Armstrong The Ambassador Of Jazz heißt sie und hat es wahrhaft in sich.
Louis Armstrong war sein Leben lang on the road; in späteren Jahren schickte ihn das amerikanische Außenministerium quasi als Botschafter des guten Willens Amerikas wiederholt auf Tour in die Dritte Welt oder hinter den Eisernen Vorhang. Titel und Gestaltung der Box als verkleinertes Papp-Modell von Armstrongs Reisekoffer rühren daher. Zehn CDs sind darin verpackt; sieben davon mit höchst repräsentativen Aufnahmen aus wirklich allen Schaffensperioden des Künstlers – von den frühen Aufnahmen mit King Oliver’s Creole Jazz Band von 1923 bis zum Festkonzert beim Newport Festival anlässlich Armstrongs – vermeintlichem – siebzigstem Geburtstag. CD 8 vereint das berühmte Konzert vom 15. August 1956 in der Hollywood Bowl mit den All Stars und Ella Fitzgerald als Gast in voller Länge. CD 9 ist mit dem berüchtigten Slivovice- Interview von 1965 nur von atmosphärischem Interesse: Die Unterhaltung bewegt sich zunehmend beschwipst um Reise- und andere Erinnerungen. Dafür gibt es auf CD 10 verworfene oder alternative Aufnahmen hauptsächlich der Sessions mit dem Oscar- Peterson-Quartett und Ella; Freunde modernerer Spielformen dürften sich daran freuen, wie der einstige Pionier des Jazzgesangs und des Solospiels in diesem Kontext eine großartige Figur macht. Leider macht die mitgelieferte Trackliste die jeweiligen Kontexte nicht klar, gibt nur jeweils das Datum der Aufnahmen, nicht aber deren Besetzungen an. Zum Glück hilft die Website da weiter.
Mag die Trackliste auch ihre Schwächen haben, sie werden durch den beigepackten, aufwendigen, fast zweihundert Seiten umfassenden Bildband einer ebenso kundigen wie kritischen Armstrong-Biografie von Richard Havers mehr als ausgeglichen. Darin wird klar, wie Armstrong aus allereinfachsten Verhältnissen zu der alles überragenden stilbildenden Figur des Combo-Jazz, dann des Big-Band-Swings und schließlich zum Star-Entertainer wurde. Erhellt wird auch, dass sein volles künstlerisches Potenzial in der zweiten Lebenshälfte oft nur zum Vorschein kam, wenn es engagierten Produzenten anderer Labels gelang, Joe Glaser, den auch mit den trüben Wassern des Musik-Business gewaschenen Manager Armstrongs, mit entsprechender Cash-Unterfütterung dazu zu bringen, seinen Schützling für ambitioniertere Projekte freizustellen. Es ist Universal hoch anzurechnen. dass die wichtigen Beispiele dafür – etwa aus den Themenalben zu W. C. Handy oder Fats Waller – auf dieser Anthologie vertreten sind, selbst da, wo die Rechte auch heute noch bei der Konkurrenz liegen.
Wer sich selber an Armstrong-Stücken versuchen will, wird sich über die Dreingabe der Notenblätter von fünf Armstrong-Hits freuen. Sei es zum Chillen, Lesen oder Musizieren, der Satchmo-Koffer ist perfekt gepackt.

Louis Armstrong - The Ambassador Of Jazz

Satchmo:

Universal

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Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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