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Ikone des Cool Jazz: Saxofonist Lee Konitz † © Schorle – Wikimedia / CC BY-SA 4.0

Pasticcio

Mr. Cool-Jazz

Als 1950 die amerikanische Musikzeitschrift „Metronome“ in einer Umfrage die einflussreichsten Jazz-Musiker für eine All Star Band suchte, kam ein Ergebnis heraus, mit dem niemand gerechnet hatte. Selbst Miles Davis nicht. Der Senkrechtstarter an der Trompete hatte da glatt sein großes Vorbild Dizzy Gillespie aus dem Rennen geschlagen. Und auch bei den Saxofonisten gab es eine faustdicke Überraschung. .„Noch nicht mal Bird [Charlie Parker] schaffte es“, erinnerte sich Davis später in seiner Autobiographie – „Lee Konitz lag vor ihm.“ So sehr sich Davis über diese Leserabstimmung verwundernd die Augen rieb, so war er doch nicht ganz unschuldig daran, dass ein gerade mal 23–jähriger Saxofonist den Titan Charlie Parker auf die hinteren Plätze verdrängt hatte. Immerhin war Davis ein Jahr zuvor mit diesem fast gleichaltrigen Wunderknaben Konitz ins Studio gegangen, um mit ihm eine der epochalsten Jazz-Platten überhaupt aufzunehmen. „Birth of the Cool“ hieß dieses Manifest, bei dem nicht mehr hitzige Bebop-Schlachten ausgefochten wurden. Wohltemperiert bis hin zur coolen Relaxtheit breitete hier ein mit schwarzen und weißen Musikern besetztes Nonett seinen federnden Swing aus – mit Konitz, der dem Alt-Saxofon mit ätherischer Eleganz ein wahrhaft neues Herz-Rhythmus-System eingepflanzt hatte.
Wer schon früh derart den Jazz-Puls mitbestimmte, der hat entsprechend weltweit Schule gemacht. Tatsächlich bekannte sich bereits in den 1950er Jahren Albert Mangelsdorff als eingefleischter Konitz-Fan. Als er versuchte, den typischen Sound seines Idols auf die Posaune zu übertragen. Und neben den über 150 Alben, die Konitz fortan mit solch unterschiedlichen Größen wie Paul Bley, Jimmy Giuffre und Attila Zoller aufgenommen hat, war er auch ein begeisterter Pädagoge. „Mir geht es um melodische Entwicklung, darum, wie man von einem Ton zum nächsten kommt.“
Dieses von Note zu Note vorsichtige Vorantasten, gepaart mit seinem einzigartig facettenreichen, nie berechenbaren Klang, hat Konitz zwar einen Thron in der Ruhmeshalle des Jazz eingebracht. Seine Laufbahn hingegen verlief jedoch nicht so reibungslos, wie man es bei diesem einflussreichen Jazz-Saxofonisten erwarten durfte. Als die Cool-Jazz-Ära Anfang der 1960er Jahre etwas außer Mode gekommen war, musste der 1927 in Chicago geborene Konitz sich den Lebensunterhalt als Tapezierer und Gärtner verdienen. Und die ganz großen Plattenverträge bekamen irgendwie immer nur die anderen. Immerhin die jüngere Jazz-Generation um auch Pianist Brad Mehldau sollte ihn endlich wieder entdecken. Und gerade in Köln, wo er vor seinem Umzug nach New York jahrelang gelebt und gearbeitet hat, duellierte er sich in schöner Regelmäßigkeit und aller Freundschaft mit ehemaligen Studenten.
Bis ins hohe Alter war Lee Konitz in den Jazz-Clubs zu hören, zu genießen. Jetzt ist er 92-Jährig in einem New Yorker Krankenhaus gestorben – an den Folgen einer Covid-19-Infektion.

Reinhard Lemelle



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