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(c) Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Johann Strauß’ „Zigeunerbaron“ gehörte seinerzeit, als ‚Operetten-Papst‘ Volker Klotz das Genre neu publik machte, zu den ‚aussortierten‘ Werken. Zu provinziell, zu spießig, lautete das Verdikt. Das zur Zeit Maria Theresias im Banat spielende Heimkehrer-Stück ist „nicht ohne“, wie an der Wiener Volksoper auch Regisseur Peter Lund weiß. Er lässt’s als Rückblende eines Vorstadt-Brettls erzählen – und stapft doch nicht ohne Mühe durch die Konventionen guter Laune. Lucian Krasznec immerhin singt einen kernigen Sándor Barinkay. Mit Kurt Rydl hat man einen prominenten Schweinezüchter im Stall, Kristiane Kaiser gibt eine saftige Saffi. Für wahrlich „flotten Geist“ aber, für mehr also als einen gut besetzten Repertoirelückenbüßer reicht dies kaum.
Im Café Imperial, dem Klassik-Salon unter den Wiener Kaffeehäusern, denken wir heute über Haare nach. „Ich habe meine Karriere nicht auf Frisurfragen aufgebaut“, sagt selbstbewusst der barhäuptige Christoph Eschenbach (80). Ob sich das wohl verallgemeinern lässt? Der Silberschopf Herbert von Karajans und die verschwitzte Mähne Leonard Bernsteins trugen erheblich zur Wirkung dieser Dirigenten bei. Ihr Kollege Kent Nagano, Besitzer einer beneidenswerten Haarpracht, wird von Orchestermusikern schlicht „Samson“ tituliert. Als Anspielung auf magische Kräfte, die mit adrettem Kopfputz verbunden sein mögen.
So gesehen bräuchte man sich über die neue „Così fan tutte“ an der Wiener Staatsoper unter Leitung von Riccardo Muti nicht zu wundern (ab 22.5.). Der Dirigent hat wundervolle Haare, ist aber – aus leidgeprüfter Erfahrung sei es gesagt – kein geborener Mozartianer. Inszeniert wird das von seiner Tochter Chiara Muti, von der Besetzung kennt man nur Marianne Crebassa (als Dorabella). Immerhin: Staatsopern-Intendant Dominique Meyer lässt sich durch Haarausfall nicht irritieren. Er wechselt an die Mailänder Scala. (Wo er in Zukunft hoffentlich aufregenderes Theater macht als in Wien.).
Im Theater an der Wien bezieht derweil Regisseurin Andrea Breth ein Ausweichlager (nachdem sie im Burgtheater vertrieben wurde): mit Sergei Prokofjews „Der feurige Engel“ (ab 16.4., mit Aušrinė Stundytė). Asmik Grigorian, Shooting-Star aus Salzburg (wo sie als „Salome“ Furore machte), schlüpft in die Rolle der Druidenpriesterin „Norma“ (ab 15.5.). Sofort, wie wir einräumen wollen, erübrigen sich alle leidigen Frisurfragen ganz von selbst.
Auf Abschiedstournee mit dem San Franscisco Symphony kommt Michael Tilson Thomas noch einmal ins Konzerthaus (29.3.). Eine der besten Aufnahmen der Franck-Violinsonate stammt von Joshua Bell, der sie (gemeinsam mit Alessio Bax) ins Konzerthaus bringt (24.4.). Der vortreffliche François-Xavier Roth gastiert mit Solist Frank Peter Zimmermann bei den Wiener Symphonikern (29./30.4.). Orgel-Vamp Cameron Carpenter präsentiert seine digitale Touring-Orgel (6.5.). Im Musikverein singt mit Samuel Hasselhorn einer der vielversprechendsten jungen Schubert-Liedersänger (der sonst an der Wiener Staatsoper meist nicht weiter auffällt; 3.4.). John Eliot Gardiner bringt seine English Baroque Soloists für ein Monteverdi-Programm (24.4.). Cecilia Bartoli singt Farinelli (27.4.). Und Kirill Petrenko präsentiert die Berliner Philharmoniker mit Mahlers Vierter (9./10.5.) Doch nun führen Sie sich folgende Tatsache vor Augen, und ziehen Sie Ihre Schlüsse draus: Sie alle haben Haare, und zwar nicht zu knapp. Ist vielleicht doch nicht so unwichtig. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2020



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