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Mittendrin statt nur dabei: Oper ist ja an sich schon "Virtual Reality" © pixabay.com

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Virtuelle Fantasiewelten

Auf die Kardinalfrage, was das Besondere an der Oper ist, gibt es bekanntlich unzählige Antwortmöglichkeiten. Für die einen ist die Oper einfach nur Theater, bei dem alle singen. Etwas pointierter ist dagegen der Satiriker (und Opernkenner) Eckhard Henscheid an die Gattung herangegangen: „Oper ist, wenn er raufsingt, dass sie runterkommen soll.“ Oder auch nicht schlecht ist dieser Kalauer: Wenn einer ein Messer im Körper stecken hat und nicht stirbt, sondern singt, ja dann ist es Oper! In der Oper ist halt alles möglich. Auch noch das Unmögliche. Alle irdischen Gesetze und logischen Verkettungen von Zeit und Raum werden einfach über den Haufen geworfen. Was die Oper zusammen mit dem Comic zur künstlichsten aller Kunstformen macht.
Dass ihre inzwischen vierhundertjährige Geschichte mit einem Meisterwerk begann, bei dem es bis heute niemanden wundert, dass es auch an so einem unwirklichen Ort wie der Unterwelt spielt, sagt schon einiges über die unstillbare Faszination am Fantastischen aus (gemeint ist natürlich Monteverdis „Orfeo“). Während die Barockoper dafür alle Register der Kulissenkunst und Bühnentechnik zog, um das Publikum in eine komplett andere Welt zu entführen, ist der Opernbetrieb mittlerweile auch im Medien-Zeitalter angekommen. Videoschnipsel erfreuen sich da als vierte Dimension schon lange großer Beliebtheit.
Aber nun geht man tatsächlich, in Augsburg, noch einen Schritt weiter. „Brillen auf“, heißt es ab dem 16. Mai im örtlichen Staatstheater – wenn die Verbreitung des Virus es bis dahin zulässt. Bei der Neuinszenierung von Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ verteilt man nämlich rund 500 „Virtual Reality“-Brillen, mit denen das Publikum rund eine halbe Stunde lang sich wie Orfeo in der selbstverständlich modernen Unterwelt fühlen kann. So bewegen sich die Zuschauer virtuell durch eine Schlucht von Hochhäusern und begegnen computeranimierten Gestalten. „In der Größenordnung hat es das noch nicht gegeben“, so Intendant André Bücker. Trotzdem hat er direkt eine Entwarnung nachgeschoben: „Nein, wir wollen das analoge Theater nicht ersetzen.“ Zum Glück. Die noch so absurdesten Operng´schichten will man doch am liebsten noch mit eigenen Augen sehen.

Guido Fischer



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