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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Man nehme sich Zeit für ein paar Stunden Einsamkeit. Dazu richtig gute Kopfhörer. Die reichen, wenn gerade keine Surround-Anlage in der Nähe ist, schon aus, um wieder einzutauchen ins Weltgetümmel. Vor mehr als einem halben Jahrhundert wehrte sich der Komponist Luigi Nono in seinem Porträt einer „Fabrik der Toten“ gegen den Wahnsinn des kapitalistischen Wirtschaftswachstums. „La fabbrica illuminata“ für Sopran und Tonband, vierkanalig im Studio zusammengefügt aus Tönen, Texten und Geräuschen, ist inzwischen erstarrt zum eigenen Denkmal, die vermutlich letzte Live-Vorführung, düster videoveralbert, fand 2017 statt im Rahmen der Ruhrtriennale. Das Zürcher „Institute for Computer Music and Sound Technology“ hat das Stück nun in ein 5.1. Surround-Kostüm gesteckt und so puristisch-historistisch ins Präsens überführt, dass sich die Nackenhaare aufstellen. Nur eine von vielen Zeitreisen, die mit dem Doppelalbum „Les Espaces Électroacoustiques II“ (col legno/ Naxos) möglich sind. Ebenfalls aus der AnalogÄra der elektronischen Musik ins Heute gebeamt: „Kontakte“ von Karlheinz Stockhausen, „Klangfiguren II“ von Gottfried Michael Koenig u. v. a. m.

Auch die Zentralbibliothek in Zürich lässt sich nicht lumpen. Sie hat zwei schöne Klaviertrios herausgerückt aus dem Bestand ihrer Musikabteilung: das g-Moll-Trio op.1 von Hermann Goetz und das Es-Dur-Trio op.20 von Hans Huber – eingespielt vom Trio Fontane (Solo Musica/ Sony). Beide Komponisten gehören zu jener spätromantischen Generation, die das Rad nicht nochmal neu erfinden wollte oder konnte. Schrieben aber beide alles andere als nur bleiche Konservatoriumsmusik. Während Goetz und sein melodiensatter, reif durchgestalteter Individualstil längst wiederentdeckt wurden – es gibt schon etliche Aufnahmen, auch eine von op. 1 mit dem Abegg-Trio –, handelt es sich bei Hubers Stück um eine Ersteinspielung. Klassische Viersätzigkeit kokettiert mit ausgebuffter Virtuosität. Das Trio Fontane, perfekt ausbalanciert, zugleich feurig und klangschön, macht das Beste daraus.

Der Puls ist ruhig. Haltung gerade, Metrum ebenso, die Schrittfolge überschaubar, wenn der König tanzt. Will sagen: Es passiert, außer jeder Menge Wiederholung, diesmal nicht allzu viel bei Sébastien Daucé und seinem Ensemble Correspondances. Sie haben ihr neues Album „Les Plaisirs du Louvre“ (harmonia mundi) der vergessenen Hofmusik des dreizehnten Ludwig gewidmet, der sich selbst „Louis le Juste“ nannte und von Alexandre Dumas boshafterweise zwei Jahrhunderte später abgestempelt wurde zu „Louis der Langweilige“ – weil er halt die Jagd und die Musik mehr liebte als den Krieg. Spielte Violine und Laute, sang und komponierte, wovon wenig erhalten ist. Nur einer der sieben Tänze stammt von ihm, der Rest von seinen Maîtres de Musiques. Einundzwanzig köstlich-melancholische Airs de Cours runden die Sache ab, einander ähnlich wie ein Praliné dem anderen. O süßer Schlaf! Unübertrefflich die Raffinesse der Darbietung, teilweise (fast) a cappella gesungen, gesprenkelt mit zarten Lautentupfern.

Nicht umsonst sagen die Franzosen „Melodie“, wenn sie „Lied“ meinen. Ohne den Bogen abzusetzen, in voll ausgelebtem Legato und mit einer schier ausgestorben geglaubten Klangfülle folgt Gaëtane Prouvost auf ihrer Geige den lyrischen Linien des Andante in C von Vincent d’Indy: ein schwermütiger Gesang ohne Worte, jede Phrase so beredt wie eine Gedichtzeile. D’Indy komponierte dieses bislang unveröffentlichte Albumblatt 1876 in Bayreuth. Es ist nicht die einzige Ersteinspielung dieser CD; außer besagtem Andante spielt Prouvost, 66, beherzt zupackend begleitet von ihrer jungen Klavierpartnerin Eliane Reyes, auch noch d’Indys C-Dur-Sonate op. 59 sowie eine unbekannte Violinsonate in d-Moll von Albert Dupuis (En-Phases/Note 1). Als vermutlich letzte Erbin der großen franko-belgischen Violinschule erlaubt sich diese Geigerin bewundernswürdig subtile Portamenti, ihr Ton wirkt wie aus der Zeit gefallen, so groß, so satt und ausgeglichen, so lupenrein. Schnelle Sätze sind nicht ganz ihre Sache.

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 2 / 2020



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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