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Entschuldigung mit Reißleine: Plácido Domingo © Pedro Walter/Sony

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Schuldig…

Am 27. November 2019 tobte die Elphi – aber nicht etwa vor Empörung, sondern vor schierer Begeisterung. Dabei hatte der Star des Abends kurz zuvor nicht etwa wegen seines Gesangs für Schlagzeilen gesorgt. Dem spanischen Tenor Plácido Domingo wurde vielmehr vorgeworfen, gegenüber Sängerinnen und Mitarbeiterinnen mehrfach sexuell übergriffig geworden zu sein. Domingo stritt die Vorwürfe zwar immer wieder ab. Dennoch wurde bald auch offen diskutiert, ob man seinen schon lange ausverkauften Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie nicht absagen sollte. Doch wie schon bei den Salzburger Festspielen sicherten die bis auf weiteres geltende Unschuldsvermutung in Verbindung mit den bestehenden Verträgen Domingos Rückkehr an die Elbe. Zur Freude der nun 2.000 Zuhörer, die laut Medienberichten einen stimmlich glänzend aufgestellten und bestens gelaunten Sänger erlebten.
Rund vier Monate später wird Domingo nun wieder in der Stadt sein. Im Rahmen der „Italienischen Opernwochen“ sind Ende März Auftritte mit ihm in der Hamburger Staatsoper, in Verdis Oper „Simon Boccanegra“ geplant. Diesmal hat aber der Pressesprecher der Staatsoper angedeutet, dass es noch kurzfristig eine Besetzungsänderung geben könnte. „Wir sind irritiert über diese neuen Entwicklungen und nehmen die Thematik rund um Plácido Domingo sehr ernst“, so Michael Bellgardt. „Wir werden uns auch mit den anderen Institutionen in Europa austauschen und danach an die Öffentlichkeit treten.“ Ausgelöst hat diesen Schritt ein überraschender Sinneswandel bei Domingo. Nachdem der US-Verband der Musikindustrie nach Untersuchungen zum Schluss gekommen war, dass die Vorwürfe berechtigt sind, hatte der 79-Jährige zunächst sein Fehlverhalten offiziell eingeräumt und sich bei den von ihm belästigen Frauen entschuldigt: „Ich möchte, dass sie wissen, dass mir der Schmerz, den ich ihnen zugefügt habe, ehrlich leidtut. Ich erkenne die volle Verantwortung für meine Taten an.“ Wohl überrascht war der Tenor, welche Wucht seine Worte entfalteten, denn nach diesem Schuldeingeständnis reagierte man in Domingos spanischer Heimat und cancelte umgehend zwei anstehende Auftritte von ihm am Teatro de la Zarzuela in Madrid. Schließlich scheint den Sänger das Gefühl beschlichen zu haben, mit seiner Entschuldigung wohl etwas übertrieben zu haben. Denn nur 72 Stunden später hat er jetzt erklärt, sich „nie aggressiv gegenüber irgendjemandem verhalten“ oder etwas getan zu haben, um „die Karriere von irgendjemandem zu behindern. […] Ich weiß, was ich nicht getan habe, und ich werde es wieder bestreiten.“ Wenn diese Wendung nicht auch für die Hamburger Staatsoper alles sagt…
Ein anderer Musiker, der bereits seit längerem für Schlagzeilen in der #metoo-Debatte gesorgt hat, ist der Pianist Siegfried Mauser. Dieser ist inzwischen eigentlich rechtskräftig wegen sexueller Nötigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Doch der Ex-Präsident der Musikhochschule in München hat seinen für Mitte Januar anberaumten Haftantrittstermin in der JVA Landsberg verstreichen lassen. Mauser, der einen deutschen und einen österreichischen Pass besitzt, zog sich mittlerweile nach Salzburg zurück – vielleicht in der Hoffnung, damit zumindest vorübergehend dem Gefängnis zu entkommen. Wie aber jetzt die Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben erfahren haben will, ist inzwischen auch ein europäischer Haftbefehl gegen Mauser erlassen worden.

Guido Fischer



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