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Home-Singing & -Playing

Der Terminus „Wohnzimmerkonzerte“ könnte bei der Wahl des „Wortes des Jahres 2020“ durchaus einen der vordersten Plätze ergattern. Immerhin gibt es von den Super-Promis runter bis zum Kleinkünstler kaum jemanden aus Klassik, Pop oder Rock, der in Krisen- und Quarantäne-Zeiten nicht seinen Fans eine musikalische Grußbotschaft aus den heimischen vier Wänden schickt. Das Schöne daran ist zudem, dass man dabei bisweilen einen kleinen Einblick ins private Reich erhält. Der auf arte fleißige Geiger Daniel Hope scheint immerhin in Berlin eine große Villa zu bewohnen. Von Lang Lang darf man hingegen ab sofort vermuten, dass er wohl arm wie ein Kirchenmaus sei. Sein Wohnzimmer hat den Charme sozialistischen Chics. Und sein Klavier ist einfach ein Klimperkasten. An solch einem Instrument präsentierte sich Lang Lang jetzt der Weltöffentlichkeit; im Rahmen des virtuellen Benefiz-Konzerts „One World: Together at Home“, bei dem von den Rolling Stones bis B-Promis alles bemüht wurde, um angeblich von zu Hause aus und über das Internet musikalisch Kraft zu spenden. Lang Lang hatte sich aber nun wohl ehrlicherweise in eine billige Absteige verirrt, um mit großer Mimik und Gestik erst mit Chopin und danach in der Schalte mit Andrea Bocelli und Céline Dion zu gruseln. Solche unterirdischen „Wohnzimmerkonzerte“ vermiesen den schon trostlosen Corona-Alltag endgültig.
Dass man bei vernetzten Treffen aber auch erst Gänsehaut und danach reichlich Spaß bekommen kann, sieht man exemplarisch an zwei Projektionen. In seiner Reihe „Hope@Home“ präsentierte Daniel Hope ein eingeschicktes, im Multitasking-Verfahren produziertes Video des niederländischen Radiochors, der nicht einfach Rachmaninows herzzerreißend schönes A Cappella-Stück „Bogoroditse Devo“ zum Besten gab. Aus ihren jeweiligen privaten Stuben verschmolzen die Sängerinnen und Sänger über Skype zu einem unvergleichlich atmenden beseelten Klangkörper.
Von einer völlig anderen Seite zeigt sich dagegen dank der Video-Rubrik „Semperoper zuhause“ das Top-Dreigestirn
Camilla Nylund, Klaus Florian Vogt und René Pape. Und endlich einmal rutscht man nicht peinlich berührt und fremdschämend auf der Stuhlkante hin und her, wenn Gesangsstars von solch einem Kaliber ihre humoristische Seite öffentlich machen. Im Gegenteil. Weit voneinander entfernt und eben doch gemeinsam singen sie aus Mozarts „Die Zauberflöte“ das Terzett „Soll ich dich, Teurer, nicht mehr sehn?“ so, wie man sie wohl nie wieder sehen wird. Camilla Nylund zeigt sich ungeschminkt bei der Morgentoilette, bevor es aufs Trimmrad und das Wackelbrett geht. René Pape hält sich auf dem heimischen Rudergerät fit – bevor er auf einem komfortablen Sitzrasenmäher rumgurkt. Und Klaus Florian Vogt zieht es vom Kicker an die frische Luft. Mit Jobst Schneiderat am Klavier und in der Regie von Alexander Brendel und Leopold Pape ist da eine amüsante „Home-Gala“ entstanden, die durchaus nach Fortsetzung schreit Bis dahin erfährt man im nicht weniger gelungenen Video der Dresdner Philharmonie etwas über den aktuellen Online-Probenalltag von Orchestermusikern im individuellen Heim-Modus, ermöglicht von einer nicht ganz ernst gemeinten Proben-App. Auch hier unbedingt anklicken!

Guido Fischer



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