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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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(c) ROH 2020 Photographed by Bill Cooper

Zwischen Tragödie und Oratorium

London, Royal Opera House: Beethovens „Fidelio“

Unter der Trikolore wird noch echt guillotiniert und anschließend schmeißt Jacquino den verzweifelten Frauen in der Gefängnisfestung die Köpfe ihrer Gatten vor die Füße. Die Revolution frisst ihre Kinder. Spannend und atmosphärisch, dabei vorgeblich ganz altmodisch erzählt Tobias Kratzer unter Antonio Pappanos straffer, feinfarbig flutender Leitung zu der kurzen Ouvertüre in naturalistischen Kulissen die „Fidelio“-Vorgeschichte am Royal Opera House Covent Garden. Was folgt, das ist, mit zeitgenössischen Texteinsprengseln von Büchner und Grillparzer, die wohl bestmögliche plausible Erzählung der einmal nicht aus Zensurgründen nach Spanien verlegten Rettungsoperngeschichte. Die die Figuren ernst nimmt, besonders Jacquino (der frische Spieltenor Robin Tritschler) und Marzelline (kleine, ausdrucksstarke Stimme: Amanda Forsythe) stehen mehr im Fokus; auch Kerkermeister Rocco (bassbalsamischintelligent: Georg Zeppenfeld) ist differenzierter und klüger. Lichtfigur ist hier schon Leonore, weil Lise Davidsen in diesem eindrücklichen Rollendebüt leichte, starke Höhen offenbart. Der Salonschurke Pizarro (mit zu schmalem Bariton: Simon Neal) streichelt Marzellines Kanarienvogel – und dreht ihm den Hals um. Im zweiten Teil aber ändert sich dieses Fidelio- Setting und auch die Erzählhaltung, das Regieteam will das Beethoven-Narrativ vom Singspiel über die heroische Tragödie bis zum utopischen Oratorium auch als Bruch thematisieren. So liegt Florestan auf einem Dreckhaufen. Vor einer weißen Wand sitzt der Chor und schaut als Jury, Volk, Masse, als Wir eben auf das Geschehen. Jonas Kaufmann kämpft sich trotzdem gestaltungssicher durch seine Arie, mit langen Schwelltönen und guter Attacke. Die Handlung geht weiter, aber der Chor, sie alle müssen sich zum Geschehen da vorn verhalten. Pizarro attackiert Florestan, dann aber schießt Marzelline auf den Tyrannen. Und endlich werden Wir, also der Chor, aktiv, greifen ein, er-greifen Partei. Die Unterdrücker werden überwältigt, die Unterdrückten mit der Trikolore heroisiert.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2020



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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